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Die Wahrheit · 1929-06-21 · Heft 25 (21.6.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 25 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 rufen erscheint, am sozialen Hilfswerk für die in tausend Nöten jammernde Menschheit mitzuarbeiten. Sie, von der das alte fromme Hochlied „esches chajil mi jimzo" in jeglichem Judenhause erklingt, ist die Retterin des jüdischen Heims, das heute in seinen Grundfesten erbebt und nach dem Beispiel des konzilianten ersten Bürgermeisters Hamburgs sollte man i e d e r dieser nach Hamburg geeilten Frauen, die zu diesem Liebeswerk das Ihrige tun möchten, dankbar die Hand küssen! Die Delegierten aus aller Herren Länder, an ihrer Spitze die würdige Mrs. Rebekah Kohut aus New York, wurden bewillkommt von der durch ihre segensreiche Wirksamkeit weit und breit geschätzten Sidonie Werner und von der populären Emma End er, der Vorsteherin des Städtebundes, und begrüßt von den verschiedenen Korporationen der Gemeinde und von der Geistlichkeit. Mrs. Rebekah Kohut, die in englischer Sprache für den Empfang dankte, bedauerte, daß sie. der deutschen Sprache nicht hinreichend mächtig sei. aber daß das ihrem Herzen entspringend© Wort seinen Weg zum Herzen finde, dürfe sie wohl mit Sicherheit annehmen. Sie gedachte Wiens, dieses lieben Stiefkindes der Welt, (that dearest s t e p - c h i!d of t h e wor ld), dem der erste Besuch nach dem Kriege (1923) galt. Unsere zweitausendiährige Geschichte verschmolz uns zu einer Einheit! Die Zeit ist gekommen, da die Frauen der Welt ihre Männer lehren sollen, einander kennen und lieben zu lernen. (Möchten diese Worte doch Eingang in d;e Herzen der jüdischen Welt finden). Die amerikanischen Delegierten hoffen, nach dieser Tagung reicher, besser und größer heimkehren zu können. Am Gedankenaustausch beteiligten sich folgende Damen: Mrs. Estelle: Sternberg für den ..National Council of Jewish Women of America", Frau Fink (Antwerpen) für die belgischen, Frau Bettina Brenner (Leipzig) fiiir die deutschen. Mrs. Eichholz für die englischen, Myfrouw Wissenbeek Franken für die holländischen, Frau Anita Müller-Cohen für die österreichischen, Frau Dr. Rosenblüth für die palästinensischen, Frau Dr. Ada Reichenstein (Lemberg) für die polnischen. Frau Sophie Abraham (Zürich) für die schweizerischen, Frl. Dr. Schauer für die tschechoslowakischen Frauen. Im Namen der U. O. B. B. snrachen die Herren Alfred Lisser und Oberlandesgerichtsrat May. Frau Prof. Wichmann sprach für den Allgemeinen Deutschen Frauenverein. Was verle'ht dem Antlitz der Jüdin seinen so seltsamen Re:z? — Nicht die äußere Schönheit allein ist es. nein, es nimmt uns dadurch gefangen, weil es ein Spiegel ihrer Seele ist, weil iede seelische Regung in ihm ihren Ausdruck findet. Wie leuchtet das edle Auge in der Glut heiliger Begeisterung! Wie lodert aber auch in ihm die Flamme der Empörmrg und des Zorns! Den ersten Verhandlungstag eröffnet die Pfräsidentin Mrs. Rebekah Kohut mit dem biblischen Segen: „Gesegnet sei der Tag unserer Zusammenkunft, gesegnet sei der Name des Herrn!" Sie gab der Freude Ausdruck, in Hamburg zu weilen. Diese Stadt der Tatkraft und Intelligenz verleihe ihr die Hoffnung auf ein gutes Gelingen des Werkes. Im Namen des Senats sprach Herr Senator Cohn, der die Ankünd-gung brachte, daß der Senat die Damen im Rathaus begrüßen werde, um damit gleichsam das Interesse, das er an dieser Tagung nehme, zu bekunden. Das Bewußtsein der Schicksalsgemeinschaft sei zu keiner Zeit so stark gewesen, wie in der gegenwärtigen. „Deshalb helfen Sie, meine Damen, daß der Wille zu gemeinsamer Arbeit überall starken Widerhall findet!" Herr Frischmann, als Gemeindevertreter, gab seiner Freude Ausdruck, daß gerade unsere Stadt, die wie keine andere dem Weltverkehr diene, zum Tagungsort auserlesen sei. Die Erkenntnis der Gleichwertigkeit der Frau habe sich während des Krieges durchgerungen. Der Mann stehe heute nicht mehr der Frau gegenüber, sondern mit ihr in Reih' und Glied. Frau Emma Fnder brachte den Willkommensgruß des Bundes, deutscher Frauenvereine. Sie habe mit FrL Sidonie Werner 15 Jahre iremeinscbaftlich gearbeitet und sei ihr dadurch in Freundschaft verbunden. Sie bewundere die Tatkraft und die hinreißende Redegabe Mrs. Kohuts. Unter solcher Leitung läßt sich Ersprießliches für den internationalen Zusammenschluß erhoffen. Es erfolgen Ansprachen der Herren Oberrabbiner Dr. Carlebach und Rabbiner Dr. Hölzer. Zum Thema „Jüdische Hei r a t s- und Ehe-Gesetze" nahm das Wort Mrs. Lizzi Hands (England). S% verbreitete sich über die Schwierigkeiten, unter denen heute tausende heiratsfähige jüdische Mädchen zu leiden haben, streifte auch die Mängel in der Frage der Ehescheidung und andere zu diesem Komplex gehörenden Fragen. Sie schlagt vor. eine rabbinische Behörde zu schaffen, der solche Fragen unterstellt sein mögen. Eine lebhafte Debatte löst dieser Vortrag aus. Frau Dr. Ada Reichen stein bekämpft das snezifisch ostiüdische AgunothnroMem. Man räume endlich mit der schändlichen Ansicht auf, daß das unverheiratete Mädchen ein Makel der FamiTe sei. Will m^n etwa dnreh überstürzte Heiraten unglückliche Ehen schaffen?! — Als ein verhängnisvolles Unikum sei der Umstand anzusehen, d^R in Osteuropa die Juden noch keinen festen Familiennamen führen: da kann es vorkommen. sondern der korrekten Berichterstattung wegen. Aber dies alles nicht nebenbei, denn in der Hauptsache gilt es, nicht die Operette allein zu schildern, sondern auch das Publikum, welches sie sah. (Das Theater wird, wie mir berichtet wurde, vornehmlich von den Bewohnern der Grenadierstraße, der Dragonerstraße und der Kaiser-Wilhelm-Straße besucht, also vom sogenannten „Scheunenviertel". Theater wird gewöhnlich auf der Bühne gespielt — aber hier spielte man im Saale mit; buchstäblich zu nehmen. Bühne und Publikum waren eins, ein Herz und eine Seele. Man zwinkerte sich zu, von der Bühne, herunter, vom Publikum hinauf; man warf saftige Witze unter die Leute, man winkte sich Beifall zu, warf sich Komplimente an den Kopf, außertextlich, ungezwungen, frei von der Leber weg — kurz, man kannte sich gut, waT vertraut mit den Darstellern und ihren privaten Sorgen und Freuden, war da, um beisammen zu sein, um sich gegenseitig zu belustigen — ein dankbares Publikum, kritiklos, gutmütig, wohlgesinnt. Ein Publikum, wie es sich jeder Schauspieler wünscht; ein. Publikum, welches den sogenannten „Kontakt" gleich in der Tasche mitbringt. Und deshalb wurde gut gespielt, deshalb gab es keine „langen Stellen", keine falschverstandenen Witze, keine Sekunde der Langweiligkeit: deshalb keine schlechte Kasse und Laune der Unternehmer. Es herrschte eitel Freude und Lustigkeit. Neidische Menschen konstatierten: ein gutes Geschäft für den Unternehmer (der nebenbei ein streng koscheres Restaurant in der Grenadierstraße betreibt.) Was gespielt wird, ist gleichgültig, die Hauptsache: daß gespielt wird. Ein Beispiel: Der Hauptdarsteller gefiel in einer Szene besonders gut, worauf das Publikum Tasend Beifall spendete. Der Darsteller fühlte sich nun besonders verpflichtet, winkte seinen Mitspielern zu, in den Hintergrund zu treten und sang — hört! hört! — auf r u s sis ch das Wolgaüed; daraufhin wieder spontaner Beifall, Verneigung, wieder ein Wink, die Operette ging weiter an der unterbrochenen Stelle, als sei inzwischen nichts vorgefallen. Und das Wolgalied? Ein besonderes ..Geschenk" des Schauspielers: da. seht, wir «sind nicht kleinlich, wir lassen mit uns reden. Dasselbe Gefühl* hptte ich beim Auftritt des Balletts: seht, sind wir nicht ^roßziiigig? Da habt ihr was für euer Geld. Und das gute Publikum war dankbar und ließ es sich anmerken. Beim zweiten Akt lebte sich das Publikum so in d;e Welt des Stückes ein. daß man hätte meinen können, gar nicht;m Theater zu sein, sondern in einem Saale, in dem etwas sehr Wichtiges vorkam, etwas, was jeden anging und wobei sich ieder das Recht nahm, mitzureden. Als der falsche Hausfreund, der Mann mit dem tipptoppen Anzug und dito Krawatte, am Hochzeitsabend die Braut, seine frühere Geliebte, mit deren Willen frech entführt und der betrogene Bräutigam in wildem Schrecken umherrast, verzweifelt ob dieses schändlichen Verrates, lassen sich aufge- Stimmen aus dem Publikum hören: „Nebbich, der Mann, er wird sich 's Leben nehmen!" „Ein gemeines Weibsbild, die Schwarze. Wenn das mir nassieren würde, ich hätte sie beide erschossen, so war ich lebe . . ." ..Erschossen? Geh. schieß4, wenn se weg sind! Ein Chochem! Schießen will er!" i „Ach", sagte darauf ein Dritter. „Ach. man schießt nicht, s'kommt noch ein Akt, Berele — chap nischt die Lokschen vor der Brühe---" „Hach". seufzt hinter meinem Rücken ein Backfisch von etwa 14 Jahren. ..Hach, er verzweifelt gut — Alexander Mosse 1 hätte es nicht besser gespielt!" (Die junge Dame meinte , Alexander Moissi.) „Was heißt .gut'?" antwortete femand neben dem Backfisch, „so was kann nur ein Jid spielen. Wie kommst du auf

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