Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEI1 der Minderheiten kein nennenswertes Ergebnis gezeitigt. Deutschland und Polen haben sich beinahe versöhnt und es bleibt im Großen und Ganzen alles beim alten. Das bedingt aber noch nicht, daß, wie „Die Stimme" meint, „das Los der Minoritäten denn doch kein so erfreuliches ist, daß eine Reform ihrer Rechtstellung glatt abzuweisen wäre"; Lucien Wolf hat in seinem Interview aufgezeigt, daß die Verhältnisse der Juden in Osteuropa besser geworden sind, und gerade deshalb eine Aenderung der Minoritätsrechte abgelehnt, welcher Ansicht auch der Völkerbundrat beigepflichtet hat. Ein Satz des Interviews hat, wie nicht anders zu erwarten war, die Zionisten am meisten empört. die Behauptung Wolfs: „Nationale Minderheiten gibt es nicht. Das ist eine Erfindung der Zionisten." Da diese Behauptung nicht zu widerlegen ist, hat doch Lucien Wolf ausdrücklich die einschlägigen Bestimmungen der Friedensverträge zitiert, die nur von „Minderheiten nach Rasse, Sprache oder Religion" sprechen, so wird von der „Stimme" eine Widerlegung erst gar nicht versucht, sondern mit einer Entgegnung gearbeitet, die geradezu köstlich ist. Sie1 schreibt: „Es mutet gerade für einen jüdischen Politiker nichtnationaler Einstellung sonderbar an, lieber mit dem Begriff der Rasse als mit dem der Nation zu operieren." Verzeihung, werter Herr Nichtleisetreter, wo operiert Lucien Wolf mit dem Begriff der Rasse? Gerade aus seiner nichtnationalen Einstellung als „Engländer mosaischen Glaubens" geht klar hervor, daß er mit Recht die R e 1 i g i o n als das unterscheidende Merkmal für die jüdische Minderheit ansieht. Dieser Auffassung schließt sich auch der Frankfurter „Israelit" an, wenn er zu der strittigen Frage bemerkt: S&uilletcn. Jüdisches Theater in Berlin. Von Josef Kaplan. Fulda. Begleitet von wilden Schreien des Verkehres schlendere ich am Spätnachmittag durch die Straßen des Zentrums der Mürazstraße zu. durch jene Gegend, in der sich mancher Glaubensgenosse so heimisch fühlt, vorbei an der Kaiser-Wilhelm- Straße, an deren Ecken bescheidene Händler Gummimäntel anbieten, Gelegenheitskäufe, sehr billig, nur sechzehn Mark das Stück. Gemächlich schreite ich durch die Grenadierstraße, mit der Absicht, einen „Hajnt" zu kaufen. Da fällt mein Blick auf ein rotbedirucktes Plakat: „Jüdisches Operettentheater". Es „spielt" die Operette „Wo ist sein Weib?", in den Hauptrollen der und die, weltberühmt, „größte" Künstler von Ruf und Namen anerkannt, bereits mit größtem Erfolg gastiert in New York, London, Paris, Konstantinopel, Kairo, Bombay, Yokohama, Peking, Tibet, Spitzbergen, Frankfurt a. M.. Warschau — kurz, Kanonen, Kanonen, Kanonen. Kommt, seht, hört! Warum eigentlich nicht. Ich ging also, um zu sehen und zu hören, erwartungsvoll, neugierig, aufnahmebereit. Im Kassenraum ein Summen und Brummen, ein Rufen und Reden, sehr vertraulich, familiär, ungezwungen, jeder war „wie zu Hause". Die Atmosphäre gefiel mir, offengestanden, es war wie anno dazumal, dachte ich mir; wie damals, als Väterchen Nikolaus noch lüber Polen herrschte. Und es geschah, daß ich mich im Saale befand und zehn Minuten lang meinen Platz suchen mußte — Platzanweiser „Es ist für alle diejenigen jüdischen Kreise, die dazu berufen sind, in politischen Organisationen zu arbeiten, außerordentlich wichtig, sich vor allen Dingen die letzten Feststellungen Mr. Wolfs vor Augen zu führen. ,Die> internationale zionistische Presse versteht es meisterhaft, die Suggestion zu erzeugen, als seien die Juden auf Gedeih und Verderb mit den Nationalismus der Minderheiten verbunden. Demgegenüber kann gar nicht oft genug auf die von Mr. Wolf hervorgehobene Tatsache hingewiesen werden, daß die Verträge überhaupt nicht von nationalen Minderheiten sprechen. Auch als religiöse Minderheit können die Juden, ohne das ganze Ressentiment der nationalen Leidenschaften der Mehrheitsvölker auf sich zu lenken, für ihre wirkliche Lebensinteressenten eintreten." Auch wir vertreten seit Jahren diesen unseres Erachtens einzig richtigen Standpunkt, selbst auf die Gefahr hin, deshalb der „Leisetreterei" bezichtigt zu werden. Das geniert uns ebenso wenig, als wenn man uns, wie dies unlängst in der „Stimme" geschah, wegen der gleichen Sache den verlogenen Vorwurf macht, daß wir gegen die Bundesbeiträge für die Kultusgemeinde sind. Für uns ist eben der Nationalismus nicht das jüdische Allheilmittel wie für diese Herren. Oskar Hirschfeld. Die Weltkonferenz jüdischer Frauen in Hamburg. Von John Jacobsohn, Hamburg. Während des Weltkrieges, hat ein dänischer Glaubensbruder — ob es der Dramatiker Ludwig Nathansen war, soll nicht mit Bestimmtheit behauptet werden — den kühnen Gedanken ausgesprochen, das in alle Welt zerstreute Volk Israel sei berufen, den Völkern den Frieden zu bringen. Diese imposante Idee, die dem idealistischen Hirne, dem sie entsprang, höchste Ehre macht, konnte niemals, ernstlich in Erwägung gezogen werden, denn sie überschätzte die Einflußsphäre der jüdischen Minorität. Anders ist es mit der jüdischen Frau. Sie, welche die nüchterne Sachlichkeit des Mannes mit der Skala ihres tieferen Gefühlslebens ergänzt, säe ist es, die besind Luxus — und daß ich mir meinen teuer erkauften Stuhl erst erstreiten mußte, denn er war — o Ordnung — besetzt. Schlag neun, mit einer Stunde Verspätung, klingelte es. Der Sturm begann sich zu legen, Stühle klapperten zum letzten Male, es knarrte an allen Ecken und Enden des dichtbesetzten und bestandenen Saales, es hüstelte allerwärts, die Hälfte der Beleuchtung erlosch. Erwartungsvolle Minuten vergingen. Ich sah um mich, nunmehr unbeobachtet, und — oh, Wandel der Zeiten —: Bart saß neben Bartlosigkeit, hutbedeckte Männerköpfe neben unbedeckten, dichtgescheitelte Frauen neben bubigeköpften. Oh, Zeit — wie hast du dich gelustwandelt! Nochmals Geklingel: mäuschenstill wurde es; Finsternis trat ein; der Vorhang ging hoch; man begann auf der Bühne zu „spielen". Man sprach Jiddisch, Literatur jiddisch; jedes Wort verstand man. Auf der Szene bewegten sich die üblichen Figuren: zwei Liebhaber, einerseits männlichen und anderseits weiblichen Geschlechtes — Schwiegervater und Mutter,' wenig sympathisch, eher abschreckendes Beispiel — der unvermeidliche Komiker in diesem Falle ein amerikanischer Sheriff jüdischen Glaubens — ein Hausfreund, der eklig genug ist, alles durcheinander zu bringen, charlatanhaft, Scheitel rechts,, tipptoppen Anzug, dito Krawatte — und noch viele andere, die ihr Leben auf jiddischen Bühnen abmachen müssen. Außerdem — Achtung! Ein reizendes Ballett, schick, sehr wenig bekleidet, wie aus einer Revue James Kleins. Das Ballett gehörte nicht zur Operette, es war sozusagen eingelegt, hineingestellt, um der Operette eine „Aufmachung" zu geben. Ich möchte es wagen, zu behaupten, daß die Tanzdamen als „Zimmes" dargereicht wurden, um dem Menu einen „festlichen" Geschmack zu verleihen. Damit erkläre ich mir' manches saftige Schmatzen in meiner Nachbarschaft, womit ich, Gort behüte, nicht behaupten will, daß die Wohllaute hinter einem Bart hervorkamen. Ich vermerke dieses nicht etwa, um üble Nachrede zu machen,