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Die Wahrheit · 1929-06-21 · Heft 25 (21.6.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 25 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer "50 Oroschen ^tlimWoJmJu^ ■mit des Veröffentlichungen der „Union deufschösterr. Juden1 und den »Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen- Kultusgemeinde Wien" l!j:'M!l«!!:!l!!linilll!l!llll»MllllllllllllHIH!!inilll11ffl!ffl!inil^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 21. Juni 1929 Nummer 25 Antwort eines Leisetreters. Das Interview, das mir Luden Wolf gelegentlich seiner Anwesenheit in Wien gewährte, hat, wie zu erwarten stand, in weitesten Kreisen Beachtung und Aufsehen ausgelöst. Besonders seine Ansichten über die Minderheitsrechte, also über ein Gebiet, auf dem er wie wenige führend wirkt, haben die jüdische Oeffentlichkeit stark beschäftigt. Mehrere jüdische Blätter des Auslandes, so unter anderen der Frankfurter orthodoxe „Israeli t", haben sich mit unserem Artikel eingehend befaßt und je nach ihrer Parteistellung zustimmend oder ablehnend geändert. Kein Wunder also, dlaß auch das Organ der österreichischen Zionisten „D i e S t i m m e" zu diesem, wie wir ohne Uebertredbung sagen dürfen, sensationellen Interview Stellung nahm. Man muß sagen, daß sie dies im Gegensatz zu ihren sonstigen Auslassungen gegenüber unserem Blatte und unserer Richtung, der ja auch Lucien Wolf nahesteht, in geradezu objektiver Weise tat. Wohl widerspricht der Titel ihrer Entgegnung „Minoritätspolitik der Leisetrete r" dem recht sachlichen Inhalte dieses Aufsatzes, aber wir sehen gerne über diese liebenswürdige Titulierung hinweg, da sonst der Artikel, wie erwähnt, objektiv gehalten ist. Zu einer solchen Einstellung hatte „Die Stimme" wohl alle Veranlassung „mit Rücksicht auf seine (Wolfs) Persönlichkeit", denn dieser englisch-jüdische Politiker hat in seiner jahrzehntelangen Tätigkeit so viel für das Judentum geleistet, daß selbst ein zionistisches Blatt ihm bei aller gegnerischen Auffassung die Achtung nicht versagen kann. Trotzdem begeht „Die Stimme" in der Beurteilung dieser ganz hervorragenden Persönlichkeit einen kardinalen Fehler. Vielleicht veranlaßt durch die einleitende Feststellung Lucien Wolfs in seinem Interview: „Die Juden in England1 sind Engländer mosaischen Glaubens" will das Blatt Wolfs Ansichten über die Minderheitsrechte aus seinem britischen Fühlen und Denken ableiten. Das ist grundfalsch. Lucien Wolf sieht die osteuropäischen Verhältnisse nicht mit britischen, sondern mit jüdischen Augen, er ist in diesen Fragen nicht Engländer, sondern Jude. Paul Nathan hat diese Einstellung des großen' englischjüdischen Politikers Lucien: Wolf richtig charakterisiert, als er seinerzeit in unserem Blatte über ihn schrieb: „Lucien Wolf, der gegen eine Versklavung der Juden in seinem Lande nicht zu kämpfen braucht, ist daher in der Lage, die Summe seiner Kräfte der Hilfe für Juden in fremden, meist barbarischen oder doch halb barbarischen Ländern zuzuwenden." So steht es wirklich um Lucien Wolf, der wohl manchen jüdischnationalen Politikern gegenüber als Brite den Vorteil hat, „die Dinge", wie auch „Die Stimme" richtig bemerkt, „ohne unnötiges Sentiment" zu betrachten. Dieses Sentiment läßt er auch bei seiner Behandlung der Minderheitsrechte außer acht, die er, wie gesagt, vom jüdischen und nicht vom britischen Standpunkte sieht. Daß sich in der Frage der Aend e r u n g dieser Rechte diese' beiden Standpunkte treffen, besagt nichts gegen das Ueberwiegen des jüdischen. „Die Stimme" hat ja wohl recht, wenn sie meint, daß „zumindest bisher gerade für die westlichen Demokratien die Minderheitenfrage nur eine akademische ist", aber gerade diese Tatsache veranlaßt speziell die englische Regierung, sich in solchen Fragen von an den Dingen Interessierten beraten zu lassen. Wir wissen es z. B. von Lucien Wolf selbst, daß das Memorandum, das die englische Regierung an das Dreierkomitee, welches vom Völkerbund zur Beratung von Abänderungen der Minderheitsrechte eingesetzt wurde, sandte, stark vom Joint Foreign Committee, dessen Generalsekretär eben Lucien Wolf ist, beeinflußt wurde. So handelt eine wahre Demokratie. Lucien Wolf hat in seinem mir gewährten Interview ausdrücklich gesagt: „Es würde eine Gefahr für die Minderheiten sein, große Aenderungen vorzunehmen." Daß er dabei natürlich als Jude nur an die jüdischen Minderhieüten in Osteuropa dachte, ist nach dem oben Gesagten klar. Die Gefahr, von der Lucien Wolf sprach, ist bei der letzten Ratstagung des Völkerbundes in Madrid abgewehrt worden. Wie Wolf es selbst vorausgesagt hatte, haben die Verhandlungen des Völkerbundrates über die hauptsächlich von Deutschland aus gewissen Gründen (Streit mit Polen) angeregte Aenderung des Verfahrens zum Schutze-

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