Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT den- Spieltitieb entwickelte, wie er sich z. B. in früheren Zeiten im Ghetto zu Purum austobte, und austollte und wie er noch heute in den jüdischen Siedlungen Palästinas die kecke, bunte, phantastische Fröhlichkeit des traditionellen Karnevaltneibens von Köln und Nizza in Schatten stellen soll. Als der Zeppelin Neu-Zion überflog, waren diese Puriim-Lustbarkeiiten, die die Straße zur Schaubühne und jedermann zum Schauspieler machen, gerade im Zuge. Kein Wunder also, vielmehr geradezu. Selbstverständlichkeit, daß nach Erschließung der gesellschaftlichen Schranken durch die Emanzipation der Jude seinem Spieldrange nachgab und dem Berufe des Bühnenkünstlers zustrebte, den »ihm überdies die Kulturmission verklärte. Kein Wunder auch darum, sondern Selbstverständlichkeit, daß im Theaterbetriebe., wo das Können un'ülberschaubar, unverdrängbar zu Tage tritt, wo es sich auch in den bescheidensten Rolle durch eine Betonung, eine Bewegung äußern, wo es auch im Hintergründe der stummen Komparserie bemerkbar werden kann, der jüdische Schauspieler sich derart durchgesetzt hat, daß ihm führende, Richtung gebende Posten zugefallen sind. Ich. habe schon einleitend eine Reihe solcher führenden Schauspieler erwähnt, die aus ihrer Zeit nicht wegzudenken sind, die ihr Farbe und Wert gegeben haben. Die Zahl läßt sich ins weiteste vermehren. Und ich kann doch mir die deutsche Bühne, selbst diese nur in flüchtigster Ueberschau, ins Auge fassen, muß daran vorbei gehen und sehen, daß die größten Tragödinnen der Franzosen, die Rachel, die Mars, die Sarah Bernhardt Jüdinnen waren, daß das russische Theater, die russische und übrigens auch die amerikanische Filmkunst und Bühne, die heute wegweisende, machtvolle Faktoren sind, in ihren Spitzen und Lenkern die jüdische Begabung dokumentieren, ich kann auf die üppigen Ströme von Darstellungstalent, die durch die spezifisch jiddischen Schauspielertruppen fließen, nur hinweisen. Und darf selbst die besten deutschen Mimen jüdischen Blutes nur Revue passieren lassen, ohne die Vollständigkeit anzustreben^ Ich muß mir auch die Charakterisierung und den Versuch einer Porträtierung ins Einzelne versagen. Das wäre eine Aufgabe für das Buch, für Bücher. Hat sich doch sogar Arnold Zweig für seine 300 Druckseiten auf eine Auslese beschränken müssen, in der er — mit wenigen Ausnahmen — rast nur unsere Landsieute aufziehen läßt. Für die meisten von ihnen ist das Wort von dem im Vaterlande nicht geltenden Propheten nicht geprägt, wenn sie auch vielleicht erst draußen zur Volientfaltung ihrer Kräfte gelangt sind. Kortner, Pallenberg, Schildkraut und sein Sohn, Emanuel Reicher und Ernst Deutsch, die Bergner, die Triesch, die Massary und die Orska. wir kennen sie, wir schätzen und lieben sie. Paul Graetz und Alexander Granach sind unserem Publikum bisher nicht näher gekommen. Aber auch sie zählen zu den Erlesenen, zu den Stützen der deutschen Bühne. Daß Arnold Zweig Ida Roland übersehen hat, diesen Temperamentsdämon, diesen Wirbelwind, diesen Tornado unseres Theaters, und die vielgestaltige Maria Fein, das ist ein Mangel seines Buches, darin er die liebliche Sibylle Binder, die wir hier zuletzt als Mary Dugan gesehen haben, nur so nebenbei als „auch eine Wiener' Jüdin" nennt. Begreiflicher, daß er den starken jüdischen Anteil an der deutschen Oper und Operette in Sängern, Dirigenten und Regisseuren links Hegen ließ, worin ich ihm folgen muß. Aber neben den Meisterregisseuren Otto Brahims. Max Reinhardt und Leopold Jessner hätten wohl auch Josza Savits. .Adolf Steinert, Berthold Viertel, Josef Jarno und der alte Emil Claar in Frankfurt a. M. sowie unsere jungen Schöpfer der Szene Friedrich Rösenthal und Hans Brahm genannt werden müssen, die an der Bereicherung der Ausdrucksfonmen des deutschen Theaters, an seiner Modernisierung als Pioniere mitgearbeitet haben und wacker mitarbeiten. Fast unübersehbar ist die Reihe der deutschen Schauspieler jüdischer Rasse. Aus verrauschten Tagen haben sich Theaterfreunde diei Erinnerung bewahrt an Karl Arnau, der in Laubes Stadttheater und im Burgtheater wirkte, als Lehrer fruchtbare Saaten streute und dessen Name noch in einer Wiener Schauspielschule lebendig ist, an den längst nicht mehr öffentlich lachenden und Lachen BAD ISCHL m Pension Jupiter Salzkammergut Llndaustraße 18 Prächtige Lage Ruhig, vornehm Streng ritueller Kuthenbetrlel) unter Leitung von ». SPIEGEL. Ausgexeicb netes Mittegamenfi auch & la Carte Komfortabel eingerichtet, beste französische und Wiener Küche, jede Diät, Fam.-Arrangement, Garage, Telephon. Bäder im Hause. Prospekte WmMm m J«uü ewnttOltft erzwingenden Komiker Poldi Deutsch, an die talentreichen Familien Unk und Guttmann, an Bertha Hausnan. einst das „Sonnenscheincnen" unseres Deutschen Volksthieaters. am die kleine Lfia Rosen mit der großen Seele, die heute in Jerusalem rezitiert und Schauspiel er1 erzieht, an den still gewordenen Humoristen Eduard Kornau, den kürzlich verstorbenen Eduard Steinberger, an die schöne Salondame Hermine Rejichenbach. den bestrickenden Naturburschen Ludwig Stahl u. a. In Berlin wirkt noch als kerniger Alter Dr. Max Pohl, •ist Sigmund Lautenburg nicht vergessen, in München Emil Drach, in Frankfurt a. M. der Wiener Janl Szika, in Hamburg Max Löwenfeld, in Prag Edmund Loewe, in Köln und Dresden Ernst Leiwinger, in Meiningen Hermann Jacobi und Leopold Teller, in Karlsruhe Gustav Sohafranek. in Mannheim Toni Wittels. Wir 'in Wien wahren dankbares Gedenken Künstlern, deren manche gar nicht mehr, manche nur mehr im Radio, andere als seltene Gäste und wieder einige Sn Vaflietes. zu genießen sind wie Dr. Egon Friedell, der geistvolle Kulturphilosoph, Paul Askonas, Gustav Charle, Julius Sachs, Louis Treumann, Charlotte Waldow, Ciaire Wallentin und Theodor Weiss. In diese Gruppe reihen leider auch Leopold Kramer, Jakob Feldhammer, dessen ältere Schwester Anna auch eine ausgezeichnete Schauspielerin war, und Martha Trebitsch. In Hamburg wirken als leitende Geister Siegfried Jelenko und Erich Ziegel, sowie dessen Gattin Mirjam Horowitz, unser- Eugen Jensen ist heute ein Liebling dler Frankfurter neben der dortigen Wilbrandt-ßaudfus, Sofie König und Theodor, dem jüngsten aus der Danegger-Familie, dessen Oberhaupt hier als dramatischer1 Lehrer wirkt, während sein älterer Sohn Josef in Berlin als Nummer gilt, wie sich auch Marceil Salzer, der prächtige Rezitator, Paul Morgan und Max Landa, sowie Reinhardts Freund und Mitarbeiter Berthold Held, seit 25 Jahren Leiter der Schauspielschule des Deutschen Theaters, dem der Berliner Schauspielerwitz die Würde eines General-Heldmarschalls Max Reinhardts verliehen hat, höchster Wertschätzung erfreuen. Fast alle Wiener, oder doch Oesterreachiar. Trotz des starken Exports erquicken wir uns hier noch an köstlichen jüdischen Künstlern. Da ist vor allem Oskar Beregi, der prächtige Charakteristiker, der sich — konsequenter als seine Kollegin im Budapester Nationaltheater, die Tragödin Serena Fay, älteren Stammgästen unseres Volkstheaters wohl noch in guter Erinnerung — die deutsche Bühne und das deutsche Publikum bis nach Amerika hinüber erobert hat, hierher reiht die unwiderstehliche Gisela Werbezirk, ein Typus für sich, da dienen mit Berufenheit dem heiligen Lachen Fritz Grünbaum und Karl Farkas, Ludwig Stärk und Arnold Franz. Im Ensemble des Burgtheaters, dessen höchsttragender Pfeiler Adolf Sonnenthal war, bilden heute Josef Moser, Wilhelm Heim, Lily Karoly und Julius Strebinger ein jüdisches Inselchen, während das kleine Reich des Theaters der Komiker im Geiste des protheusstarken Eisenbach von jüdischem Humor und jüdischer Kunst beherrscht wird. Aus dem Nachwuchs treten auch schon mit persönlichen Zügen, vielfach mehr als verheißungsvoll, bereits schöne Erfüllung, mehrere Junge, (hervor, so der quecksilberne Kurt Bois, der Magnet des Lustspieles „Leinen aus Irland", Peter Lorre, Heinrich Schnätzler, der Sohn unseres Dichters. Rieh. Duschinsky, Anna Katharine Saiten, die Tochter unseres angesehenen Schriftstellers Felix Saiten, und Marcella Salzer, auf die ihr Vater, der prächtige Rezitator Marceil Salzer, schon stolz zu werden beginnt, Junge, die sich alle rasch in Berlin zur Vorderreihe durchgespielt haben, sowie — um endlich abzuschließen' — der Prager Pufolikums- Liebling Willi. Trenk-Trebitsch, der wie viele der Genannten von Wien ausgegangen ffst und gewiß über kurz oder lang seine Berufsbahn ehrenvoll hier fortsetzen wird. Sie alle sind würdige Nachfahren Adolf Sonmenthals, der im neuen Burgtheaterpalaste das Wort der Weihe als Geist des Biwgtheaters sprach, deT er wirklich war. aber ntfeht nur das, er war auch das Herz dieses Burgtheaters, wie man die jüdischen Schauspieler überhaupt die Arterien, den Leben erhaltenden Herzschlag der deutschen Bühne nennen darf. ™* Restauration in SalzDnrg tw Hermann Kolin wolfdletridisfrofie Nr. 14 Müßige preise! Oute KttAe?