Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT krankheitshalber — ebenso wie S o k o 1 o w geschäftehalber — bei der Tagung nicht anwesend, dennoch aber beherrschte sein Geist die ganzen Beratungen. Er hatte auch ein Schreiben >an das Aktionskomitee gesandt, gewissermaßen! eine Bofschaft von höchster Stelle, deren wichtigster Punkt besagte, daß er sich für die Palästinatreue der menschlich sehr hoch stehenden Partner von der nichtzionistischen Seite verbärge, von deren Mitwirkung eine wesentliche Beschleunigung des Tempos des Aufbaues der jüdischen Heimstätte zu erwarten ist. Unter dem Eindruck dieser sicherlich weitgehenden Erklärung wurde alles gutgeheißen, was Weizmann wollte, und alles verworfen, was seine Gegner, die radikalen Zionismen unter Führung des polnischen Sejmabgeoirdneten Jizchak Grtünfoaum verlangtem Und deren Forderungspirogramm war gerade nicht klein, war vielmehr so groß, daß man angesichts der Kürze der Tagung direkt an eine Obstruktion denken konnte; Sie fielen aber mit aläen ihren Wünschen durch. Nur einer ihrer Forderungen wurde' Folge gegeben, nämlich der, die Baifour-Deklaration in die Einäeitung der Konstitution der Agency aufzunehmen. Das ist natürlich nichts anderes als ein politischer Schachzug mit der Absicht, das „national -honte", von dem die Deklaration spricht, auch in der Agencykonstitution zu verankern. Wir erinnern uns, daß bei. der Debatte über die Beteiligung der deutschen Nichtzionisten an der Agency dieses „national home" eine große RolJe gespielt hat, besoaders radikale Nichtzionisten gingen damaJs sogar so weit, seine Eliminierung aus dem Texte zu verlangen, da es den nichtnationalen Juden eine Beteiligung am Aufbauwerke unmöglich mache. Und nun wird das ominöse Wort gar in den „Friedensvertrag" zwischen Zionisten und Nichtzionisten aufgenommen: wir fürchten sehr, daß das zu neuen Reibereien führen wird. Daß ein Antrag der radikalen Zionisten, der sich gegen die Ernennung von Delegierten für die Agency und für eine ehrliche Wahl derselben wandte, vom Aktionskomitee abgelehnt wurde, spricht nicht allzusehr für den Geis* der Demokratie, der ja dort vorherrschen soMte. Wir verweisen auf unsere eigene wnederiholte Kritik zu diesem Uebelstande, der anscheinend auch in Oesterreich Platz greifen soll. Von Interesse war noch die Ablehnung des Antrages der radikalen Zionisten, daß eine Auflösung des Councils jederzeit durch einen der beiden Vertragspartner erfolgen könne. Das Aktionskomitee hat vielmehr diesbezüglich den Standpunkt der amerikanischen Nichtzionisten gebilligt, dec einen qualifizierten! Majoritätsbeschluß für die Auflösung verlangt. Da somit alle Resolutionen der Radikalen verworfen wurden, legten sie durch Grünbaum eine Rechtsverwahrung ein, die wahrscheinlich beim zionistischen — Salzamt von Erfolg sein wird. So groß war der „kleine" Kongreß. Um die Jewish Agency. In der gesamten jüdischen Presse kursierte eine Mitteilung des bekannten Misrachi-Führers Meier Be r 1 i n, in der es heißt, daß Agudas Jisroel und Misrachi wegen einer gemeinsamen Vertretung in der Jewish Agency unterhandeln. Die Aguda-Zentrale in Wien teilt mit, daß derartige Unterhandlungen weder mit der Misrachi-Leitung, noch mit Persönlichkeiten des Misrachi geführt wurden. Wie der J. T. A.-Vertreter aus Paris erfährt, hat die Alliance Israelite Universelle in Paris, an die wegen ihrer Beteiligung an der Jewish Agency herangetreten worden war, diese Einladung damit beantwortet, die „Alliance" sei eine internationale jüdische Körperschaft und nicht lediglich eine Vertreterschaft der französischen Judenheit; sie fühle sich darum nicht als eine Organisation, die die französischen Juden in der Jewish Agency repräsentieren könnte. I In memoriam Adolf Hofmann* | t,i|...iim»..^TgrTrmMw^^ Bin wirklich edler1 Mensch voll Eifai« für jüdische Angelegenheiten ist am 7. d. M. von uns gegangen, ein Mann, der sich wegen seines trefflichen echt jüdischen Charakters wohlverdienter Achtung in der Wiener Judenschaft erfreute. Vor mehr als 50 Jahren hatte Adolf Hof mann mit einem kleinen Häuflein glaubenstreuer Juden unter den schwierigsten Verhältnissen und mit den bescheidensten Mitteln den Tempelverein für die Bezirke Wieden-Margareten gegründet, dessen Obmann er 35 Jahtre lang war, und ein kleines Bethaus zur Verrichtung der Andacht gemietet. Im Jahre 1910 gelang es ihm. unterstützt durch persönliche materielle Opfer der» Mitglieder und Gönner des Tempelvereines das Gotteshaus in der Siebenbrunnengasse zu errichten, welches nicht nur Erbauung und Trost den Gläubigen spendet, sondern bis zum heutigen Tage den Mittelpunkt aller' jüdischen Bestrebungen unserer Glaubensbrüder in den beiden Bezirken bildet. Die Erbauung dieses schönen Gotteshauses krönte sein Lebenswerk. Im Jahre 1921 wurde er in Anbetracht seiner hervorragenden Leistungen auch zum Ehnempräsidenten des Vereines gewählt. Den „väterlichen Freund und Berater" nannten ihn seine Vorstandskollegen. Deir väterliche Freund und Berater war er nicht aiein seinen Kollegen im Vorstande, sondern allen, allen Hilfesuchenden, die sich an ihn wandten und denen er in seiner wahrhaft unerschöpflichen Güte und Milde aufopferungsvoll mit Rat und Tat an die Hand ging. Im Jahre 1880 führte er seine Gattin Karol'i'ne heim, die ihm bis an sein Lebensende eine getreue Gefährtin blieb; eine Tochter Paula Schlesinger, deren Gatte Hermann und die Enkelkinder Egon und Grete Schlesinger, die er ale mit reicher Liebe umgab, sie betrauern mit dem Tempelv&rein für .die Bezirke Wieden und Margareten den unersetzlichen Verlust des edlen Mannes, der im Alter von 79 Jahren von uns gegangen ist. Schon die Einholung der Leiche dieses rechtschaffenen Mannes am 8. Juni (abends) gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. Als Zeichen besonderer Ehrung für den Verblichenen wurde der einfache Holzsarg vom Trauerhause in den von ihm. geschaffenen Margaretner Tempel überführt, wo Herr Rabbiner Dr. M. G. Mehrer im Namen der Vorstandskollegen sowie der Funktionäre von dem verstorbenen Ehrenpräsidenten Abschied nahm. An der Spitze des überaus großen Konduktes sah man die Vorstände und Mitglieder der verschiedenen Vereine, denen Adolf Hofmann seine bewährte Kraft jahrzehntelang widmete. Bei dem am 10. Juni stattgefundenen Leichenbegängnisse scharten sich ebenfalls viele Hunderte um den Sarg des Verewigten wie um einen verstorbenen Verwandten. Unter den Trauergästen bemerkte man in Vertretung der Israel. Kultusgemeinde Präsidenten Prof. Dr. A. Pick und Vizepräsidenten Dr. J. O r n s t e i n, Delegationen sämtlicher Wiener Tempelvereine mit Präsidenten Börserat I. Glück an der Spitze, Mitglieder des Bethausvorstandes der Israel. Kultusgemeinde unter Führung des Präsidenten Dr. E. Münz, eine Abordnung des österreichischen Kantorenvereines mit Präsidenten Oberkantor I. L ö w i t, den Gesamtvorstand und eine große Anzahl Mitglieder des Tempelvereines Wieden-Margareten, in Vertretung der Amtsdirektion Sekretär Meissner mit den Amtsleitern Wilhelm F r e i s t a d t und Rudolf Kraus, in Vertretung des Vorstandes für Altersfürsorge Vorsteher Gustav Planer, Vorstandsdamen und Mitglieder des Frauenvereines der Bezirke Wieden-Margareten sowie Delegationen humanitärer Vereine der beiden Bezirke. Rabbiner Dr. M. G. M e h r e r hob in seiner Trauerrede bewegten Herzens die schönen Eigenschaften und Tugenden des Verewigten hervor, seine großen Verdienste um den Bau und die Erhaltung des Tempels in Margareten, seine Selbstlosigkeit, seine Opferwilligkeit als Gatte und Vater sowie seine besondere Treue den Freunden gegenüber. Namens der Israel. Kultusgemeinde sprach Präsident Prof. Dr. Alois Pick dem Verewigten herzliche Worte des Dankes für dessen ersprießliche Tätigkeit im Dienste der Allgemeinheit sowie als Gründer des Margaretner Tempels und versicherte, daß das Andenken an diesen so verdienstvollen Mann niemals verlöschen wird. Mit tief empfundenen Worten gedachte Präsident Börserat I. Gl'ück der hervorragenden Leistungen des Dahingeschiedenen in der Organisation der Wiener Tempelvereine und nahm von seinem langjährigen