Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DDE WAHRHEIT men; der alten Menschheit bemächtigt sich ein brennendes Verlangen nach einem neuen Geistesglauben; da ist es die Lehre des Judentums, die Bibel, an der sich neues Licht für die Menschheit entzündet. Das Judentum erzeugt neue Weltreligionen. Christentum, später Mohammedanismus sind Modifikationen des jüdischen Urglaubens. Es kommt die Zeit des Mittelalters. Die Historiker anderer Völker nennen es das „finstere Zeitalter". In der Geschichte des Judentums gibt es wohl ein politisches Mittelalter, aber kein geistiges. Denn keine andere Geschichte vermag in jenem „dunklen" Zeitalter so viele Geistesgrößen aufzuweisen, als unsere Geschichte. Gabirol, Ibn Esra, Juda lialewi, Maimonides! Leuchtende Sterne am Himmel der Religion, Philosophie und Dichtung. Musensöhne, vom Morgentau der Ewigkeit geküßt; ihre Philosophie umfaßt das All, sie dringt bis zu den letzten Wurzeln der Erkenntnis und ihre Dichtung webt den Schleier des Schönen; % edler Farbenpracht leuchten sie auf dem Himmel der Dichtung, sie künden ewige Wahrheit im Gewände der Anmut, des Schönen. Woher diese Geisteskraft, woher diese moralische Höhe, woher dieses Leuchten im „Zeitalter der Finsternis"? Alle die großen Geister berufen sich auf die Tora, als auf das letzte, ursprünglichste Erlebnis ihres Geistes, Psalmen und Propheten nennen sie unentwegt den Jungbrunnen, aus dem sie den Zaubertrank der Verjüngung schlürfen. Alle feiern sie Schwuot, das Fest des Geistes. Das Fest, das in der Geschichte unserer Nation einen Motivwandel erlebt hat. Vom schlichten Frühsommerfest des jüdischen Bauern steigt es empor zum Fest der Idee. Bodenlos, heimatlos wandert das Volk der Bibel, sein Alles trägt es mit sich. Ohne staatliches Prestige, ohne den Halt der väterlichen Scholle geht dieses Volk einher, nicht wie ein schleichendes Geheimnis, sondern als personifizierte Idee. Die Idee trägt die Juden, die Tora verleiht SeaMiMmfam, Die Gesetzgebung am Sinai und ihre Vorbedingungen. Von Rabbiner Dr. F. Kanter. Zwlittau (Mähren). Es ist eEne auffallende, kaum nach Gebühr gewürdigte Tatsache>'daß das größte Ereignis in der Entwicklungsgeschichte Israels und der ganzen Menschheit, die Grundlage unserer heftigen Religion, der Tugend und Sittlichkeit alter Völker und Staaten^ die zehn Gebote, verhältnismäßig den kleinsten Raum in der Healigen Schrift einnimmt. In 17 Versen ist der ganze Dekalog enthalten! Die Vorbereitungen zum Empfange dieser göttlichen Gebote nehmen schon mehr Raum ein und werden in 25 Versen geschildert. Aus den vielen Vorbereitungen kann man eben die große Bedeutung und Wichtigkeit des zu erwartenden Ereignisses ersehen. Die gewissenhafte Erfüllung und Beobachtung der göttlichen Gesetze erfordern nämlich viele und sorgfältige Vorbereitungen und sind an wichtige Bedingungen und Voraussetzungen geknüpft, die unerläßlich sind. Die erste und wichtigste Voraussetzung ist die — Einigkeit Sonst, so bemerken unsere Weisen, heißt es immer „und sie zogen und sie lagerten", nämlich „sie zogen in Zank und Streit und sie lagerten nn Zank und Streit" Immer in Mehrzahl immer gespalten und zerklüftet, in verschiedene Parteien und Gruppen geteilt Vor dem Sinai aber heißt es „Israel lagerte daselbst gegenüber dem Berge" ~ es lagerte, ebenfalls ihnen Flugkraft, aus den Buchstaben Kräfte schöpfen, im Geistigen, in der Welt des Ideals sich eine Heimat bauen, auf den Gipfeln der Geschichte, im Kampf neuer welterlösender Gedanken mittun, vorwärts schreiten, mit den Besten der Zeit, für die Wahrheit aller Zeiten arbeiten, dulden, bluten .... das heißt Schwuot. Wir feierten nicht bloß einen Tag Schwuot. Das ganze zweitausendjährige Leben in der Diaspora ist eine einheitliche Schwuotfeier, ein ernster Festtag der Tora-Idee .... Die Geschichte nimmt neue Ideen, Motive auf, aber aller Wandel der Motive vermochte uns nicht von unseren idealen Gütern der religiösen Weltanschauung abzubringen. Verwachsen mit dem Geschicke der Bibel ist unser eigenes geschichtliches Leben und Ringen. Für die Thora mit der Thora im Herzen zu kämpfen und Hoffen ist unser Beruf und Schwuot-Fest. Die Jewish Agency. Von Dr. Ernst Feldsberg. Die alliierten Hauptmächte des Völkerbundes sind übereingekommen, die Verwaltung des Territoriums von Palästina, das früher zum türkischen Reiche gehörte, England als Mandatarmacht anzuvertrauen. Unter den Bestimmungen des Mandates interessiert uns Juden vor allem der Artikel 4, welcher folgenden Wortlaut hat: „Eine geeignete jüdische Vertretung (Jewish Agency) soll als eine öffentliche Körperschaft anediannt werden, mit der Aufgabe, der Verwaltung Palästinas in denjenigen wirtschaftlichen, sozialen und anderen Angelegenheiten Rat und Mitarbeit zu gewähren, die die Errichtung des jüdischen nationalen Heimes und die Interessen der jüdischen Bevölkerung in Palästina betreffen, und, immer vorbehaltlich der Kontrolle durch die Verwaltung, an detf Entwicklung des Landest zu helfen und teilzunehmen. nach dem Ausspruch unserer Weisen, wie ein Mann. Zum ersten Male bildete Israel eine Einheit, ein einig Volk von Brüdern, zum ersten Male war Israel eines Sinnes, eines Gedankens und eänes Herzens. Diese Einigkeit und Einmütigkeit machte Israel würdig, die göttliche Lehre zu empfangen. Einigkeit und Eintracht sind aber ebenso notwendig, die heiffige Thora zu erhalten, sie vor gänzlichem Verfall zu retten. Wie die Thotna. selbst den Inbegriff dies Friedens und der Liebe badet, ebenso muß das Gefühl der Liebe und des Friedens, der Verträglichkeit und Versöhnung alle erfüllen und beseelen, denen die Erhaltung der Thora ernstlich am Herzen liegt Israefl wird wiederholt eindringlichst gewarnt, den Berg (Sinai) zu besteigen oder ihn gar zu berühren. Diese Warnung wird fünfmal wiederholt und ist an das Volk, wie auch an die Priester gerichtet. „Auch die Priester und das Volk wollen nicht zerstören, um zu Gott emporzusteigen." Auch darin ist eine beherzigenswerte Lehre für unsere Zeit enthalten: Nichts zu zerstören und nichts zu vernichten — um eines höheren oder scheinbar besseren Zweokes willen. Der Zweck heiligt nach jüdischer Auffassung die Mi'ttel nlicht und die Sorge von Volk und Priestern muß darauf gerichtet sein, das Bestehende zu erhalten, aufbauend und erhaltend, aber nicht zerstörend und zersetzend zu wirken — gelte es welchem Zwecke auch immer. Zerstören ist leicht, das sehen wir täglich, das sahen wir auch im unseligen Weltkriege. Was einmal niedergerissen und zerstört ist, wie schwer fällt es. es wieder aufzurichten und aufzubauen. Ferner heißt es in der Heiligen Schrift: „So sprich zum Hause Jakobs und verkünde es den Söhnen Isifaeds". Dazu bemerken unsere Lehrer: Das Haus Jakobs — darunter sind die Frauen gemeint, zu ihnen sprich zuerst. Dann verkünde es den Söhnen Israels, darunter sh'nd die Männer gemeint. Die wichtigste Bedingung zur Erhaltung unseres heiligen Väter»