Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 droschen \wit den Veröffentlichungen der „Union deufscbosferr. Juden" und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" «II! "l'iil,}iJIIHIIHII!J]lllllllll!lll!ll! Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 14. Juni 1929 Nummer 24 ■^ST Schwaoi. i Von Prof. Rabbiner Dr. L. R Motto: „Israel veorata chad hu" Israel und seine Lehre sind eins, ihr Geschick ist unauflöslich miteinander verknüpft. Talmud. Das „liebliche Fest der Wochen" naht und löst in uns Gedanken aus, die tief hineinragen, nicht nur in die Vergangenheit unserer Geschichte, sondern vielmehr in den Wesenskern der jüdischen Seele. Es ist das Fest der Ewigkeit, denn nicht bloß geschichtliche Erinnerung wird da gefeiert, die Feier gilt mehr dem Geiste unseres Volkes. Es ist das Fest der Tora. Geschichtliche Feste können im Laufe der Jahrtausende verblassen, können ihre Bedeutung verlieren, späteren Geschlechtern undeutlich, schattenhaft, wesenslos werden. Das Fest, das der Tora gilt, kann nimmer verblassen. So meinen schon die Alten im Talmud: „Nicht am roten Meere wurde Israel befreit. Seine Befreiungsstunde erlebte das Volk vielmehr am Sinai." Im Rosenhain am 6. Sivan, wo unter Donner und Blitz das Zehngebot Israel verkündet wurde, hier erst wurde Israel frei. Innere Freiheit, Geistesgröße verleiht das Sittengesetz, das auf Sinais lichten Höhen jenem Volke verkündet wurde, welches bis dahin in Unfreiheit, in seelischer und geistiger Knechtschaft schmachten mußte. Im Donner und Blitz dieses Berges, auf den rauchumhüllten Gipfeln ersteht die Lehre, die in ihren Grundzügen, ihren Prinzipien zur Grundlage aller Gesittung und Bildung der Menschheit wurde. Ja, Sinai ist die Hochschule der Menschheit geworden. Von hier gehen Geistesströme aus, die die Oede des materiellen Lebens befruchten und der Menschheitsentwicklung seelische Verinnerlichung bringen sollen. Von nun an proklamiert das Judentum den kühnen Satz in der Geschichte: „Nicht der Körper baut den Geist, sondern der Geist ist es, die Idee, die sich den Körper schafft." Die Idee baut sich ihre körperlichen Organe. Ursprünglich war Schwuot das liebliche Fest der Ernte. Der erste Fruchtkorb, das Ergebnis des ersten Sichelschnittes wurde als Opfer gebracht; das Fest der Erstlinge, an welchem jüdische Bauern die ersten Früchte dem heiligen Boden abgewonnen. Heilig ist der Boden, denn mit dem Schweiße seiner Stirne hat ihn der jüdische Bauer getränkt, heilig, weil die Verheißung der Väter, daß die Kinder einst o f h, Murska Sobota (S. H. S.) v« «\. jauchzend und singend, fruchtbeladen nach^^lttbria ziehen werden und dort in heiliger Andacht den Sieg der Arbeit laut verkünden, in Erfüllung ging. So kam es, daß, als die ersten Wallfahrer dem Hohepriester am Morgengrauen des Schwuotfestes das Fruchtkörbchen reichten, er dasselbe nicht früher annahm, als bis ihm der Priesterherold vom Turme herab die Meldung verkündete: „Mein Herr, du Hohepriester, die Morgensonne bescheint die Gräber Hebrons, die ersten Sonnenstrahlen des werdenden Tages grüßen schon die Schläfer im Staube. Du kannst das Opfer weihen, der Morgen kost mit seinem Lichte Hebrons verfallene Grüfte." Die jüdische Geschichte hat eine bedeutende Wendung erfahren. Das jüdische Volk brachte keine Erstlingsfrüchte mehr. Die bittere Prophezeihung Jeremias ist in Erfüllung gegangen. Die Wallfahrer sind ausgeblieben. Ihre bekränzten Häupter, ihre schmucken Trachten zieren nicht mehr die Straßen Jerusalems. In den Weinbergen wird nicht mehr gejauchzt und gesungen, der Jubel der Schnitter hat aufgehört, der Sang des Mähers in den Ebenen Saarons ist verstummt .... Das Volk wandert aus. Die jüdische Geschichte tritt ihren großen Leidensweg an. Das Volk, welches die Legionen Titus zertreten, singt keine Bauernlieder mehr. Tiefer Ernst lastet über der Volksseele, schwere Nebel verdüstern das Gemüt der Zerstreuten. Eine Schwere senkt sich auf unsere Gefühlswelt nieder, dumpfer Schmerz bemächtigt sich des Volkes. Eine welkende Königsblume ist die Gestalt dieses Stammes von nun an. Heimatlos, bodenlos, abgelöst von der Scholle, die so viel Kraft und Belebung in sich barg, wandelt Israel durch die ganze Welt Jahrhunderte hindurch, bald hier, bald dort eine Heimstätte suchend. Ueberall hat es Anteil an den Geisteskämpfen der Menschheit. Wo immer auch ein neuer Gedanke der Befreiung auftaucht, oder wo sich ein Bedürfnis nach neuer seelischer Orientierung fühlbar macht, wo aus unbekannten Tiefen neue Sehnsüchte der Seele aufsteigen, wo ungeahnte Schmerzen an dem Herzen der Menschheit zehren, da ist Israel mit dabei. Sinnend und denkend hilft es dem Werden neuer Gedanken, hat Anteil an der Idealbildung der Menschheit. Rom zerfällt, seine Götterhaine veröden; die Welt der hellenisch-römischen Antike bricht morsch zusam-