Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 7 ob er ihm entgegenkommen wolle, drückt er. da dieser ruhig bleibt, einen innigen Kuß auf das Brandmal. Die Szene ist schauspielerisch vollendet. Zum Bedeutendsten von Sonnenthals Nathan-Darstellung gehört der Monolog vor der Ringparabel, wo die Bedrängnis die Klugheit unter die Waffen ruft und der Gedanke der nachfolgenden Erzählung allmählig emportaucht. Und dann die Parabel selbst. Es gibt wohl keinen, der sich von dieser liebenswürdigen Weisheit nicht gern belehren, von diesem warmen Ton nicht rühren, von diesem starken Menschengefühl nicht ergreifen ließe. Wenn man von einer Genialität des Herzens reden darf, nun, hier ist sie!" Dieselbe Tonart stimmten alle anderen Rezensenten an und das Echo klang weit hinaus über die schwarz-gelben Grenzpfähle unseres damals noch nicht so ins Zwerghafte eingeengten Vaterlandes. So war z. B. in der „Kölnischen Zeitung" zu lesen: „Sonnenthal gibt den Nathan imposant und warmherzig, mit seiner starken und milden Stimme mehr zum Herzen als zum Verstände sprechend, nicht dialektisch zur Pfadfindung der Wahrheit anregend. Er spielt ihn mit nur leise jüdischem Anklang, aber auch nicht vom hohen Kothurn herab mit der idealisierenden Deklamation und Wortmusik der alten Weimarer, sondern mehr realistisch und menschlich individualisierend. Indem er ihn ganz mit warmblütiger Menschlichkeit durchtränkt und ihm zugleich eine außerordentliche geistige Hoheit verleiht, läßt er den klugen Nathan vor dem großen und guten Nathan zurücktreten. In dieser Art ist sein Nathan der beste, den man sehen kann." Wie die Die ht u n g aus Geschichte und Wesen des Judentums, Sonnenthals Gestaltung aus Natur und Sinn des Juden in ihm entstand, legte Emil Granichstädten in der alten „Presse" folgendermaßen dar: „Das reich begabte, mit einer schier unvertilgbaren Selbsterhaltungskraft ausgestattete Volk hat seine nationale Existenz im blutigsten Kampfe gegen auf Vernichtung bedachte Unterdrückung gewonnen. Niemals ruhte der Kampf völlig, und mehr als zwei Jahrtausende sind verstrichen, seitdem das Volk der Juden seine politisch-staatliche Existenz verloren hat, ohne daß es wie hundert andere, größere Völker im Strome der Ereignisse verschwunden wäre. So wurden der Selbsterhaltungstrieb, die Kraft in Abwehr und Dulden, Mißtrauen und Scheu gegen Fremde durch die Jahrtausende währende Verfolgung in ihnen erhalten und ausgebildet. Andere Nationen, die nur durch etliche Jahrhunderte sich im Genüsse staatlicher Selbständigkeit und Ruhe ausleben konnten, haben sich erschöpft und ihre scheinbare Gleichmütigkeit gefunden. Den Juden ist diese Wohltat des Auslebens versagt geblieben. Mit der Offenbarung des alten Bundes ausgerüstet, gewannen sie Lebenskraft durch Jahrtausende und haben ihre Ansprüche auf die Beherrschung der Welt an die mildere — wohl aus jüdischem Geiste und jüdischer Seele geflossene — Offenbarung des neuen Bundes abgeben müssen. Ihr sittliches Gleichgewicht aber haben sie in ihrem Familienleben erhalten, und in der Liebe, die sie da pflegten, waren die edelsten, kräftigsten Keime zu einer vollkommenen Liebenswürdigkeit und zu einer bewunderungswürdigen geistigen Größe enthalten. Im jüdischen Familienleben ist die Tröstung, Versöhnung und Erlösung gegen das nationale Mißgeschick und die Instinkte, die dieses Mißgeschick erzeugt hat. Ein Jahrhundert duldsamer Ruhe diesem Volke, und es wird seinen Frieden mit den Menschen gefunden haben. In dieser Empfindung wurzelt „Nathan der Weise". Im Schmerz um Weib und Kinder erzeugt sich seine Menschenliebe und Weisheit ... So ist er gemeint, so will er erkannt, mit dem Herzen, fast möchte ich sagen mit einem jüdischen Herzen erkannt und auf der Bühne gespielt sein. Und so hat ihn Sonnenthal gespielt . . . Lewinsky wäre noch heute der vielbewunderte Nathan, wenn nicht gerade Sonnenthal für diese Rolle herangereift wäre, um sie zu spielen, wie sie keiner vor ihm noch gespielt hat und wohl lange keiner nach ihm spielen wird, als vollendeter Schauspieler und — als Jude. Lewinsky hat sich niemals des Juden im Nathan geschämt und hat dessen Judentum auch, so weit es nötig schien, merken lassen. Merken lassen! Was ist aber solches redliches „Merkenlassen" gegen die aus vollster Ueberzeugung entsprungene, im tiefsten sittlichen Bewußtsein wurzelnde Entschlossenheit Sonnenthals, der Jude zu sein, mit den Schwer kranke Frau deren Mann arbeitslos ist, bittet edle Menschenfreunde um einen 11EGES1WI1 Auskunft durch die Verwaltung des Blattes, Telephon R 42-2-16_ Weekend-Werbe-Wodien Unser Sdilatferf Der neue KOFFERAPPARAT ZU WEEKEND Sehr lautstark, mit eingebautem Plattenbehälter für 6—10 Platten und gratis eine doppelseitige Schallplatte Kassapreis S 65.— oder S 10.— Anzahlung und 12 Raten ä S 5.80 MUSIKHAUS EXCELSIOR INHABER: RICHARD HERZOG Wien I., Adlergasse Nr. 5 — Telephon R-23-4-90 Wien II., Kl. Pfarrgass© 28 - Telephon A-41-6-24 Dichterworten Lessings von der Bühne herab das sagen zu dürfen, was seit Jahren sein Innerstes erfüllt und bewegt? Lewinsky hat mit der Meisterschaft des Sprechers einen klassisch bedeutenden Nathan gebracht und gehalten. Sonnenthal hat die Weisheit Nathans so ganz im Herzen erfaßt, so ganz aus dem Herzen geholt, daß der Jude wie der Weise gleich mächtig und in ergreifendster Harmonie zum Ausdruck gelangten." Und nun folgte eine Fanfare des Lobes mit diesem Ausklang: „Ergreifend, ganz ohne rednerisches Pathos und doch heiß empfunden in jedem Worte sprach Sonnenthal den Schluß der Erzählung. Wie er da die Hände zitternd emporhob, als wollte er die erkannte göttliche Wahrheit vom Himmel herab auf die Erde ziehen, um sie auszusäen unter die Menschen, da gemahnte er in Rede und Geste an einen, den ältesten Wienern unvergeßlichen Mann, der wie Moses Mendelssohn ein Weiser aus dem Grunde des Herzens gewesen, verehrt und geliebt bei Juden und Christen, an den verewigten Prediger Mannheimer, der so in seinen schönsten Predigten gesprochen und alle Herzen gerührt hat. Ob Sonnenthal, da er diese mächtigste Stelle seiner Rede so meisterlich formte, an Mannheimer dachte, weiß ich nicht. Gekannt hat er ihn noch, und wohl dem Menschen und Künstler, daß er ihn gekannt hat . . Als charakteristisch für das Judentum in Sonnenthal und seiner Nathan-Auffassung seien zwei Stellen aus bald nach der Aufführung geschriebenen Briefen Adolf Wilbrandts an Sonnenthal herangezogen: In dem ersten heißt es: „Mein teurer Adolf! Es liegt mir auf der Seele, drum laß mich Dir noch so verspätet sagen, welche Herzensfreude mir Dein Nathan-Sieg gemacht hat. Ja, das mußte geschehen. Diesen weisen Juden mußte der Warmherzigste, Liebenswürdigste spielen. Weise ist er ja auch. Wie gerne, mein Alter, sehe ich Dich in dieser Rolle! Wahre Sehnsucht packt mich. — Dir wird's eine Seligkeit gewesen sein, gerade in dieser Rolle Dein Herz zu entiaden. Deine höchste Kunst zu entfalten, die Menschen überzeugend mit Dir fortzureissen." Und bald darauf reagiert der Dichter auf Sonnenthals leider nicht erhaltene Antwort, die eine Darlegung seiner Nathan-Auffassung enthalten haben muß, mit den Worten: „Darin hast Du sicher Recht, es ist fast selbstverständlich: ein Mensch wie Lessing mußte in Nathan dem Weisen vor allem Nathan den Guten meinen. Freue mich Deines schönsten Sieges!" (Fortsetzung folgt.) Herren-* und Damenkleider nach Maß sowie fertig lagernd, nur Qualitätsware, billigste Preise. Eventuelle langfristige, bis zu einem Jahre währende Zahlnngserleichterungen Kleider-Erzeagungs-Union, Wien VI., Kaserneng. 6 Telephon B 20-2-15 Zu kaufen gesucht ^■«■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■i HerzlS Feuilletons in Buchform, neu oder antiquarisch. Gefl. Anbote an Dr. Hugo S p i e g 1 e r, Erfurt, Scharnhorststraße Nr. 2/1-