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Die Wahrheit · 1929-06-07 · Heft 23 (7.6.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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SdtC 6 |MlpHHHH»Mii|miMiiiiB^^ liehe und ernste Angelegenheit in den Händen des Völkerbundes und ich hoffe, daß wir in sehr kurzer Zeit eine Erledigung finden werden. Welche Fragen beschäftigen momentan Ihr Komitee? Wir beraten in diesem Moment eine sehr ernste Frage, die S c h e c h i t a. Es hat nämlich der Wiener Internationale Tierschutzkongreß in Norwegen eine Erneuerung der Antischächtforderung im dortigen Parlament, dem Storthing, ausgelöst. Wir werden ein Memorandum an die Regierung von Norwegen senden, wo vor zwei Jahren übrigens dieselbe Antischächtbewegung erfolglos blieb. Man sollte sich darüber im Klaren sein, daß der Wiener Kongreß von gar keiner Bedeutung war. Denn er hat ja keine wissenschaftliche Behandlung der Sache gezeitigt, sondern nur eine antisemitische. Ich glaube deshalb auch nicht, daß der Kongreß in weiteren Staaten Folgen haben wird. Auch die uns beschäftigende Kalenderreform ist eine sehr gefährliche Angelegenheit für die religiöse Lage der Juden in Osteuropa. Sie würde meines Erachtens infolge der Verwirrung bezüglich der Fixierung des Sabbats nur eine großen moralischen Umsturz bewirken. Jüdische Bühnenkünstler. Adolf Sonnenthal zum Gedenken. (Vortrag von Prof. Heinrich Glücksmann auf dem 12. Sprechabend der „U n i o n".) (Fortsetzung.) Wenn Sonnenthal nach der Gestalt des Nathan nicht schon früher, in der Vollkraft griff, so hielt ihn davon nur seine Güte ab, sein kameradschaftlicher Sinn. Er konnte niemand wehe tun, am wenigsten einem langjährigen Kollegen und so teuren Freunde wie dem trefflichen Lewinsky. der sich im Besitze der Rolle befand und sie auch in seiner Weise, mit seinen Mitteln und entsprechend seiner Wesensart ausgezeichnet dargestellt hatte. Freilich mehr aus dem Verstände als aus dem Gemüt heraus, mehr den Weisen, den Klugen, den Geistigen betonend als den Warmen und Weichen, den Milden und Edlen und so das Letzte und Höchste in der Persönlichkeit, das unwiderstehlich sieghaft Erobernde in ihr kaum über die Ahnung weg erschließend. Diese aufklärenden Lichter anzuzünden, die Güte des Juden als die Quelle seiner Lebensweisheit und seiner Lebensweise aufzuzeigen, dazu trieb es Sonnenthal gar mächtig und dazu wollten ihn auch verständige Freunde und Schätzer, es mit ihm und dem Theater gutmeinende Regisseure und Direktoren treiben. Aber lange, sehr lange, für das Wiener Publikum viel zu lange widerstrebte und widerstand er mit heroischer Selbstüberwindung dem inneren und* äußeren Drange. Er ging darin sogar so weit, seine Mitwirkung bei einer Lessingfeier, deren Mittelpunkt ein für ihn von Sigmund Schlesinger geschriebenes Festspiel „Das Urbild des Nathan" sein sollte, ein paar Szenen um das schöne Freundschaftsverhältnis Lessings und des Philosophen der Güte, Moses Mendelssohn herum, rundweg zu verweigern und dadurch den, auch von seinem Direktor Dingelstedt geförderten Plan zum Scheitern zu bringen. Wie Dingelstedt machten auch dessen Nachfolger in der Leitung des Burgtheaters Adolf Wilbrandt und August Förster den Versuch, Sonnenthal zur Darstellung des Nathan zu bewegen. Vergeblich. Er weigerte sich im Kampfe gegen »nrnn™^^ ÖI£ WAHRHEIT seine gierige Lust nach der Rolle, gegen seinen, des Triumphes wie niemals sicheren Schauspielerehrgeiz. Bis die Dinge so lagen, daß er Ja sagen und die erlesene Tat dieser Meisterleistung folgen lassen mußte. Durch Jahre hatte er sich in Dichtung und Gestalt versenkt, sie in sich aufgenommen, war — wie er sich später in einem Interview ausdrückte — zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Weisheit Nathans ihren Sitz nicht bloß im Kopfe, vor allem im Herzen hat, daß es dem Schauspieler darauf ankommen müsse, den Mann, den alle Personen, die sich im Stücke über ihn äußern, „den Guten" nennen, eben in dieser warmen Menschlichkeit, dieser allumfassenden Liebe, diesem restlosen Wohlwollen gegen Freund und Feind, in dem Humanismus, der ihn beseelt und in dem seine größte Weisheit zu liegen scheint, lebendig zu machen, war also gerüstet, an das Werk ■ der Verkörperung zu schreiten, als die Stunde zwingend schlug. Der Journalisten- und Schriftstellerverein Concordia schritt an eine Festaufführung des Lessingschen Meisterwerkes und der neue junge Burgtheaterdirektor Max Burckhardt wollte die denkbar beste Besetzung zur Verfügung stellen. Für den Sultan Emmerich Robert, für die Sittah Hedwig Bleibtreu, für die Recha Stella Hohenfels, für den Tempelherrn Georg Reimers, für den Patriarchen Bernhard Baumeister, für den Klosterbruder Hermann Schöne, für die Daja Louise Schönfeld und für den Derwisch Friedrich Mitterwurzer. Für den Nathan dachte man vorerst an niemand anderen als an den anerkannten, in ganz Deutschland gepriesenen Darsteller der Rolle, an Lewinsky. Aber dieser war just lür die in Aussicht genommene Zeit durch mehrere Wochen nach Rußland beurlaubt, für Gastspiele und Vortragsabende kontraktlich festgelegt. Jetzt trat denn Burckhardt an Sonnenthal heran, hielt ihm vor Augen, daß es für das Burgtheater, für die Wiener Bühnenkultur arg beschämend wäre, wenn die geplante Feier wegen der Abwesenheit des Künstlers unterbleiben müßte, und schlug die letzten Einwände mit dem Hinweis auf den Schauplatz der Aufführung nieder, der ja nicht das Burgtheater sein würde, sondern das Carltheater. Nun gab Sonnenthal endlich nach und stürzte sich mit Feuereifer in die Probenarbeit. Am 11. Jänner 1895 — nicht am 15., wie der sonst verdienstliche Biograph Ludwig Eisenberg irrig verzeichnet — war der große Abend, ein Erlebnis ohnegleichen für jeden, der ihn genießen durfte, ein Sieg, eine Freude ohnegleichen für Adolfus cunetator, der so lange gezögert hatte, sich diese, seiner Individualität so nahestehende Rolle zu erobern. Im Theater eine Begeisterung von südlichem Temperaturgrad, Hymnen die Kritiken ohne Ausnahme. Ludwig Speidel, auf den die ganze gebildete Welt hörte, schrieb u. a.: „Herr Sonnenthal ist der jüngste Nathan des Burgtheaters. In einer Gastvorstellung des Burgtheaters im Carltheater hat er die höchsten Ehren davongetragen und mit Recht davongetragen. Er ist aufs höchste bewunderungswürdig. Er hat zum Nathan den Weg seiner Begabung eingeschlagen, und Sonnenthal und Nathan sind einander auf halbem Wege entgegengekommen; was Nathan bei dieser Begegnung an Weisheit etwa abgelegt, hat ihm Sonnenthal überschwänglich durch Gefühl ersetzt. Offenbar, Herr Sonnenthal faßte die Rolle des Nathan als Herzenssache, und er ist ganz der Mann dazu, eine Herzenssache auch herzlich durchzuführen . . . Selten hat er so überzeugend gezeigt, was er ist: ein guter Mensch und ein großer Künstler, denn nur der Eine, durch den Andern gegenseitig gesteigert, ist imstande, einen solchen Nathan durchzuführen. Herr Sonnenthal legt seinen Nathan schlicht an. so schlicht beinahe, daß man versucht wäre, ihn unbedeutend zu nennen. Schon in dem ersten Gespräch mit dem Tempelritter läßt er uns fühlen, was er ist und was er werden wird. In seiner Dankbarkeit des geretteten Kindes wegen umgibt er den derben Tempelritter mit einer Atmosphäre weicher Empfindung, sucht er mit allen Fühlfäden seines Gemütes nach dem Herzen des abwehrenden jungen Mannes. Voll Rührung hält er den verbrannten Zipfel des Templermantels in den Händen, und indem er mit redender Gebärde gleichsam erfragt, ob er den Templer küssen dürfe, Ferienaufenthalt bei netter jüdischer Familie wird für 13jährigen Wiener Jungen (Realschüler) gesucht Derselbe beherrscht auch die böhmische Sprache. Zuschriften unter „Ansohlufi an Altersgenossen" an die Verwaltung des _Blattes erbeten._ BAD ISCHL m Pension Jupiter Salzkammergut Lindanstrafle 18 Prächtige Lage Ruhig, vornehm Streng ritueller K udieiibetrieb unter Leitung von D. SPIEGEL. Ausgezeichnetes Mittag smenB auch ä la Carte Komfortabel eingerichtet, beste französische und Wiener Küche, jede Diät. Farn.-Arrangement. Garage, Telephon. Bäder im Hause. Prospekte _■»■• »O. Juni ermflom.

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