Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 nnitmmnmnr.r.nmDinmumumunniuunu rtrmmmiinmuininuiuiiimimniiumiumiiui)i)ini)niiiiiiiiiiiiiiii)iiiiiiiiiiiiiiiiiiiii)i|iniiminiUlllllllinTt DIE WAHRHEIT antisemitische Organisation bei uns, aber nur die — Juden wissen davon, so obskur ist sie. Selbst im Gegensatz zu Amerika ist die Lage der Juden in England sehr gut. In Amerika gibt es z. B. einen ziemlich ausgeprägten Antisemitismus an den Universitäten. England hat nur zirka 300.000 Juden. Wir haben in den letzten zwanzig Jahren eine Einwanderung gehabt, die aber jetzt ganz aufgehört hat, da jede Einwanderung nach England gesperrt ist. Früher war England immer das Asyl für alle Verfolgten. Die Absperrung hat aber nur ökonomische Gründe, insbesondere die große Arbeitslosigkeit. Wie steht das englische Judentum zur Jewish Agency? Persönlich habe ich keinen Anteil an der Sache. Aber die größte jüdische Organisation Englands, der Board of Deputies, eine Art jüdisches Parlament mit 300 Deputierten von allen Gemeinden geht mit der Agency. Die synagogalen Organisationen aber haben ebenso wie in Frankreich die Consistorien aus religiösen Gründen eine Teilnahme abgelehnt. Wie stehen die englischen Juden zum jüdischen Nationalismus? Es gibt bei uns wenig jüdische Nationalisten, höchstens Zionisten. Bei uns berührt man jetzt das Thema jüdische Nationalität überhaupt nicht. Würde man darüber sprechen, würde man gleich Schwierigkeiten haben. So sind auch in meinem Komitee die Hälfte der Mitglieder Zionisten, aber wir sprechen über die strittige Frage nicht. Für die Palästina-Sache sind wir alle, aber nicht für die nationale Sache. Eine spezielle Judenfrage kennen wir nicht. Die Zionisten haben jetzt großes Vertrauen zu den Nichtzionisten, bei uns ist daher jetzt glücklicherweise Friede. Kann der Sieg der Labour-Party bei den englischen Wahlen die englische Palästinapolitik irgendwie beeinflussen? Alle englischen Parteien sind für die Palästina- Politik; England hat das Mandat für Palästina übernommen und selbst die Nichtzionisten haben das gebilligt. Nur in den inneren Fragen des Zionismus gibt es Differenzen. Für das Projekt Wedgewoods, Palästina zu einem englischen Dominion zu machen, braucht man viel Zeit. Die Zionisten selbst sind nicht alle dafür. Wedgewood ist ein großer Freund der Zionisten, aber im Herzen sind die Zionisten für einen unabhängigen jüdischen Staat. Es wird jedoch meiner Ansicht nach keinen Staat und kein Dominion geben, solange die Juden keine Majorität in Palästina haben. Besitzen die Minderheitsvertrage für die Juden Osteuropas Vorteile? Im allgemeinen haben die Minderheits Verträge sehr viel für die Juden geschaffen. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß die Minderheitsverträge ihnen nichts nützen. Man vergleiche die Lage von heute mit der vor dem Krieg. Seit Jahren haben wir in Osteuropa keinen wirklichen Pogrom gehabt. Jetzt wo wir für die Verträge die Garantie des Völkerbundes besitzen, gibt es eine unsichtbare Kontrolle desselben. Man merkt nichts davon, aber sie ist da. Vor dem Kriege haben wir beinahe dieselben Schutzbestimmungen im Berliner Vertrag gehabt, aber sie waren ganz wertlos und sehr beschränkt. So war der größte Teil der Juden Osteuropas ohne Schutz. Jetzt aber gibt es überall Friede. Natürlich hört man wohl viele Klagen, aber diese Klagen sind ökonomischer Art. Für die Juden ist es eben schwerer als für die anderen. Ihre wirtschaftliche Lage ist schlecht und sie leben noch dazu in den Städten. manchmal eine Bockigkeit und Verschlossenheit, die jeden leicht vor den Kopf stieß. Dazu kam eine gewisse Unruhe in seinem Wesen, die Fanny allein zu schlichten und zu besänftigen wußte. Auch jetzt fand sie unter dem Wust von Zeichnungen, die er ihr in die schmalen Finger drückte, schnell diejenigen heraus, die für die in Weimars Luft aufgewachsene Prinzessin am ehesten in Frage kämen. Und ihm. dem Riesen Hensel neben ihr. dieser winzigen Frau, fiel es natürlich sogleich wie Schuppen von den Augen. Dies sei selbstverständlich das einzige Blatt unter dem vielen hunderten, das sich für die Gattin des soldatenfreundlichen Prinzen Wilhelm eignete, diese Zeichnung vom alten Wrangel. Während er sich niederbeugen wollte, um seinem Hausschatz, seiner klugen Pythia genülirt die lange sehnige Hand zu küssen, und während der kleine Sebastian, um auch das seinige bei dieser Huldigung beizusteuern, mit seinen Aenrichen den Hals der Mutter zu umschlingen suchte, da vor dieser reizenden Familienszene geschah es. daß Fanny plötzlich die Besinnung verlor. Es war dies wohl eine Folge des mehrfachen heftigen Nasenblutens, an dem sie in der letzten Zeit häufig bis zu einer Dauer von 36 Stunden gelitten hatte. Bedeuteten diese Anfälle auch kein Zeichen von Krankheit, sondern eher das Gegenteil, so verursachten sie doch jedesmal eine vorübergehende Schwäche bei der sonst so beherzten und zähen kleinen Frau. Diesmal war es für sie ein gar nicht qualvoller Zustand, ein sanfter kurzer Ohnmachtsanfall, der sie wie Iphigenie in Aulis oder wie' einen der verwundeten homerischen Helden auf einer Wolke von dannen trug. Es war nur eine Pause zwischen zwei seligen Bildern, vermeinte sie nun, als sie wieder ihre Augen aufschlug und statt der Zärtlichkeit ihrer beiden männlichen Hausgenossen nun ihre Besorgtheit vor sich sah. Angstvoll standen sie um sie herum, das große und das kleine Kind Hensel. Und besonders die Hilflosigkeit des Aetteren tat ihr beinahe wohl, diese Lebensschwäche ihres Gatten, der ohne sie. wie sich nach ihrem Tod herausstellen sollte, völlig zusammenbrach und entkräftet verkümmerte wie eine alte Eiche, die nur1 durch den Efeu, der sie umwand, zusammengehalten wurda Wie nötig war sie, die unansehnliche zwergenhafte Frau, der Knirps „Fenchel", wie ihr Bruder sie wohl nannte, für diesen ihren reckenhaften Gattern, mußte sie denken. Wie nötig für dies sein Heim, das sie in diesem biedermeiertichen Gartensaal gemeinsam führten, den ihnen ihre liebevollen reichen Eltern als Wohnstätte neben der ihrigen in der Leipziger Straße zur Verfügung gestellt hatten. Wie nötig für seine nahe gelegene Malerwerkstatt, die immer gleich verstaubte und in ein Durcheinander versank, wenn Frau Fanny nicht allwöchentlich Ordnung hineinbrachte! Wie nötig für die Sonntagsmusiken, die musikalischen Veranstaltungen, die allsonntäglich hier im Gartensaal unter ihrer Leitung mit einem kleinen Chor, Sologesängen odeir. Trios und Streichquartetten stattfanden und viele neue Tonwerke zum ersten Male herausbrachten. Und wie nötig schließlich für den einzigen Sohn Sebastian, der, als ein schwächliches, zerbrechliches Rind zur Welt gekommen, noch dringend der festen mütterlichen Stütze bedurfte! Und gerade dies starke Gefühl von ihrer Unentbehrlichkeit für ihren kleinen häuslichen Kreis spannte die mutige kemhafte Frau, die bald ein schmerzloser freundlicher Tod mitten aus den anregendsten Proben zu einem von ihr gesetzten neuen Trio hinwegnehmen sollte, zu einem seligen Befinden. „Wiie kann man nur verdienen, zu den so wenigen Glücklichen in dem Welt zu gehören!" lächelte sie jetzt die beiden Männer, den Ideinen und den großen, die so ganz von ihr abhingen, zu ihrer Seite an. Und völlig Enkelin des biederen gottesfürchtigen Moses Mendelssohn in diesem herrlichen Augenblick fügte sie, selig erdentrückt in das Erhabene sirinend, hinzu: „Laßt uns fromm sein, auf daß wir verdienen, so glücklich zu sein!"