Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-06-07 · Heft 23 (7.6.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064219--17218-3087329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

DIE WAHRHEIT Seite 3 Kongreßverhandlungerl hat steh herausgestellt, daß in ruhiger Besprechung eine sachlichere Beurteilung sogar in diesem Gremium möglich war. Denn in dem Ausschuß, der die Resolutionen vorbereiten sollte, wurde unter dem Vorsitz des französischen Delegierten, Maitre Lespine, auf dessen Anregung eine Entschließung gefaßt, nach welchen nur die Einführung humanster Schlachtmethoden (ohne eine Spitze gegen das Schächten) gefordert werden sollte. Diese Formulierung war speziell mit Rücksicht auf das Schächten vorgeschlagen worden, da es den französischen Auffassung nicht entspricht, altbewährte religiöse Traditionen ohne weiteres als; quantite nögligable zu betrachten. Jedoch wurde in der Schlußsitzung, bei der sämtliche Anträge in rasender Eile durchgepeitscht wurden, ohne weiteres die schärfere schächtgegnerische Berliner Fassung angenommen. Die Atmosphäre war von vornherein derartig geladen, daß man auch nur eine leise Andeutung zur Verteidigung des Schächtens nicht anhören wollte. Trotzdem hatten einige Veterinäre, älso Fachleute der Praxis, den Mut. sich wiederholt das Wort zu erkämpfen und in kurzen Sätzen das anzubringen, was die Wissenschaft als wahr erkannt hat. Die Versammelten zeigten aber nicht das Bestreben, die Ausführungen zur Kenntnis zu nehmen, und das Präsidium war nicht objektiv genug, den Verteidigerin des Schächtens dieselbe Redefreiheit einzuräumen wie den Schächtgegnern. Schon bei der ersten Vorführung des Films vor dem Kriege ist festgestellt worden, daß die Schlachtungen überhaupt niicht von einem Juden vorgenommen worden waren, sondern von einem Metzger, der noch nie an einem lebenden Tiere geschächtet hatte und auch nicht fachmännisch ausgebildet war. Zudem wurde ein Teil der Tiere im Stehen geschächtet, wodurch die Entblutung des Gehirns und damit der Eintritt der Bewußtlosigkeit verzögert wird. So wurde seinerzeit schon theoretisch dieser Film als unmaßgeblich für die Resultate eines normalen Schächtschnittes erklärt. Inzwischen hat der Schlachthofdirektor von Stettin, Dr. Basel, wiederholt die Versuche des Herrn Dr. Klein nachgeprüft, aber unter Innehaltung der rituellen Vorschriften und unter Mithilfe eines geübten Schächters. Das Resultat war entgegengesetzt dem Film des Herrn Dr. Klein, obwohl auch Dr. Basel sofort nach dem Halsschnitt die Tiere hat entfesseln lassen. Kein Tier hat sich erhoben. So äst also auch experimentell der Film des Herrn Dr. Klein widerlegt worden. WevbdJlbcmeidenfüzDk ffluktkeit? hat mir nichts genützt. Er hat mich doch überflügelt. Und wie! Das kann ich dir gar nicht beschreiben. Um mich und meine musikalische Gabe herauszupauken und zu Ehre zu bringen, hat er zwar einige meiner Liederkompositionen unter seinem eigenen. Namen herausgegeben. Aber ich fürchte trotz all seiner Schmeicheleien, die er mir immer sagt und schreibt, fallen meine kleinen häßlichen Entlein doch garstig unter den himmlliischen Schwaneneiern auf, die er ausgebrütet hat. Ach ja! Ich bin nur die weibliche, schwächere Beilage zu seinem großen Musikvermögen. Und wir beiden Schwestern, Tante Rebekka und ich, umschwiimmen ihn immer wie die kleinen „Fischottern", so nennt er uns stets, den mächtigen Walfisch. Sogar im Klavierspielen hat er es weiter gebracht als ich. wiewohl keinen se'n Klavierkonzert aus G-moll besser spielen kann als meine Wenigkeit, was er mir selber schriftlich gegeben hat. Aber das alles soll uns nicht abhalten, fröhlich zu sein und guter Dinge, wie dein Großvater sagte, wenn er sich ausnahmsweise wieder einmal verrechnet hatte. Glaub' mir, ich bin mit und in meiner geringeren Begabung mindestens ebenso zufrieden als mein Bruder Felix, der Glückliche! Ja, ich denke mir manchmal, wenn mich meine Musik so recht erfüllt. Schofarblasen kann schöner als Glockenläuten klingen, und ich fühl' mich vielleicht wohler in meiner kleinen Haut, als der göttliche Felix in seiner großen, weltberühmten. Und damit wollen wir uns wieder zu dem vieltastigen Marterkasten zurückbegeben, vor dem du jetzt eben geweint hast, und werden mit frischen Kräften dein Tagewerk wieder vornehmen." Diesmal kamen Mutter und Sohn nicht sehn weit mit dem Ueben und Lernen auf dem Klavier, das die zur Musik erkorene Fanny, um den Jungen Mut in der Kunst, die er begann, zu machen, häufig mit ihm betrieb. Sie hatte sich eben grade, müde der eintönigen Läufe, die sie mit ihm spielte, auf einen hö- Luden Wolf in Wien. „Aus dem demütigen Hofjuden der Vergangenheit ist der weitblickende, aufrechte jüdische Politiker unserer Tage geworden, der den Zusammenhang erkannt hat zwischen der allgemeinen Gleichheit vor dem Gesetz und dem allgemeinen Fortschritt und Aufstieg der Gesamtheit der Menschen. In diese Kategorie von jüdischen Schriftstellern und Politikern gehört auch Lucien Wolf, ein englischer Politiker, der sein Land liebt und ein eifriger Jude ist, der gegen eine Versklavung der Juden in seinem Lande nicht zu kämpfen braucht und der daher die Summe seiner Kräfte der Hilfe für Juden in fremden, meist barbarischen oder doch halb barbarischen Ländern zuzuwenden in der Lage ist. Lucien Wolf hat das ein langes Leben hindurch getan, in engster Fühlung mit den politischen Kreisen seines Landes und, wo es nötig gewesen, in engster Fühlung mit seinen Glaubensgenossen im Auslande .... Zu den klugen, aufopfernden und erfolgreichen Mitarbeitern am Bau einer besseren Welt gehört auch Lucien Wolf: als einem Juden gehörte seine segensvolle Tätigkeit vor allem den Juden, aber nicht diesen allein." Dieses ausgezeichnete Charakterbild, das der inzwischen verstorbene Paul Nathan, übrigens ein Politiker gleichen Formats, seinerzeit anläßlich des 70. Geburtstages Lucien Wolfs in unserem Blatte entworfen hat, erhielten wir restlos bestätigt, als wir in der Vorwoche das große Vergnügen hatten, Herrn Lucien Wolf und seine Gattin in Wien zu begrüßen. Wie sehr die Schilderung Paul Nathans übe:1 Lucien Wolf, den energischen Sekretär des Londoner Joint Foreign Committee stimmt, ersehen unsere Leser auch aus den Antworten, die er unserem Schriftleiter auf seine Fragen zu geben die Freundlichkeit hatte. Wie ist die Lage der englischen Juden? Die Juden in England sind Engländer mosaischen Glaubens. Es gibt dort keinen Antisemitismus. Man hat wohl auch in England vor längerer Zeit eine Uebersetzung der „Weisen von Zion" herausgebracht. Diese hat auf das Publikum wie überall einen gewissen Einfluß ausgeübt, selbst die „Times" hat Artikel darüber geschrieben, aber bald wurde der Schwindel aufgedeckt. Für die Engländer ist es eben nicht gentlemanlike, Antisemit zu sein. Es gibt auch jetzt noch eine kleine heren musikalischen Zweig geschwungen und phantasierte ihrem kleinen Sebastian etwas aus ihren Schöpfungen vor. Erst ein niedliches, venezianisches Stück, das sie geschrieben und das ein Meister wie Gounod beklatscht hatte. Und dann ein paar Lieder von sich, beginnend mit jenem entzückend von ihr vertonten Goetheschen Gedicht „So sind wir denn vorerst ganz still zu Haus" und endend mit dem „Schöner und schöner", dessen Komposition ihrem Bruder Felir so gefallen hatte, daß es von ihm unter seine eigene Lieder aufgenommen worden war. Da stürmte iählings Hensel, der Gatte, ganz aufgeregt und verzweifelt ins Zimmer. Mit einem Pack Blätter in seiner Rechten bedeutete er der Gattin, sie möge ihm um Himmelswillen beistehen, eine passende Zeichnung herauszufinden, die er der Prinzessin Augusta auf ihr Ersuchen überreichen solle, damit sie sich bei ihm malen lasse. Bei seiner fahrigen Ungeduld war der hünenhafte Maler ganz in Verzweiflung geraten und hatte die schon über vierzig vorhandenen Bände, darin er an die sechshundert und mehr Bilder sammelte, wild durcheinander geschmissen. Fanny lächelte und seufzte zugleich ein wenig über diesen ihren leicht aufgeregten und gereizten Gatten. Zwar war es nicht mehr seine, Eifersucht, die ihr zu schaffen machte, iene Eifersucht, die ihn, den steifen Nordländer, beim ersten Eintritt in die glänzende geistig bewegte lebhafte Familife Mendelssohn auf ihren hochbegabten Bruder, ja auf alles, was Mendelssohn hieß, ergriffen hatte. Dieser Neid hatte sich gänzlich bei ihm gelegt und sogar einem freundschaftlichen Gefühl für den gew'nnenden begnadeten Felix und einer Verehrung für die übrige Verwandtschaft Platz gemacht. Aber die Unbeholfenheit dieses Mannes, dieses ihres großen Jungens, bereitete der klugen, umsichtigen Fanny zuweilen Sorge. Sie wußte meist im Nu die Schwierigkeiten zu ordnen, die er in seiner Weltunkundigkeit zu Gebirgen aufzuhäufen pflegte. Auf der einen Seite leicht überspannt wie seine fromme Schwester Luise, die zum Katholizismus übergetreten war, zeigte Hensel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.