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Die Wahrheit · 1929-06-07 · Heft 23 (7.6.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT folgen. Wir werden unter solchen Umständen 'dem göttlichen Gebote den Primat einräumen. Ja, wenn eine Zeit kommen sollte, sagte weiter Prof. Dr. Herzog, wo die Wissenschaft einmütig und einwandfrei nachweisen könnte, daß es eine bessere und humanere Art der Tiertötung gebe, dann wäre ich der erste, der nicht mehr dem Schächten das Wort redete. Das aber wird nie möglich sein, weil wir uns nie Auskunft vom Bewußtsein des Tieres holen werden können, wir also niemals Gelegenheit haben werden, von unseren Glaubenssatzungen abweichen zu müssen. Tiefen Eindruck machte dann, als Prof. Herzog neben vielen anderen sachlichen Darlegungen zum Schlüsse auf Matthäi 26, 17—18, hinwies, wonach auch Jesus, noch am Schlüsse seines Lebens, geschlachtetes Fleisch genossen, denn vom Osterlamm heißt es ja ausdrücklich: und schlachtet das Osterlamm. Es ist also unverständlich, wie ein Jünger Jesu gegen das Schlachten sprechen könne. Als bei diesen Ausführungen dem Redner zugerufen wurde, das sei dort nur symbolisch gedacht, sagte er mit Recht, was spätere Ausleger in diese Stelle hineinlegten, habe er nicht zu untersuchen, sondern er habe sich an den Wortlaut, der in drei Evangelien sich findet, zu halten. Die Rede, die im Gegensatz zu der nur auf Beifallskitzel eingestellten Rede Udes von einem hohen sittlichen Ernst und großer Wissenschaftlichkeit erfüllt war, hinterließ einen sichtbar tiefen, nachhaltigen Eindruck auf alle Anwesenden, die der antisemitisch eingestellte Vorsitzende durch einige unsachliche, nicht zum Gegenstande gehörende Bemerkungen abzuschwächen suchte. Doch vergebens! Denn nach Prof. Dr. Herzog bestieg ein strenggläubiger katholischer Arzt die Tribüne und sagte, er schätze sowohl Prof. Ude, als auch Prof. Herzog als hohe sittliche Persönlichkeiten, müsse aber in diesem Falle alles unterstreichen, was Prof. Herzog Fanny Mendelssohn. Herbert Eulenberg erweitert die Reihe seiner „Schattenbilder" durch einen demnächst erscheinenden neuen Band, aus dem nachstehender Aufsatz über Fanny Mendelssohn entnommen ist. Dieses Schattenbild will lediglich als künstlerische Leistung und selbstverständlich nicht in irgendeinem Zusammenhang mit den Tendenzen unserer Zeitschrift gewürdigt werden. „Hör' gut zu, mein Sohn! Ein kleines Talent macht oft glücklicher als ein großes." Die Frau, die diese versöhnliche Weisheit von sich gab und auf ihren vor .ihr stehenden, etwas bedröppelt dreinblickenden Sohn einredete, war keine Schönheit zu nennen. Sie war ziemlich klein geraten und hatte sogar als nicht angenehmes Erbteil von ihrem Großvater, dem Denker Moses Mendelssohn, eine schiefe Schulter. Aber man sah ihn kaum, diesen winzigen „Schönheitsfehler", wie ihr liebenswürdiger Vater, der reiche Berliner Bankherr Abraham Mendelssohn, diese Mißbildung ritterlich zu verschleiern pflegte. Oder übersah ahn wenigstens gern um ihrer herrlichen großen ausdrucksvollen Augen willen, die ihr» die gütige Natur verliehen hatte, um sie über den Mangel ihrer Erscheinung hinwegzutrösten. Diesen, ihren wunderbaren, von innen her leuchtenden Augen verdankte sie wgfal auch den hochaufragenden blonden Gatten, den Hofmaler nensel, einen der schönsten gesagt habe. Denn seine reichen Erfahrungen auf diesem Gebiete verpflichten ihn zu dem Geständnis, daß das Schächten bislang durch eine bessere Methode nicht ersetzt worden sei, was er auch durch Herbeiziehung eines reichen medizinischen Wissens zu erhärten gesucht hat. Der Vorsitzende, sichtlich erregt, wollte dem Redner das Wort entziehen. Als ihm aber zugerufen wurde, er wolle die Wahrheit nicht hören, mußte er nachgeben und in der Fortsetzung sagte dann der Redner, es müßte tatsächlich untersucht werden, ob Jesus geschlachtetes Fleisch gegessen habe. Wenn ja, wäre es für einen Christen unmöglich, gegen das Schächten sprechen zu dürfen. Noch gab es einige aufregende, leidenschaftliche Zwischenfälle, die Prof. Herzog in meisterhafter Weise zu widerlegen verstanden hat, so daß Prof. Ude in seinem Schlußworte kleinmütig zugeben mußte, die Sache sei durchaus nicht geklärt. Herrn Prof. Dr. Herzog aber gebührt der tiefste Dank, der ihm auch von vielen Anwesenden gezollt wurde, für sein mutiees Eintreten für unsere heilige Sache, die er würdig verteidigt hat. * * * Bekanntlich hat der Internationale Tierschutzkongreß, der vor kurzem in Wien getagt hat, eine Entschließung angenommen, die ein Verbot des Schlachtens und des Schächtens ohne vorangegangene Betäubung fordert. Der Kongreß setzte sich dabei über wissenschaftlich fundierte Gutachten, die sich zugunsten des Schächtens aussprachen, kritiklos hinweg und ließ sich auch sonst von Stimmungen treiben, die sich nicht allein gegen das jüdische) Schächten, sondern gegen Judentum iüiberhaupt kehrten. Auf Ersuchen des J. T. A.-Vertreters sprach sich Herr Dr. Esra Münk, der im Schächtschutz führend tätig ist, über den Verlauf des Kongresses und die Bedeutung des Kongreßbeschlusses sowie über die Wirkung des Kleinschen Films (mit Aufnahmen von Schächtungen an sofort nach dem Halsschnitt entfesselten Tieren) in der folgenden Weise ans: Ihire Fragen beantworte ich auf Grund der übereinstimmenden Berichte mehrerer Teilnehmer am Kongreß. Es war vorauszusehen, daß die .ungemein heftige Propaganda gegen das Schächten seitens der Tierschutzvereine auf dieser Tagung zu einer gegnerischen Entschließung führen wiüirde. Bei den Männer, die in dem Berlin Friedrich Wilhelms des Dritten und des Vierten her um wandelten und wirkten. Mit dem befriedigten Lächeln der Mutter über ihre eigene Schöpfung zog sie nun ihren Knaben näher an sich und betrachtete ihn zärtlich aus ihren, von eräi paar dicken schwarzen Brauen überdachten Augen, denen man die Kurzsichtigkeit kaum anmerkte. Sie hatte diesen ihren einzigen Sohn „Sebastian" taufen lassen. Nach dem Namen des musikalischen Hausheiligen der Familie Mendelssohn, nach Johann Sebastian Bach, dessen verschlossene Matthäus-Passion ihr Bruder Felix wieder ausgegraben und feierlich aufgeführt hatte. Die Tauferei des jungen Hensel war schon ganz zwangläufig vor sich gegangen. Denn Fanny war ja mitsamt ihren Geschwistern schon protestantische Christin durch den Entschluß ihres Vaters geworden und' damit in dem gleichen Glauben erzogen, der sich bei dem blonden Brandenburger Hensel, dem Landpfarrerssohn aus Trebbin, von selbst verstanden hatte. Einen Augenblick lang wollte Fanny ihren hübschen Sohn, diese wunderliebliche Mischung aus ihr und ihrem prächtigen Gatten, auf ihren Schoß ziehen. Aber dafür war er wohl doch schon zu groß für die zierliche Mutter geworden. So ließ sie ihn dann stehen, wie er vor ihr stand, dies nette Bürschchen, das sie gemacht hatte, und strich ihm nun mit ihren vom vielen Klavierspielen ausgearbeiteten Händen liebkosend die gelben Locken aus der Stirne zunück. „Siehst du," plauderte sie in ihrer munteren schnellen Art dem Jungen vor, der später einmal die Lebensbeschreibung des Hauses Mendelssohn verfassen sollte, „du darfst nicht gleich veTzagen, wenn es einmal eine Woche und länger stockt und! du nicht recht weiter zu kommen scheinst in der Musik. Denk dann zum Trost an deine Mutter! Die hat das Pech gehabt, als Schwester ihres berühmten Bruders, deines guten Onkel Felix, auf die Welt zu kommen. Sogar vier Jahre vor ihm. Aber» dieser Vorsprung

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