Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XLV. Jahrgang Wien, 7. Juni 1929 Nummer 23 Christentum und Schächtfrage. Prof. Dr. Herzog gegen Prof. Dr. Ude. Am Samstag, den 1. Juni hat der Verband der Grazer Tierschutzvereine einen öffentlichen, von zahlreichen Zuhörern besuchten Vortrag veranstaltet, in welchem Prof. Dr. Johann Ude in seiner temperamentvollen Art über das Thema: „Wir Christen und das Schächten" gesprochen hat. Obschon Professor Ude am Beginne seiner Rede ausdrücklich betonte, daß er kein Antisemit sei und jeden, der ihn als solchen bezeichne, einen Schuft und Lügner heiße, Kraftausdrücke, die man ja bei ihm gewohnt ist, die aber bei einem Priester nicht gerade schön anmuten, waren seine Darlegungen nichts anderes als eine von schwersten und gehässigsten Ausfällen gegen das jüdische Schächten erfüllte Rede, in der sich Ude auch nicht eine einzige der bei den ärgsten Antisemiten beliebten Anschuldigungen und Entstellungen hat entgehen lassen. Am Schlüsse seiner, von seinen Anhängern mit Beifall aufgenommenen Rede forderte er die Juden auf, dieses Gebot, wie sie es auch bei so vielen anderen getan haben, aufzugeben. Kaum hatte Prof. Ude seine Rede beendet, meldete sich Prof. Dr. Herzogzu Worte, um in glänzender, mit leidenschaftlichem Pathos vorgetragener Rede die Anschuldigungen Udes zu widerlegen. Zunächst betonte Prof. Herzog, daß er jeden Satz Prof. Udes, der namentlich eine vollkommene Unkenntnis des Judentums bewiesen habe, widerlegen könnte, aber mit Rücksicht auf die ihm zugestandene beschränkte Zeit nur das Wichtigste hervorheben werde. Ganz entschieden aber müsse er gegenüber der immer wieder betonten „Christlichen Ethik" betonen, daß ihm keiner ethisch überstehe. Und nun wolle er hervorheben, daß ein Volk, das an die Spitze seiner geschichtlichen Mission einen Mann stellt, der nur darum als Führer bestellt wird, weil folgendes von ihm erzählt wird, wahrlich seine Tierfreundlichkeit nicht erst zu beweisen braucht. Als Moses nämlich noch die Schafe seines Schwiegervaters Jethro weidete, lief ihm ein Böcklein davon. Da setzte ihm Moses nach, bis es an einen abschüssigen Ort anlangte, wo es Wasser fand, das es tiank. Als Moses es einholte, sagte er: Du Böcklein wirst wohl müde sein, und mit diesen Worten nahm er es auf seine Schultern und trug es wieder zurück. Da sagte Gott: Wahrlich, wer solches Erbarmen mit meinen Tieren hat, ist auch würdig, mein Volk Israel zu weiden. Rom hingegen ließ seine Gründer von einer Wölfin säugen. Ein Volk weiter, das fast auf jeder Seite seiner heiligen Bücher heißeste Tierliebe geboten hat, braucht also nicht erst seine Tierfreundlichkeit zu beweisen. Wenn wir Juden darum alle — ohne Ausnahme — so zäh an dem Schächtgebote festhalten, geschieht es darum, weil wir der Ansicht sind, daß wir damit ein großes humanes Werk zu verteidigen haben. Der Priester Ude hat darum der Sache des Glaubens einen schlechten Dienst erwiesen, wenn er von den Juden fordert, ein göttliches Gebot aufgeben zu wollen. Denn wohin müßte dies schließlich führen! Es gab Zeiten, in denen man uns Juden den Vorwurf machte, wir hätten die Menschheit zur Faulenzerei erzogen, weil wir den Sabbat eingeführt haben. Wir aber ließen trotzdem von diesem Gebote nicht ab und retteten so der Menschheit den Ruhetag der Woche, dessen wohltätige und humane Bedeutung heute wahrlich kein sittlicher Mensch leugnen wird. Und so verteidigen wir auch in der Schlachtung die humanste Tötungsart des Tieres. Wenn sich Ude auf Gutachten von Gegnern der Schlachtung beruft, können wir uns umgekehrt auf hunderte, ja tausende Gutachten stützen, wie z. B. auf das des Grazer Universitätsprofessors Hofrates Dr. K1 emensiewiez, an dessen hervorragende wissenschaftliche und integre Gesinnung auch Prof. Ude sich nicht mit einem Zweifel wird heranwagen dürfen und der das Schächten als die humanste Tötungsart des Tieres betrachtet. Und wenn wir bedenken, daß jede jüdische Gemeinde, obschon sie ja das Töten der Tiere umsonst haben könnte, einen bezahlten Mann als Schächter anstellt, der eine lange Schulung hinter sich haben muß und ein tief religiöser, also humaner Mann sein müsse, dann ist klar erwiesen, daß wir hierin eine große, humane Sache zu verteidigen haben. Und wenn Ude meint, es sei wahrscheinlich, daß manche Tiere doch bei der Schlachtung Schmerzen haben könnten, so sagen wir, daß dies niemals restlos zu ermitteln sein wird. Dann aber ist für uns auch der Standpunkt gegeben: bei der Synthese einer Wahrscheinlichkeit, die aber absolut unbeweisbar ist, und einem göttlichen Gebote ist es unsere Pflicht, dem göttlichen Gebote zu