Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 IflMUmnimmmtmmmii luimonni Dffi WAHRHEIT kiert auf der Terrasse bei schönem Wetter Siesta halt und dem hastenden Tag einige köstliche Minuten abringt. Wer hier in Merkurs Gefilden sich behaupten will, der muß sich tummeln und ohne Unterlaß auf den Beinen sein, denn Hamburg ist, weiß Gott, kein Schlararfia! — Vor langen, langen Jahren, als die Menschen in ihren kühnsten Träumen nicht an einen Weltkrieg zu denken wagten, da sang auf St. Pauli ein Duettistenpaar, wovon der eine den Wiener, der andere den Hamburger markierte, folgenden Refrain: „Wien ist eine Kaiserstadt, das weiß die ganze Welt, De 'nen groten Dalles het, wi Hamborger heft dat Geld!" Heute ist Wien, die alte Kaiserstadt, keine Kaiserstadt mehr und ich möchte den Hamburger kennen lernen, der heute, auf seinen Geldbeutel pochend, es jenem lustigen Burschen auf „St. Liderlich" gleichzutun sich unterfänge! Geld ist auch hier in Hamburg ein rarer Artikel geworden und man darf füglich annehmen, daß Nord und Süd am Dalles zu gleichen Teilen partizipieren, wie man sich so schön auszudrücken pflegt. Also, bitte, keinen Neid auf den Hamburger. Im Gegenteil: Ich neige der Ansicht zu, daß man auch heute noch im sangesfrohen Wien ungleich größere Ausbeute vom Leben gewinnt, als es in dieser materialistischen Sphäre unseres Hamburgs möglich sein wird. Sapienti sat! Die große Umwälzung brachte uns Hamburgern auch eine Universität, doch trägt die Stadt Hamburg ihr stolzes altes Gepräge als Kaufmannsmetropole wie zuvor und die paar buntbemützten Musensöhne verändern das Stadtbild nicht sonderlich. Die Meinungen über die Notwendigkeit dieser Hochschule gingen seinerzeit sehr weit auseinander, und es kam zu temperamentvollen Wortgefechten im Stadtparlament, denn ein großer Teil der Bürger wollte von einer Universität hier, wo nach Heine Jud und Christ so redlich wie möglich miteinander handelten und gut auskamen, nichts wissen und fürchteten eine Trübung dieser Harmonien. Als ein anderes Argument wurde in die Waagschale geworfen, daß wir ja im nahen Kiel eine altehrwürdige Alma mater besitzen, der wir das Wasser abgrüben, und was dergleichen Sentiments mehr waren. Ueber Nacht war die alte Hammonia eine Musenstadt und die Gegensätze haben sich inzwischen ausgesöhnt. John Jacobsohn. (Fortsetzung folgt) Nach einer Statistik des Geheimrates Martin, der auch schon vor dem Kriege eine sehr wertvolle Arbeit über die Großvermögen veröffentlichte, soll Wilhelm II. der reichste Deutsche sein. Der Exkaiser verdankt die außerordentliche Bereicherung der überaus generösen Haltung, die seine dankbaren einstigen Untertanen bei der Schaffung des Fürstenabfindungsgesetzes eingenommen hatten. Es ergibt sich daher, daß Wilhelm II. in gewissem Sinne doch zu den — Kriegsgewinnern zählt. KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERH/INN EBENSPÄNQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 Der Rektor der Universität in Jena, Geheimrat Dr. Zahn, hat bei Eröffnung des Sommersemesters in einer sehr nachdrücklichen Rede den Studenten die Mahnung ans Herz gelegt: „Achten Sie Ihre Kommilitionen, auch wenn deren Weltanschauung eine andere als die Ihre ist." Wir können mit einer gewissen Genugtuung darauf hinweisen, daß auch an den österreichischen Universitäten niemals in einer feierlichen Rektorsrede den arischen Studenten die Mißachtung andersgläubiger oder andersdenkender Kommilitionen empfohlen wurde. * * •fc Ein bekannter Wiener Musikschriftsteller, der zu den begeistertsten Verehrern Richard Wagners, des Künstlers wie des Menschen, zählt, obgleich dieser einer der böswilligen Väter des Rassenantisemitismus war, hat dieser Tage anläßlich des 60. Geburtstages Siegfried Wagners einen in mehrfacher Beziehung interessanten Artikel veröffentlicht. Jüdische Leser wird vielleicht am meisten interessiert haben, daß gerade das, was in dem Artikel zum Lobe der menschlichen Eigenschaften Siegfried Wagners gesagt wird, wenn vielleicht auch ungewollt, wie der schärfste, schneidendste Tadel Richard Wagners erscheint. Da liest man nämlich u. a. buchstäblich: „Die Art, wie jemand dankt, ist ein Gradmesser für innere Kultur und Beschaffenheit des Herzens. Siegfried Wagner dankt für den kleinsten Dienst, den man ihm erweist, mit einem Gefühlsüberschwang, der zu dem Geleisteten in keinem Verhältnis steht." Wenn man — und sicherlich mit Recht — diese Art des Dankens als Gradmesser für Herzenseigenschaften akzeptiert, dann ist das vernichtendste Urteil über Richard Wagner, den großen Undankbaren, gefällt! Man weiß, wie Richard Wagner auch über die größten Dienste, die ihm erwiesen worden, mit geradezu verblüffendem Egoismus hinwegging. Allerdings muß loyalerweise betont werden, daß Richard Wagner, was die Undankbarkeit betrifft, ganz frei von konfessionellen Vorurteilen war. Dieses Zeugnis konnten ihm mit gutem Gewissen Juden und Christen ausstellen. * , * * Die „Reichspost" zitiert mit einer Empörung, die man vollauf teilen kann, folgenden Satz aus einem kommunistischen russischen Blatt: „Lernen, die Meinung anderer würdigen, geduldig sein, diese Moral ist für einen Kommunisten unannehmbar. Der Geist der Versöhnung, der Duldsamkeit ist eine der großen Geißeln für die Organisation." Hierzu bemerkt die „Reichspost": „Das ist eine furchtbare Moral, aber aufrichtig gestanden, bei uns schreibt man derlei nicht, aber man praktiziert es." Da irrt sich die „Reichspost" denn doch ein wenig. Derlei wird unausgesetzt gerade in Oesterreich, und zwar in der hakenkreuzlerischen Hetzpresse, gegen die Juden geschrieben, in derselben Hetzpresse, gegen die in der „Reichspost" nie ein zurück-