Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT —— Der Internationale Tierschutz-Kongreß und die Schacht frage. Wir veröffentlichen hier einen Auszug aus der Ansprache, die Herr Rabbiner Dr. David Feuchtwang im Anschlüsse an die Filmvorführung Dr. Kl eins, über die wir jüngst ausführlich berichteten, hielt: „Ich bin mir der Verantwortung für meine Worte voll bewußt. Sie werden mich natürlich für einen Mann von Vorurteilen halten; denn ich bin nicht nur Jude, sondern sogar Rabbiner und stellvertretender Oberrabbiner; bin also dreifach belastet und muß für die jüdische Schächtung eintreten. Ich bekenne mich als eifriger und aufrichtiger Anhänger des Tierschutzes. Wie sollte ich das nicht? Das jüdische Volk und die jüdische Glaubensgemeinschaft der Welt sind in der beneidenswerten Lage, uralte Gesetze und Lehren zu besitzen aus einem Altertum, in welchem wohl kaum ein Volk der Welt ein Gleiches besaß, Lehren, die ihm unbedingte Liebe zu allen Gottesgeschöpfen und zu allernächst zum Mitmenschen vorschreiben und die das Judentum seit Jahrtausenden befolgt. Schonung und Schutz der Tiere sind uns ebenso religiös-ethisches Gebot wie Menschenliebe. Auch das Töten derjenigen Tiere, deren Fleisch die Menschen als Nahrungsmittel benützen, wurde in unserer Lehre bereits vor Jahrtausenden aus der Willkür und Grausamkeit der Menschen in die Sphäre religiöser Gebote gehoben, natürlich zum Zwecke der Schaffung mildester Formen in der Behandlung dieser Geschöpfe. Ich würde es als Glück erachten, wenn der Organismus aller Menschen so beschaffen wäre, daß er der Fleischkost nicht bedürfte. Denn jedes Töten, auch das humanste, ist grausam. Es war eine Kulturtat. eine für alle Juden gleich verpflichtende und bindende Form der Schlachtung zu gebieten. Diese Form war und ist das Schächten, das nach ungeheuer strengen Vorschriften nur von geprüften, streng religiösen, kundigen Männern in ganz bestimmter Weise vollzogen werden darf, die bis heute von größten wissenschaftlichen Autoritäten als mildeste Form geprüft und anerkannt ist und von diesen aus dem Begriffe der „Tierquälerei" ausgeschlossen wird. Es ist auch ganz ausgeschlossen, daß die jüdische Lehre eine Tierquälerei gestatten oder dulden könnte. Ich besitze den Mut, zu sagen: Wenn das Schächten von unvoreingenommenen Autoritäten wissenschaftlich als Tierquälerei erkannt und bezeichnet würde, dann müßte es unterbleiben und die gesetzestreuen Juden müßten dann auf Fleischgenuß verzichten. Ich billige Herrn Dr. Klein zu, daß er ausschließlich von der Tendenz des Tierschutzes geleitet ist; behaupte aber, daß er in Irrtum befangen ist und daß seine Filmvorführungen keine Grundlage für ein Urteil über das jüdische Schächten bilden können. Die Vorführung zeigt, daß nichtjüdische Männer das Schlachten vollzogen mit Messern, die nicht von jüdischen Sachverständigen geprüft waren und die den Schächtschnitt keineswegs unter Beobachtung der ungeheuer genauen Regeln und Vorsichten gemacht haben, die für jüdisches Schächten gelten. Uebrigens wurden die Hammel in stehendem Zustande geschlachtet, was gegen die jüdische Vorschrift verstößt. Dr. Klein hält unbedingt daran fest: dieses Schächten ist Tierquälerei und alle Bewegungen der Schlachttiere nach dem Schächten sind bewußt vollzogene und Folgen der Qualen. Dem stehen autoritative Ansichten und Behauptungen größter Kenner gegenüber. Wir Juden sind aber durchaus nicht abgeneigt, uns in eine ernste Diskussion über Betäubungsmittel vor dem Schächtschnitt einzulassen, sofern sie endgültig und einwandfrei erprobt sind und den Vorschriften der Ritualkodices nicht zuwiderlaufen, das heißt, daß der Zweck des Schächtens: rascheste und mildeste Form des Tötens, möglichst rascher Eintritt der Bewußtlosigkeit und Ausblutung durch die Betäubung nicht gehindert wird. Bis nun ist kein Betäubungsmittel endgültig erprobt, auch nicht die elektrische Betäubung. Ich wiederhole: Schon aus religiöser Pflicht sind wir bereit und bemüssigt. alles zu versuchen, was die Schmerzen der Tiere mildern und verkürzen kann. Derselbe Gott, der uns die Menschenliebe gebietet, verlangt von uns Schonung aller Lebewesen und Geschöpfe. Gegen irrtümliche Beurteilung oder gar tendenziöse, feindliche Bewertung unserer religiösen Gebote müssen und werden wir uns wehren. Wir waren niemals Tierquäler und jedwede auch leiseste Grausamkeit bei irgendeiner religiösen Vorschrift ist bei Juden gänzlich ausgeschlossen." .....................11 " 11 Seite 7 Weekend-Werbe-Wochen Unter Sfhtatfett ÜHSSHil KOFFERAPPARAT HM ZU WEEKEND Sehr lautstark, mit eingebautem Platten- JSH|^^^^SS|BiBHb behälter für 6—10 Platten und ^gratis ^0f\^^SM^^^^^^t Anzahlung und 12 Raten ä S 5.80 JJj^Sj^^j^^^ MUSIKHAUS EXCELSIOR INHABER: RICHARD HERZOG Wien I., Adlergasse Nr. 5 — Telephon R-23-4-90 Wien II., Kl. Pfarrgasse 28 — Telephon A-41-6-24 Briefe aus Hamburg. Endlich ist der langersehnte Lenz gekommen und man darf wieder unter blauem Baldachin auf der sonnigen Terrasse des Alsterpavillons sitzend seinen „Mokka" schlürfen und das mondäne Treiben an sich vorüberziehen lassen. Wer Hamburg kennt, der kennt auch dessen Jungfernstieg, diese einzigartige, weltstädtische Prunkstraße und ihr unvergleichliches Alsterbecken, darin in beschaulicher Ruhe stolze Schwäne ihre Bahn ziehen und dessen blanken Spiegel flotte Dampfboote durchpferchen, die ihre Passagierlast dem vornehmen Uhlenhorster Fährhaus und den verschiedenen anderen an der Alster gelegenen heiteren Stätten zuführen. Die Alster, diese schöne Seele Hamburgs, entfaltet zur Sommerzeit erst voll ihre vielbesungenen Reize. Sie wird von der Lombardsbrücke, dieser bekannten Verkehrsader, in zwei Hälften geschieden, und zwar in eine Binnen- und eine Außenalster, und wTährend erstere von Hotelpalästen und großen Kontorhäusern umstanden ist, umsäumen die weite Außenalster die Villen und Gärten der Patrizier, dieser beati possidentes, die hier paradiesisch schön hausen und sich eines beneidenswerten Daseins erfreuen dürfen. Wie in Duft und Glanz gefügt umgibt diese Perlenschnur der Villen das weite blaue Becken und besonders schön, ja herrlich ist der Anblick, wenn frühmorgens das Tagesgestirn am Firmament aufsteigt. „Die Alster errötet, wenn Phoebus erwacht, Als schäm' sich ein Mädchen der eigenen Pracht!" So sang der im Jahre 1922 heimgegangene feinsinnige Poet Albert Samson, der „Peter Altenberg44 Hamburgs. Drei Dinge sind es, die Hamburgs Ruf in alle Windrichtungen tragen. Der mächtige Hafen, der Hamburgs Bedeutung als Weltstadt und ihre Seegeltung ausmacht, das weltbekannte St. Pauli als Vergnügungszentrum und der Jungfernstieg mit seinem Alsterbassin und seiner populären Gaststätte, dem Alsterpavillon, dessen schon Heine gedachte. Das heutige Etablissement weist allerdings andere Dimensionen auf als das damalige kleine bescheidene Häuschen. Hier in diesem modernen, luxuriösen Prachtbau finden allabendlich auserlesene Konzerte und künstlerische Veranstaltungen statt, während man draußen von Palmen flan-