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Die Wahrheit · 1929-05-31 · Heft 22 (31.5.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 bibhbimwmum DIE WAHRHEIT vielleicht eine Stagnation wahrnehmbar, die durch gewisse ökonomische Gründe bedingt ist. Wird Jiddisch als Verkehrssprache tatsächlich vom Englischen überwogen? Auf diese Frage kann ich mit einem festen Ja antworten. Gbzwar wir eine sehr gute, populäre jiddische Presse haben, welche vom literarischen Standpunkte aus auf einem hohen Niveau steht, die naturgemäße Tendenz führt doch zur englischen Sprache. Die Kinder der Jiddisch lesenden Eltern sind amerikanisiert und lesen und sprechen das Englische. Die englischen Beilagen in den jiddischen Zeitungen sind ein Beleg dafür, daß die kommende Generation nur das Englische haben will. Alles in allem, sagte Rabbiner Dr. Mayer Winkl er, das Judentum in Amerika steht vor einer glänzenden Zukunft. Trotz des gewaltigen Kampfes, es zu erhalten, sehe ich ein wunderschönes Judentum erstehen, ein Judentum in dem weitesten Sinne des Wortes, welches alle Elemente und alle Zweige einer alten, aber nimmer veraltenden Zivilisation enthält. Jüdische Bühnenkünstler. Adolf Sonnenthal zum Gedenken. (Vortrag von Prof. Heinrich Glücksmann auf dem 12. Sprechabend der „Union".) Zum Gedenken an unseren unvergeßlichen Adolf Sonnenthal, der nun schon seit zwei Jahrzehnten in der kühlen Erde Rast hält von seinem arbeits- und erfolgreichen Leben, das bis an sein Ende Streben zum Guten, Schönen und Hohen war. will ich heute nicht von ihm allein sprechen, sondern auch von jüdischen Bühnenkünstlern im allgemeinen, von Stammesgenossen, Rassenbrüdern des großen Verewigten, die — ihn zum Vorbilde, zum Pfadweiser — seinen Weg gingen, die auf dem Gebiete seines Schaffens gleichfalls zu einer Bedeutung über Stunde und Tag hinaus gelangt sind und vielleicht auch von solchen, die mit innerer Berufenheit dem gleichen Ziele zusteuern. Das mir gestellte Thema umfaßt so weite Bezirke der Theatergeschichte und der Theatergeographie, daß es eine Unmöglichkeit ist, dem überreichen Gegenstand in dem eng gezogenen Rahmen eines einzigen Vortrages voll und ganz gerecht zu werden. Solches Unterfangen wäre eine Kühnheit, die sich durch das Mißlingen, durch die Notwendigkeit trockener Namenslisten mit Daten und Glossen von kaum lexikographischer Knappheit und somit durch Langeweile selbst bestrafen müßte. Einschränkung ist mir Gebot. Arnold Zweig, dessen Drama „Ritualmord in Ungarn" vor einem Dezennium die Sensation unserer, damals noch in jeder Weise aktiven „Neuen Wiener Bühne" war, als dichterisches Werk an sich, aber auch durch das markante, zum ersten Male ihre geniale Eigenart ins Bewußtsein hämmernde Hervortreten der Elisabeth Bergner in der Gestaltung des kleinen Moriz Scharf, dieser Schriftsteller arbeitet nicht allein für das Theater, auch aus dem Theater heraus, das er mit allen Sinnen bespürt und bis in seine tiefsten Tiefen zu verstehen bemüht ist, ein Techniker, der jedes Rädchen der Maschine kennen will, die nach seinen Entwürfen spinnen und weben soll. Da hat er nun vor etwa zwei Jahren ein schönes, gehaltvolles Buch über „Juden auf der deutschen Bühne" geschrieben, auf dessen mehr als 300 Seiten er den ungeheuren Stoff trotz der Eingrenzung auf die deutsche Sprachzone nicht zu erschöpfen vermochte. Freilich hat er das Gesamtreich des Theaters mit seinen Provinzen und Gauen ins Auge gefaßt und besondere Betrachtungen den Geldgebern wie den Direktoren, den Agenten wie den Bühnenvertrieben, den Dramaturgen wie den Dramatikern, den Kritikern wie den Regisseuren und dann erst in prägnanten Einzeldarstellungen besonders hervorragenden Repräsentanten der Schauspielkunst von heute und gestern gewidmet Von heute und gestern. Das Vorgestern hat er schon außer acht gelassen. Selbstredend erst recht eine noch weiter zurückliegende Vergangenheit. Arnold Zweig gibt sich als ein Maler, der nur porträtiert, was ihm wirklich und leibhaftig Modell gestanden hat. Auf den Ruhm der Geschichte, den Ruf der Ueberlieferung läßt er sich nicht ein. Vielleicht weiß er auch gar nichts von dem großen Tragöden des Berliner königlichen Hoftheaters aus dem zweiten Viertel des vorigen Jahrhunderts. Moritz Rott, Sohn eines Prager Kaufmannes Rosenberg, nichts von dem geistvoll eleganten Bonvivant Anton Ascher, einem der ersten und besten Konrad Bolz in Gustav Freytags „Journalisten", der in Wien als Darsteller und als glücklicher Bühnenleiter seine begeisterte Gemeinde hatte und dem kein Geringerer als Josef Lewinsky ins Grab die Worte nachrief: „Du warst als Künstler wie als Mensch der blühendste Ausdruck der Freude, des Humors", ebenso nichts von dem Mitterwurzer unserer Großeltern, dem wilden Genie Bogumil Dawison, von dem der sehr strenge Berliner Kritiker Karl Frenzel rühmt, daß „das wunderbare farbige glänzende Leben der Shakespeare-Dramen in seinem Spiel die glücklichste und hinreißendste Gestalt gewann." Aber auch Namen von einst leuchtendem und immer noch schimmerndem Glänze, deren Träger uns Aelteren schon edelste Kunstgenüsse geboten haben, wie Ludwig Barnay, Kathi Frank, die Rivalin und Konkurrentin der Wolter, Siegwart Friedmann, Jenny Groß, die Personifikation der Anmut, Josef Joseffy, neben Alexander Girardi der Charakterdarsteller der Operette, Gustav Kadelburg, den die Berliner als flotten Lustspiel-Liebhaber und gewandten Lustspielautor liebten und lobten, Conrad Loewe und Emerich Robert, Säulen unseres Burgtheaters, Alexander Strakosch, der sich als Rezitator und als Bühnenpädagog hervorgetan hat, und endlich, um auch noch einen unter uns Lebenden zu erwähnen. Adolf Weisse, der unserem vor seinem 40jährigen Jubiläum stehenden „Deutschen Volkstheater" den Prolog gesprochen und als gediegener Gestalter, wie als vornehmer, die feinst zusammengestimmte Ensemblekunst pflegender Direktor durch drei Jahrzehnte fördernde Dienste geleistet hat, die nicht undankbar vergessen werden sollen, alle diese und manche andere erwähnt Arnold Zweig mit keinem Wort. Ihr Wirken liegt jenseits der Sphäre, in die er Einblick nimmt und gibt. Und er sieht und geht auch an Adolf Sonnenthal vorüber, an diesem — man darf wohl sagen — in einziger Weise typisch jüdischen Bühnenkünstler, dessen Art der Menschenbelebung vornehmlich in seinem jüdischen Wesen wurzelte, der, wie kaum ein anderer vor und neben ihm, seine Gestalten mit dem Blute seines warmen jüdischen Herzens nährte, worin ihm von allen Nachfahren vielleicht Rudolf Schildkraut am verwandtesten ist. Daß Sonnenthal ein guter Jude war und blieb, blieb trotz seiner künstlerischen Glorie und seines gesellschaftlichen Aufstieges bis in den Kreis der Kaiserfamilie und des exklusivsten Adels hinein, daß er in gewissem Sinne auch fromm war, sich an den hohen Feiertagen zu keinem Auftreten bewegen ließ, vielmehr auf seinem Tempelsitz saß und den langen Tag durchfastete, daß er mit seiner Glaubenstreue, seinem schönen Mute des Bekenntnisses zur Konfession, in die er hineingeboren war, dem Antisemitismus Trotz bot und ihn auf seinem Heimatsboden, im Burgtheater, wo dieser Giftdrache immer heimisch war und noch ist, überwand, das ist als löblich anzuerkennen, ehrt ihn in unseren Augen, tut uns wohl und wäre als Beispiel festzuhalten. Aber es steht in keiner Beziehung zu seinem Berufe. Immerhin hat jedoch sein Judentum auf diesen abgefärbt. Am besten, am wahrsten und überzeugendsten gelangen ihm Menschen von Gütigkeit, denn ihm war die Identität von Judentum und Güte, die der Berliner Dialekt in den Gleichklang von Jud und gut („jut") legt, geradezu Lebensanschauung, die er in seine Kunst ergoß. Darum übten auch die jüdischen Gestalten der dramatischen Literatur einen besonders magnetischen Zauber auf seine Künstlerseele aus. Schon der „Uriel Acosta", der edle Reformjude, gehörte von früher Jugend an zu seinen Lieblingsrollen, und man vernahm förmlich das fieberische Klopfen seines Herzens, man verspürte den Flammenhauch der Leidenschaft für den Jugendglauben, wenn er mit fliegendem Atem die große Rede vor dem Senat der Rabbinen mit dem Seelenaufschrei beschloß: „Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude!" Nur ungern tauschte -er die Figur des jungen jüdischen Bekämpf er s des Zopfes und des steinernen Dogmas, das nicht ins grüne Leben hineinblühen und glühen mag, mit dem milden, weisen Arzte De Silva in dem gleichen Drama, den Gutzkow aus einer Rippe des Lessingschen Nathan geschaffen haben könnte und der denn auch Sonnenthal eine Vorstufe, eine Skizze zu der unvergleichlich herrlichen Verkörperung dieser idealsten, liebe- und verständnisvollsten dichterischen Inkarnation des Judentums wurde, wiewohl er ihn nach dem „Nathan" zur Verkörperung brachte. Der schönste Traum seines Lebens, das höchstgesteckte Ziel seines Strebens war dieser Nathan der Weise, an den er erst am Abend seines Wirkens herantrat, dieses damit würdig krönend. (Fortsetzung folgt.)

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