Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-05-31 · Heft 22 (31.5.1929) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064218--17203-3087313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT WWWia geite 5 sein Judentum zu erhalten und dieses heilige Erbe seiner Väter der kommenden Generation zu überliefern. Insbesondere die heranwachsende Jugend interessiert sich für die Probleme des Judentums. Alle religiösen Richtungen, zwischen denen ein sehr toleranter Geist herrscht, sind sich dessen voll bewußt, daß angesichts der bestehenden Einwanderungsbeschränkungen das Judentum in Amerika auf eigenen Füßen stehen muß. In allen drei Richtungen des amerikanischen Judentums, orthodox, konservativ und Reform, ist eine Tendenz wahrnehmbar, eine Basis zu schaffen, auf welcher das religiöse Leben in Amerika, angepaßt dem Geiste und den Verhältnissen der amerikanischen Zivilisation, aufgebaut werden soll. Die strenggläubigen Orthodoxen bemühen sich jetzt, durch die Jeschiwahs Rabenu elchonon englisch sprechende Rabbiner für ihre Gemeinden heranzubilden. Die Reformierten, die das liberale Judentum in Amerika vertreten, zeigen in den letzten Jahren eine ernste Neigung zu den jüdischen Traditionen, mit einem Worte, sie sind bestrebt, sich zu judaisieren. Die jüngste dieser Schattierungen ist die sogenannte konservative Richtung, welche das moderne orthodoxe Judentum vertritt, und kommt in ihren Synagogen und Institutionen das Traditionelle in moderner Form zum Ausdrucke. In Amerika pulsiert ein sehr reges jüdisches Gemeindeleben. In den letzten drei Jahren haben die amerikanischen Juden für Synagogen und Tempelbauten über 70 Millionen Dollar verausgabt. Wie ist die Stellung des Rabbiners innerhalb der amerikanischen Gemeinde? Der Erfolg und Mißerfolg einer amerikanischen jüdischen Gemeinde ist von der Fähigkeit seines geistigen Führers, des Rabbiners, abhängig, dessen Arbeitsfeld ein äußerst kompliziertes ist. Der Beruf des amerikanischen Rabbiners ist infolge seiner umfassenden Tätigkeit ein sehr schwieriger. Der amerikanische Jude hat das Verlangen, die aktuellen Tagesfragen vom jüdischen Standpunkte aus von der Kanzel herab behandelt zu bekommen. Der Rabbiner muß von Woche zu Woche seine Zuhörer durch interessante Predigten oder Vorträge zu fesseln suchen. Das Hauptgewicht des Gottesdienstes in Amerika wird auf die Predigt gelegt und man kann sich einen Gottesdienst in einer modernen Gemeinde ohne Predigt nicht vorstellen. Eine interessante Erscheinung im amerikanisch-jüdischen Gemeindewesen ist, daß auf der jüdischen Kanzel oft nichtjüdische Redner oder auf der christlichen Kanzel jüdische Rabbiner sprechen. Ich habe zum Beispiel in meinem Tempel anläßlich des 200. Todestages Lessings eine Feier veranstaltet, bei welcher Gelegenheit der berühmte Bischof der Episkopalkirche, ein frommer presbyterianischer Geistlicher, der deutsche Konsul und ich Ansprachen hielten, die dem Andenken des großen deutschen Dichters gewidmet waren. Dieser Abend gestaltete sich zu einer Verbrüderungsfeier zwischen Juden und Nichtjuden. (Anm. d. Red.: Eine solche Feier echter, schöner Menschenversöhnung in einem Gotteshause ist wohl in ganz Mitteleuropa unvorstellbar.) Wie steht es mit der Erziehung der amerikanischen jüdischen Jugend in religiöser Beziehung? In Amerika ist infolge der Trennung von Staat und Kirche der Religionsunterricht nicht obligatorisch. Zu unserem größten Bedauern müssen wir feststellen, daß ein starker Prozentsatz unserer Kinder ohne irgendwelche jüdische Erziehung heranwächst. Einer jüngst veröffentlichten Statistik zufolge suchen von den über 300.000 jüdischen Kindern in New York nur etwa 100.000 jüdische Schulen, und zwar die Sonntagsschulen oder die Talmudthoras auf. Das Bild New Yorks entspricht im allgemeinen den Verhältnissen in ganz Amerika und das ist meiner Meinung nach das brennendste Problem der amerikanischen Juden. Es ist eine Tendenz vorhanden, den hebräischen Unterricht den Gemeinden zu entziehen und den unabhängigen Talmudthoras zu übertragen, wo Hebräisch systematisch in moderner Weise unterrichtet wird. Ich vertrete jedoch die Ansicht, daß die jüdische Erziehung von der religiösen Gemeinde nicht getrennt werden kann, und ich bin sehr glücklich, daß es mir gelungen ist, in meiner Gemeinde eine moderne Talmudthora zu gründen, wo unsere Kinder eine sehr gute jüdisch-religiöse Erziehung bei qualifizierten Lehrern genießen. Es ist jetzt auch eine Bewegung durch die Bne-Brith-Logen und andere jüdische Organisationen im Gange, die akademische jüdische Jugend heranzuziehen, und in einigen Universitäten sind bereits Jugendkongregationen, denen ein Rabbiner vorsteht, gebildet worden. Gibt es einen amerikanischen Antisemitismus? Es gibt wohl auch in Amerika Rassenvorurteile, aber trotzdem, der allgemeine Geist Amerikas ist Freiheit und Toleranz. Meine achtjährige Wirksamkeit in Amerika berechtigt mich zu der Behauptung, daß in der Geschichte der Juden in den letzten 2000 Jahren unsere Brüder nie so viel Freiheit genossen haben wie in Amerika. Zudem ist der Jude in Amerika im allgemeinen ziemlich gut situiert und führt daher ein glückliches freies Leben. Weshalb ist die jüdische Wohltätigkeit in Amerika so gut entwickelt? Wir leben jetzt im Zeitalter der Trusts und Organisationen, so daß auch die jüdische Philantropie diesen Vorzug genießt. Zedoko, eines der Grundprinzipien des Judentums, ist in Amerika besser entwickelt und systematisiert als andere Elemente des Judentums. Wie kommt das amerikanische Judentum seinen Verpflichtungen gegenüber dem Gesamtjudentum nach? Der amerikanische Jude hat in den letzten Jahren seine Pflicht gegenüber seinen Brüdern in der Welt voll und ganz erfüllt. Ungefähr 70 Millionen Dollar sind in den letzten Jahren allein durch den „Joint" und andere Institutionen verausgabt worden. Momentan ist in Bezug auf Geldsammlungen DAD ISCHL m Pension Jupiter Salzkammergut Lindaustraße 18 Prächtige Lage Rubig, vornehm Streng ritueller Huchenbetrleb unter Leitung von D. SPIEGEL. Ausgezeichnetes Mittag»men& auch ä Ia Carte Komfortabel eingerichtet, beste französische and Wiener Küche, jede Diät, Fam.-Arrangement, Garage, Telephon. Bäder im Hause. Prospekte ■»■» «0. lunl crmttOltf._

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.