Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-05-31 · Heft 22 (31.5.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064218--17201-3087311
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT msmm Seite 3 jekte liebt. Die meisten Forschungsreisenden früherer Zeiten bringen (ebenso heute noch viele populäre und halbpopuläre Bücher) oft die Photographien bestimmter Personen mit der Unterschrift „typischer Malaie" oder „typischer Perser" oder „typischer Germane". Das sind natürlich stets Individuen, die man willkürlich zum Typus verallgemeinert hat. Oft charakteristischer für den Autor als für seine Objekte, denn sie zeigen uns, was er für charakteristisch hält! Um dieser Gefahr der willkürlichen Auslese zu entgehen, habe ich für einen Vortrag in der Berliner Physiognomischen Gesellschaft mehrere hunderte von Paßbildern junger Ostjuden, die auf dem Wege nach Uebersee Berlin passierten, zu Tafeln zusammengestellt. Die Paßstelle der jüdischen Wanderfürsorge gestattete mir die Entnahme der Bilder, die sämtlich ungefähr gleich groß und frei von Retouche waren. Ich wählte Männer im Alter von 20 bis 30 Jahren, die sämtlich aus Russisch-Polen stammten, also auch in bezug auf Wohnweise, Sitte und Lebensart ein einheitliches Menschenmaterial darstellten. Vor allem aber, und das ist die Hauptsache, sind diese Personen so, wie sie die Paßstelle passierten, hintereinander genommen, ohne jede Auswahl meinerseits. Hier ist also jede Willkür des Untersuchers ausgeschlossen, und die Fixierung auf großen Tafeln gestattet es, zur Kontrolle meiner eigenen Ansicht die Bilder beliebig vielen anderen Gutachten zu unterbreiten. So konnte man zunächst die Frage studieren: wie viele dieser Gesichter sehen jüdisch aus? Die Leute waren im Aeußeren allesamt schon „modernisiert", kein Kaftan, kein Kopfkäppchen, keine Schläfenlocken, vielmehr Kragen usw. Also fiel auch die Fehlerquelle der andersartigen Tracht fort, die während des Krieges unsere Soldaten so oft über die „Erkennbarkeit" des Ostjuden täuschte. Da zeigte sich nun, daß nur 29 Prozent dieser Männer zum sogenannten jüdischen Typus zu rechnen waren. Andere Beurteiler dieser Bilder kamen fast genau zu denselben Zahlen wie ich. Es fanden sich aber auch einige ausgesprochen schmale „nordische" und auffallend viele breite „ostische" Gesichter, um die Güntherschen Bezeichnungen zu gebrauchen: Germanen oder Slawen nach der üblichen Bezeichnung. Es ist dies ein neuer Beweis für die alte Erfahrung, daß die Juden sich überall in ihrer äußeren Erscheinung dem anthropologischen Typ ihrer Um- Krapnik das Modezentrum für den verwöhnten Geschmack Modelle aus Paris und eigene Schaffunsen von Mänteln, Kostümen, Complets, Nach» mittaas- und Gesellschaftstolletten Schöne Linie, vornehme Eleganz, unerreicht billige Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse Nlir ¥N" KAISBRSTMSSB 113 Anerkannt größtes und führendes Spezialbaus Oesterreichs Lachen und ärgert sich, wenn andere lustig sind. Man wird vor der Zeit alt und grau und stumpfsinnig — wie ein Arbeitspferd. Nah? Ich muß schon aussteigen — gute Reise--" So endet die Unterhaltung. Wenn wieder ein Jude einsteigt, dann kenne ich schon seine Geschichte. Sehen Sie, das ist „Stoff" zum Philosophieren. Dann schauen Sie wieder zum Fenster hinaus in die schöne - Landschaft und müssen fortwährend an jenen Glaubensgenossen denken und können nicht verstehen, wie der Mensch Ihnen gegenüber eine Trinkernase haben kann; aber Sie können verstehen, warum der griechische Philosoph sein Domizil in einem Faß aufgeschlagen hat. Wahrscheinlich wollte er nichts mehr von den Menschen wissen — dieser Egoist. Ich möchte auch einmal dahingehen, wo es keine Menschen gibt, und nicht eher wiederkommen, bis jener Jude mit dem edlen, bleichen Gesicht und dem schwarzen Bart, einen noch elenderen Fabriksarbeiter nicht mehr beneiden muß. Lieber Gott, gib allen Menschen das Brot ohne Kampf, oder — schaffe die Eisenbahnen ab! Amen! Neulich hatte ich in der Bahn eine sonderbare Begegnung. Bei dieser Gelegenheit habe ich einen Typ kennengelernt. Es sind Juden, die zur Klasse der „Enkel" gehören. Sie erklären ihre Daseinsberechtigung damit, daß ihr Großvater irgendein bekannter Rebbe war. Wenn dies wahr wäre, dann müßte jeder Rebbe scharenweise Enkel haben. Aber sie sagen es. Also ich fahre in der Bahn und unterhalte mich mit meinem Gegenüber über die Zustände der Bahn. Mein Gegenüber führt aus, daß es sich in den neuen Vierteklassewagen ebenso bequem fahren laßt, als in der Klasse dritter Güte. Mit einemamale sagt jemand hinter meinem Rücken: „Nu, ich werd' der Bahn 'was schenken!" Ich wende mich um — und richtig: ein Bart! Der Jid blinzelt mich vorwurfsvoll an, als wolle er sagen: du fährst doch auch nur vierte Klasse, weil du der Bahn nichts schenken willst. Gesagt hat er es nicht, aber unsereins versteht sich doch. Ungeduldig wartete der Bart, bis mein Gegenüber ausstieg. Kaum war dies geschehen, als er auch schon mir gegenüber saß, mit brüderlichem Augenzwinkern. Nachdem er einige Fragen, die ich als neugieriger Mensch gestellt hatte, ruhig angehört hatte, legte er los: „Natürlich fahre ich nach Frankfurt. Es ist doch die einzige Stadt, von der man sagen kann, daß die Pflastersteine in ihr koscher sind. Ei, es ist doch Klein-Jeruscholajem! Was ich hier mache? Warum frage ich nicht, was Ihr hier macht? Natürlich mache ich was! Ein Jid muß doch was machen Das heißt — augenblicklich mache ich nichts. Gott soll mir helfen, daß andere machen sollen! Dann bin ich, mit göttlicher Hilfe, gemacht! Wie. Ihr versteht das nicht? Scheint mir, Ihr seid ein halber Jekke. junger Mann. Versteht mich richtig: für meine Sache ist es gut, wenn es anderen gut geht. Ich habe, nicht für Euch gedacht, zu Hause eine Tochter, eine dreißigjährige, eine heiratsfähige. Deshalb ist es Pflicht aller Juden, sie mir zu verheiraten! Bei uns heißt das: hachnoses kaloh. Ihr versteht? Eine größere Mizwah gibt es nicht. Wer gibt gibt für sich. Und wer viel gibt, gibt nicht wenig — das heißt, auf Konto Jenseits. Nun werdet Ihr aber sagen, es gibt viele dreißigjährige Töchter. Darauf sei Euch geantwortet: anderen nicht — und mir ja, heißt geben! Warum? Erstens bin ich ein Jid. ein Talmud- Chochem! Zweitens bin ich ein Enkel des Rebbe von — — — secher zadik liwrochoh! Und drittens, mich unterstützen, heißt meinen Großvater für eine Fürsprache im Himmel verpflichten! Ihr versteht? Und was das bedeutet, kann man mit Worten gar nicht erklären! Bei uns Jiden ist es doch richtig eingerichtet: wer arm ist, kann sich mit Frömmigkeit den Himmel erwerben. — und wer reich ist, kann es mit Geld machen! So leicht hat's kein Volk auf der Welt! Ihr versteht? O, schon Frankfurt! Bleibt mir gesund! Adscheh!" Sprachs und verschwand. Dieser Typ wird bei uns nie verschwinden, weil wir ihn — brauchen. Wir züchten ihn um unsertwillen, weil unsere Barmherzigkeit unermeßlich ist und der Himmel offensteht, uns aufzunehmen---

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.