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Die Wahrheit · 1929-05-31 · Heft 22 (31.5.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT ja sogar negroide — die sehr natürliche Folge seiner Wanderungen rings um das Mittelmeer und durch ganz Europa. Ueberall habe er durch Mischehen fremdes Blut aufgenommen, und „man kann von einer jüdischen. Rasse so wenig reden wie . . . von einer evangelischen Rasse!"*) Nicht ganz so extrem äußert sich der jüngst verstorbene Weißenberg, der beste Kenner ostjüdischer Menschen, der zwar gleichfalls den Glauben an die Konstanz und die Einheitlichkeit des jüdischen Typus für eine Mythe hält, aber betont, daß infolge der Jahrhunderte währenden Verfolgungen, der Abschließung vom allgemeinen Leben, der steten Furcht und Unsicherheit in Gesichtsausdruck und Körperhaltung sich eine gewisse Erscheinungsform gebildet habe, die vergleichbar sei mit dem charakteristischen Aussehen eines Gelehrten oder eines Bauern- Wenn dies fichtig ist, so muß sich dieser Gesichtsausdruck ändern, sobald jene psychologischen Ursachen schwinden, so wie der Bauer sein Aussehen ändert, wenn er die Scholle verläßt, um ein Stubenhocker zu werden. Und das ist in der Tat der Fall, wie wir später sehen werden. Aus diesem Grunde schließen sich auch Feist sowie Boas im wesentlichen dieser Meinung an. Uebrigens hat gerade Boas selbst die Veränderlichkeit der Schädelform und der Körpergröße bei den nach Amerika einwandernden polnischen Juden erkannt und beschrieben. Prüfen wir nun. was denn eigentlich am jüdischen Gesicht das besonders Charakteristische ist. Zunächst einmal ist es nicht die Nase! Nur die Witzblattzeichner geben jedem *) „Rassenmerkmale der Juden". S. 258. Juden eine krumme Nase; Fishberg hat in ausgedehnten Messungen gezeigt, daß kaum ein kleiner Bruchteil aller Juden eine gekrümmte Nase aufweist; etwas größer ist die Zahl der Nasen mit hängender Spitze, aber die Mehrzahl hat durchaus uncharakteristische Nasen. Auch die oft behauptete charakteristische Form des Auges, die sogenannte mandelförmige Lidspalte, ist ganz bestimmt nicht stichhaltig. Das häufige Vorkommen von dunklem Haar und dunklen Augen ist nur im Gegensatz zu einer Umgebung von Blonden und Blauäugigen, also in Skandinavien, England, Norddeutschland, ein Unterscheidungsmerkmal. Je weiter wir nach Süden kommen, desto mehr tritt hier jeder Unterschied zurück. Wichtiger erscheint mir die Form der Lippen. Besonders die wulstige Unterlippe ist es, die für mein Gefühl das Wesentliche am jüdischen Aussehen eines Gesichts ausmacht. Sodann Kräuselung des Haares, die viel charakteristischer ist als die Farbe. Aber, um es noch einmal zu betonen, alle diese Eigenschaften, also z. B. eine bestimmt geformte Nasenspitze, eine dicke Unterlippe, eine gewisse Haarform, brauchen keineswegs zusammen vorhanden zu sein, damit wir von einem Gesicht jüdischen Eindruck gewinnen. Oft ist es nur einer dieser Züge, der unser Urteil bestimmt. Oft ist es aber auch keine dieser oder ähnlicher Eigenschaften vorhanden und nur die schon vorhin erwähnten Umstände der Körperhaltung, des Mienenspiels, des Stimmklangs, der Beweglichkeit sind es, die unseren Eindruck formen. Jedenfalls hat S t r a t z recht, wenn er sagt, daß „unter allen Rassen der Erde bei einzelnen Individuen und Familien jüdisch aussehende Menschen verkommen." Fishberg hat sogar eine ganze Menge solcher Bilder gesammelt und abgebildet; dabei handelt es sich um Stämme, bei denen eine Vermischung mit Juden ausgeschlossen ist; neben Japanern nordamerikanische Indianer und Papuas, Bakairi und Afghanen. Uebrigens spricht der Umstand, daß im Mittelalter die Juden gezwungen wurden, einen gelben Fleck als Abzeichen zu tragen, durchaus dafür, daß auch damals nicht alle Juden jüdisch aussahen; wäre dies der Fall gewesen, so hätte man nicht nötig gehabt, sie gewaltsam zu kennzeichnen! Und nun kehre ich zurück zum Ausgangspunkt, d. h. zu der Forderung, bei eigenem Studium dieser Fragen sich freizumachen von der Willkür, die in der Auswahl unserer Ob- „Reiseromantik". Von Josef Kaplan (Fulda). Menschen, die viel reisen, erleben viel. Zum Beispiel: ich. Mich hat der liebe Himmel dazu auserkoren, viel auf Reisen zu sein. Sie werden es mir nicht glauben — aber ich bin buchstäblich „dt u.", das heißt: dauernd unterwegs. Ich habe niemals Zeit: ich bin sozusagen zeitlos. Nun wundern Sie sich doch sicher, warum ich stets reisen muß? Aber bitte, fragen Sie nicht. Kann man eine Sache ändern, wenn sie im Himmel beschlossen ist? Ich nicht Ich könnte es Ihnen auch gar nicht recht erklären. Warum essen Sie eigentlich am Schabbos Schalet? Können Sie es so einrichten, daß Sie ohne ihn, das heißt ohne Schalet auskommen? Hier liegt das Fragezeichen im Pfeffer oder vielmehr im Magen. Mit dem Reisen geht es mir ganz ähnlich: es liegt mir auch im Magen . . . Wissen Sie, daß das Reisen zum Philosophen erzieht? Ich z. B. bekomme in der Bahn philosophische Anfälle. Stellen Sie sich vor, Sie fahren durch eine herrliche Landschaft — Wälder, Seen. Dörfer, Städte fliegen an Ihrem Auge vorbei, Sie bekommen das Gefühl, gerne zu leben, sehen vergnügt Ihre Mitreisenden an und können gar nicht verstehen, warum ein häßliches Individuum mit roten Haaren, aufgedunsener Trinkernase und ekelhaften Bartstoppeln im Gesicht ausgerechnet Ihnen gegenüber sitzen muß. Da schließen Sie egoistisch die Augen und seufzen in sich eine Feststellung hinein, daß die Welt durch Menschen nicht verschönert wird. Dies nur so nebenbei. * * * Das erste, was ich tue, wenn ich eine Bahn besteige: ich suche einen Glaubensgenossen. Finde ich einen, dann weiß ich von vornherein, ein offenes Buch vor mir zu haben. Jede von solchen Begegnungen lehrt mich ein Schicksal kennen. Juden sind doch Menschen mit Schicksalen — ohne Ausnahme. Seit fünf, sechs Jahren gibt es zwei neue jüdische Schicksale. Das eine liegt in Stoffen und das andere in Wäsche. Sitzt nun mir gegenüber Einer, dann kann ich schwören, daß er entweder „in Stoffen" oder „in Wäsche" macht. Jedenfalls etwas „macht" er schon. Nun geht die Unterhaltung los: Er: „Bar Isroel — hah?" Ich: „Hm." Er: „Mit was handelt Ihr?" Ich: „Ich handle nicht." Er: „Wie, Ihr handelt nicht? Und warum reist Ihr?" Ich: „Eine Frage, warum ich reise? Wahrscheinlich beruflich!" Er: „Also doch Handel." Ich: „Ihr reist sicher mit Stoffen oder Wäsche?" Er: „Getroffen!" Ich: „Nun. wie geht das Geschäft?" Er: „Wie soll's gehen?" Ich: „Ihr seid sicher verheiratet?" Er: „Und ob! Sechs Kinder unberufen, alle noch minderjährig --- Ich: „So. da fällt es Euch sicher schwer, die Parnosse herauszuschlagen---" Er: „Was heißt schwer? Zwangsarbeit ist leichter — Ihr versteht? Das geht nun so Montag, Dienstag und Mittwoch. Donnerstag kann doch ein Jid nicht mehr wegfahren. ,.. Verdient man, ist's gut — verdient man nicht, ist's bitter. Spargelder hat man nicht. Dann schimpft die Frau, schimpfen die Kinder — und ich hab' die Hölle. Nächsten Montag geht's wieder 'raus. Derselbe Kampf wieder. Die Ungewißheit ist quälend, das Leben wird zum Ekel, man weiß nicht, was der Morgen bringt. Da beneide ich schon den Fabriksarbeiter. Er hat wenig, aber er weiß, daß er's hat. Unsereins muß warten, bis ihm der Zufall etwas zuwirft. Das, junger Mann, ist doch das Bittere. Man fängt mal hier was auf, dort was auf, lebt ständig in Hoffnung: morgen, so Gott will, vielleicht. Und verdient man was, ist man glücklich und schmiedet große Pläne bis — zum anderen Morgen. Dann verfällt man wieder in Sorgen, das Herz wird schwer, man vergißt das

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