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Die Wahrheit · 1929-05-31 · Heft 22 (31.5.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 22 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen sso st jflmrnam,. 'imit dea Veröffentlichungen der „Union deufschäsferr. Juden" und den »Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeintie Wien"!,H|M|MMIimil!l11IIIIM;lllllimtllllllll!lllllllllll[!H Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 31. Mai 1929 Nummer 22 Das jüdische Antlitz. Von Dr. Arthur Czellitzer (Berlin). Wenn man sich auf seine persönliche Erfahrung verläßt, ohne mit den Hilfsmitteln der Statistik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung die Willkürfehler unserer Erinnerung auszuschalten, kommt man fast stets zu Irrtümern. Hierher gehört auch die nicht etwa nur bei Antisemiten, sondern gerade bei Juden selbst verbreitete Vorstellung, wir könnten jeden Juden als solchen erkennen, es gäbe einen jüdischen „Typus" in dem Sinne, daß dieser allein bei allen Juden sich fände, niemals bei Nichtjuden. Davon ist keine Rede! Wenn wir tatsächlich oft einen Unbekannten, ohne mit ihm zu sprechen, z. B. auf Reisen, als Stammesgenossen erkennen, so ist das durchaus nicht immer durch seine Physiognomie zu erklären, sondern viel häufiger durch seine Haltung, sein Benehmen, seine Art zu sprechen und dergleichen mehr. Vor allem aber bleiben eben in unserem Gedächtnis nur diejenigen Fälle haften, in denen wir richtig diagnostizierten, nicht aber die, in denen wir uns täuschten. Ein brauchbares Urteil über diese Frage kann man nur gewinnen, wenn man an die Stelle von trügerischer Erinnerung an Erfahrungen des täglichen Lebens die exakte Prüfung eines einwandfreien, nicht willkürlich ausgelesenen größeren Materials setzt. Eben das versuchte ich mit zwei verschiedenen, sich gegenseitig ergänzenden Methoden. Bevor ich hiervon berichte, darf ich daran erinnern, daß die heute lebenden Juden (wenn man absieht von den der Zahl nach geringen Volkssplittern der schwarzen Juden in Abessinien, der indischen, persischen, chinesischen Juden) in zwei nach Herkunft, Gebetsritus, Aussprache des Hebräischen und Wohnland verschiedene Gruppen zerfallen : die S e p h a r d i m, Nachkommen der spanischen, bzw. aus Spanien vertriebenen Juden, die in Nordafrika, auf dem Balkan und in der Levante leben und nur etwa ein Zehntel aller Juden ausmachen, und die Aschkenasim, zu denen die große Masse aller Juden gehört, die in Deutschland, in Rußland, Polen und Amerika leben. Nur ganz vereinzelt in den Küstenstädten der Nordsee finden sich in England, Holland und Deutschland Sephardim. Auch die Sephardim sind keineswegs eine einheitliche „Rasse", wenn freilich bei ihnen schwarzäugige, dunkelhaarige kleine Menschen mit schmalem Gesicht die Mehrzahl bilden. Aber schon durch ihre geringe Zahl spielen die Sephardim für eine Betrachtung des „heutigen Juden" oder gar des „deutschen Juden" gar keine Rolle. Wie sieht nun der aschkenasische Jude aus? Die anthropologischen Untersuchungen, auch die von jüdischen Forschern veröffentlichten, gehen außerordentlich scharf auseinander. Die einen, nennen wir sie einmal die Unitarier, behaupten, wie z. B. J. Z o 11 s c h a n in seinem „Rassenproblem", daß auch heute wie vor Urzeiten noch überall ein einheitlicher Typus ohne Rücksicht auf Wohnort und Umgebung festzustellen sei. Derselben Meinung war schon A n d r e e in seiner „Volkskunde der Juden", der sich besonders auf die Darstellungen von Juden an ägyptischen und assyrischen Monumenten stützt. SigmundFeist hat in seiner ausgezeichneten „Stammeskunde der Juden" in höchst dankenswerter Weise solche Abbildungen publiziert, besonders die Originalaufnahmen des 1909 in Arabien ermordeten Ethnologen Hermann Burchart. Wer diese Abbildungen unvoreingenommen betrachtet, wird keineswegs mehr zugeben können, als daß ähnlich aussehende Gesichter sich bisweilen bei heutigen Juden finden. Aber sie finden sich eben auch bei Nichtjuden, so bei Armeniern, Griechen und sonstigen Mittelmeervölkern. Diese Darstellungen, z. B. die etwa 1200 v. Chr. in Medinet Habu eingemeißelte Abbildung semitischer Häuptlinge oder die auf dem Salmanassarobelisken dargestellten „Tribut bringenden Israeliten" von 840 v. Chr. beweisen also keineswegs die „Konstanz des jüdischen Typus durch die Jahrtausende", sondern nur die Konstanz eines Typus, der sich heute neben anderen Typen bei Juden sowie bei anderen Menschen findet. Im strikten Gegensatz zu jenen Forschern leugnet Fishberg, der Verfasser der ausführlichsten Anthropologie des jüdischen Menschen, absolut jedwede Einheitlichkeit im Typus. Der aschkenasische Jude weise alle möglichen Rassemerkmale auf, slawische, germanische, mongolische,

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