Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 21 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT fresser von Moldawa" bekannt geworden ist. ist zu entnehmen, daß sich unter den Opfern der 19gliedrigen Zigeunerbande auch eine Reihe jüdischer Personen befinden. Am 19. Jänner 1927 wurde der jüdische Kaufmann Rusniak in Moldawa in seinem Laden von den Zigeunern ermordet und beraubt. Auf dem Wege zwischen Stoz und Nizdmi Medzwo (Ostslowakei) ermordeten sie den jüdischen Geschäftsführer des Konsumvereines in Stoz, Imling, und raubten dabei 3000 K. Im Juli 1925 beraubten sie unter Führung ihres Oberhauptes Filke den jüdischen Kaufmann David Roth in Zarnowa und verletzten ihn; der Kaufmann blieb aber am Leben. Der Prozeß verspricht, einen sensationellen Verlauf zu nehmen. Internationale Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus. Die vor einingen Monaten in Paris begründete internationale Liga zur Bekämpfung der Pogrome, die sechshundert prominente Persönlichkeiten als Mitglieder zählt und deren Ehrenpräsident Albert Einstein ist, führt von jetzt ab den Namen Internationale Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus. Sühne für Arnsberg. Vor dem erweiterten Schöffengericht in Arnsberg fand im beschleunigten Verfahren die Verhandlung gegen fünf jüngere Leute im Alter von 19 und 26 Jahren wegen der Anschläge gegen die Synagoge und die jüdische Schule in Arnsberg statt, über die wir letzthin berichteten. Der Hauptangekiagte ist der Sohn eines Prokuristen der Kosackschen Papierfabrik, ein anderer Angeklagter der Sohn eines angesehenen Papierfabrikanten Hägen-Westfalen. Sämtliche Angeklagte haben höhere Schulen besucht, zum Teil sogar das Abituriumexamen gemacht. Sie legten in der fiauptverhandlung ein reumütiges Geständnis ab. Sie leugneten einen Zusammenhang der Tat mit der vorangegangenen Hetzversammlung des Pfarrers Münchmeyer und gaben an. sie seien sämtlich schwer betrunken gewesen und zufällig an dem Hause vorbeigekommen, in dem sich die Synagoge befindet. Auf den Zuruf: Jttier ist die Judenschule" seien sie lediglich aus Leichtsinn in das Zimmer eingedrungen und hätten dort Unfug getrieben. Der Anklagevertreter, Staatsanwaltschaftsrat Horst-' mann, geißelte scharf das Vorgehen der Angeklagten, erklärte aber bezüglich des Strafmaßes, daß es wohl zu berücksichtigen sei, daß es sich um junge, bisher unbestrafte Leute aus guten Familien handle. Anderseits falle die Tatsache, daß alle fünf Angeklagten eine gute Erziehung und Schulbildung genossen hätten, strafverschärfend ins Gewicht. Sie möchten nicht bewußt von den Hetzreden Münchmeyers beeinflußt worden sein, aber aus dieser Atmosphäre heraus sei die Tat entsprungen. Der Staatsanwalt beantragte Gefängnisstrafe von zwei Monaten bis zu drei Wochen. Die Synagogengemeinde in Arnsberg hatte sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschlossen und wurde von dem Centralvereins-Mitglied Rechtsanwalt Dr. David in Hägen-Westfalen vertreten, der insbesondere betonte, daß solche Ausschreitungen nicht allein durch die nationalsozialistischen Redner, sondern erst recht durch die Beteiligung von höheren städtischen Beamten an den nationalsozialistischen Hetzereien beeinflußt werden. Das Gericht verurteilte die Angeklagten zu Geldstrafen in Höhe von 150 bis 350 Mark und bezeichnete in der Begründung die Tat als „äußerst flegelhaft und gemein". Wie der „C.-V.- Zeitung" mitgeteilt wird, haben die Nationalsozialisten ein reges Interesse an den Gerichtsverhandlungen genommen. Hakenkreuzler mit ziemlich großem Abzeichen saßen am Pressetisch und nahmen die Verhandlungen fast wörtlich auf. Wien kann von Budapest lernen. Der Etat der Budapester Stadtverwaltung für das Jahr 1929 weist eine halbe Million Pengö für Subventionierung jüdischer Institutionen aus. so u. a. 165.000 Pengö für Bedürfnisse der neologen und der orthodoxen Gemeinde, 66.000 Pengö für soziale jüdische Institutionen, 20.000 Pengö für die Errichtung einer orthodoxen - Synagoge, ferner einen Betrag zur Beschaffung von Mazzoth für die ame jüdische Bevölkerung. Louis Marshall gegen Passionsspiele. Der aus Wüna stammende 48jährige Theaterdirektor Morris Gest und sein Schwiegervater, der bekannte Schauspieler und Theaterleiter David Belasco trafen Vorbereitungen zur Aufführung des Freiburger Passionsspieles im New Yorker Hippodrom. Louis Marshaii, der Präsident des American Jewish Committee, appellierte an die beiden jüdischen Theaterleiter, von dieser Veranstaltung abzusehen, da Millionen Christen in der Aufführung von Passionsspielen eine Herabwürdigung der Religion sehen. Morris Gest erwiderte Marshall, er ziehe es vor, seine Haltung dem Urteil des Premierenpubfikums und der Kritiker, die eine wohlgesinnte Oeffentlichkeit vertreten, auszusetzen. Herr Marshäll veröffentlichte daraufhin einen Protest gegen Gest und Belasco in der Presse. Unter Hinweis auf eine Mitteilung der „Jewish Tribüne", daß Herr Otto H. Kahn, der jetzt in Deutschland weilende große Bankier und Förderer der Künste, Vorbereitungen trifft, das Originalensemble der Oberammergauer Passionsspiele nach Amerika zu bringen, richtete Louis Marshall an ihn eine telegraphische Anfrage, ob diese Meldung irgendwie begründet sei. Otto H. Kahn erwiderte, er habe nichts mit dem Plan, die Oberammergauer oder andere Passionsspiele nach Amerika zu verpflanzen, zu tun. Volksgenossen! Kultusminister Dr. Goldenberger wandte sich in einer der letzten Sitzungen des Haushaltausschusses des Bayrischen Landtages sehr entschieden gegen die nationalsozialistische Ritualmordhetze in Unterfranken, die im Zusammenhang mit der bisher unaufgeklärten Ermordung eines kleinen Knaben in Manau getrieben wird. Der Kultusminister teilte mit, er habe durch Erlaß an die Schulbehörden angeordnet, daß in den oberen Klassen die Schulkinder über die Grundlosigkeit der Ritualmordlegende aufgeklärtwerden. Im Namen der Bayrischen Volkspartei billigte der Abgeordnete S t a n g diesen Erlaß und führte aus, die Ritualmordlegende sei 700 Jahre alt, aber bis heute habe sich nicht die Spur eines Beweises für sie ergeben. Ein nationalsozialistischer Abgeordneter führte aus, es gäbe im Judentum noch heute gewisse Richtungen, die dem Aberglauben des Ritualmordes huldigen (!) Daraufhin erhob sich Kultusminister Dr. Goldenberger und gab die folgende Erklärung: Im Kultusministerium erschienen Vertretungen der jüdischen Gemeinde und der bayrischen Rabbinerkonferenz und beklagten sich bitter über die Verhetzung in der Gegend von Manau. Es wurden auch ernste Befürchtungen für die Sicherheit der dortigen israelitischen Volksgenossen geäußert. Auf einen fragenden Zwischenruf der Nationalsozialisten: „Volksgenossen?" erwiderte der Minister mit erhobener Stimme: „Jawohl, sie sind Reichsbürger, wie wir alle, sind Volksgenossen, sind Deutsche! Als Unterrichts- und Kultusminister habe ich es als geboten erachtet, an den Regierungspräsidenten von Unterfranken eine Weisung ergehen zu lassen, daß in den Volksschulen die Jugend über diese Hetzereien aufgeklärt werde. Erfreulicherweise sind sowohl die katholischen wie die evangelischen Kirchenbehörden in dieser Hinsicht schon verdienstvoll vorgegangen. Die Liebe zur Gerechtigkeit sollte verhindern, daß im zwanzigsten Jahrhundert solche Anschuldigungen gegenüber den israelitischen Volksgenossen noch erhoben werden. Daher die Abneigung. Jeder vernünftige Mensche freut sich über die famosen Sportleistungen der jungen gewandten Polizisten. Anders die Nationalsozialisten in Hamburg! Sie beschwerten sich in der dortigen Bürgerschaft darüber, daß sportlich tüchtige Polizisten so rasch zu — Wachtmeistern befördert würden. Ja, die Sache hatte freilich ihren Haken: Der bekannte Langstreckenläufer Husen hatte in seiner Eigenschaft als Polizeibeamter einen bei einem Krawall schneidig fliehenden Nationalsozialisten eingeholt und der verdienten Strafe zugeführt. Er war später befördert worden. Daher diese antisemitischen Tränen und diese kläglich-spießbürgerlichen Beschwerden! NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN IL, TABORSTRASSE Nr. SO a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUDAIKA in englischer und franzosischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.- KEINE BANDGEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH!