Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 21 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT fliiiiiimumiinninmiiuiiiiiiwiiHiiiiiHB Seite 11 Wcdwhdtmvcnflag* Eine englische Absage an die Jewish Agency. Die Liga der britischen Juden hielt kürzlich ihre ordentliche Jahresversammlung ab. Der Präsident Lionel de Rothschild führte aus, die Mitglieder der Liga seien auch heute noch jenen Grundsätzen treu, die für die Gründung der Lig? maßgebend waren. Er möchte auf das interessante Experiment hinweisen, dem Rat der Zionistischen Organisation auch Nichtzionisten beizufügen. Es sei aber nicht Sache der Liga, an der neuen Bewegung teilzunehmen und Gelder aufzubringen, die die Zionisten allein nicht schaffen können. Doktor Claude G. Montefiore führte aus, er wolle über ein Thema sprechen, das schwierig, delikat und strittig ist. Es sei nicht überflüssig, zu betonen, daß Menschen, die an den Idealen der Liga gemeinsam festhalten, nichtsdestoweniger über das Thema Palästina und Jüdisches Nationalheim nicht alle gleicher Meinung sind. Wenn er gefragt würde, warum er, obwohl kein Anti- Palästinenser, doch ein ausgesprochener Antizionist ist, so werde er folgendes antworten: Würde es sich bloß darum handeln, unglückliche Juden nach Palästina zu bringen, damit sie dort glücklich leben und schöpferische Arbeit in Wissenschaft, Kunst, Literatur, Ethik und Religion vollbringen, er würde „Ja" sagen. Wogegen er sich wende, das sei das nationale Moment, die Forderung nach dem Nationalheim. Diese ungeschickten und schlecht gewählten Worte, die zweifellos verhältnismäßig unschuldig ausgelegt werden können, wie zum Beispiel in dem berühmten Weißbuch, wo der Ausdruck in einer an Harmlosigkeit grenzenden Weise umschrieben wurde, erwecken in den Geister vieler Juden nationale Hoffnungen und Ziele, die seiner Meinung nach für die große Masse der Juden überall nicht von Vorteil seien und auch nicht gut für eine fruchtbare Entwicklung der jüdischen Religion in all ihrer Reinheit und Größe. Die Führer des Zionismus seien kluge Taktiker. Im Herzen bleiben sie Nationalisten. Die sentimentalen Nicht- oder Halbzionisten sind als nützliche Bundesgenossen willkommen. Solange aber für die Zionisten der Zweck der fortdauernden Existenz nicht allein die Religion ist, solange sie nicht das Prinzip der Juden als einer religiösen Gemeinschaft höher stellen als die frühe Uebergangsstufe" der Juden als Volk und Nation, solange werde er sich weigern, irgend einen Anteil an einer Bewegung zu nehmen, die Ideale fördert, die er für gefährlich und rückschrittlich hält; so lange werde er mit Eifer bei der Liga stehen und ihre Fortdauer wünschen. Italiens Glaubensfreiheit. Bei Eröffnung des neuen italienischen Parlaments hielt der König eine Thronrede, in der er unter anderem mitteilte, daß die Regierung der kommenden Parlamentssession ein Gesetz vorlegen wird, nach welchem die freie Ausübung aller vom Staate anerkannten Religionen verbürgt sein wird. Diese Vorlage wird dem Parlament in Verbindung mit dem mit dem Vatikan abgeschlossenen Konkordat vorgelegt werden. Die italienische Judenheit ist über diese Thronrede sehr befriedigt, da sie die in manchen jüdischen Kreisen geäußerten Befürchtungen, das Konkordat würde eine Einschränkung der jüdischen religiösen Freiheit herbeiführen, zerstreut. Bei Einbringung der Vorlage über die nichtkatholischen Religionen in Italien erklärte auch der Justizminister Signor Rocco, daß nach dem neuen Gesetz die Geistlichen der nichtkatholischen Konfessionen die gleichen Rechte wie die Geistlichen der Staatskirche haben. Geistliche aller Konfessionen erwerben eine juridische Position und fungieren bei Eheschließungen als Staatsfunktionäre. In den Schulen erhalten nichtkatholische Kinder Dispens vom katholischen Religionsunterricht. Alle Bürger, ungeachtet der Religion, sind vor dem Gesetz gleich. In diesem Zusammenhange erscheint auch eine Aeußerung des Herrn Professor Angelo Sacerdoti, Oberrabbiner von Rom, interessant, der die Existenz eines offiziellen Antisemitismus in Italien verneint. Mussolini hat sich ihm gegenüber über den Mißbrauch beklagt, den ausländische Antisemiten mit dem Namen Faschismus treiben, Pseudofaschisten, mit denen weder er noch der Faschismus überhauot irgend etwas Gemeinsames hätten, und fügte hinzu: „Ich habe es abgelehnt, Hitler zu empfangen, und die bayerischen Zeitungen haben geschrieben, daß ich von den Juden gekauft sei. Wenn sie wissen würden, daß ich es Ihnen erzähle, würden sie behaupten, ich sei zum Judentum überg e t r e t e n." Antisemitische Berichterstattung. Der Fall des Breslauer Landesgerichtsrates Gellin ist bekannt. Er hat sich trotz seiner jüdischen Abstammung in einem Breslauer Weinlokale schwerer antisemitischer Bemerkungen sowie beleidigender Aeußerungen gegen den preußischen Justizminister schuldig gemacht und wurde deshalb aus dem Staatsdienst entlassen. Wie berichtet nun der Leipziger „Hamme r" üjger diese Angelegenheit, die ihm schon deshalb unangenehm sein muß, weil der Herr Landesgerichtsrat, der dem „Hammer" da Konkurrenz zu machen wagt, jüdischer Abstammung ist. „Wir wissen nicht", schreibt er, „was es mit dem Fall auf sich hat." Trotzdem urteilt der „Hammer" nach seiner Art über die Affäre, von der er eingestandenermaßen nichts weiß. So belehrt er zugleich seine Anhänger, daß für seinen Begriff eine Weinstube „nicht der gegebene Ort für derartige (antisemitische) Bekenntnisse ist." Das müssen sich die Hitlerianer sagen lassen, deren Kriegsschauplatz gewöhnlich nur eine Alkoholfestung ist! Der „Hammer" zieht dann folgenden feinen Trennungsstrich zwischen sich und Gellin: „Wenn es zutrifft, daß G., um sich zu entschuldigen, sich als geistesschwach hingestellt habe, so ist seine Person, auch abgesehen von seiner Abstammung, für uns erledigt." Mit Geistesschwachen hat der antisemitische Altmeister Fritsch bekanntlich gar nichts zu tun, seine Leute sind alle Geisteshelden und reinrassiger Herkunft. Die Juden in der Tschechoslowakei In der tschechoslowakischen Republik leben nach amtlichen Angaben 354.342 Personen jüdischer Konfession. Von diesen sind 336.634 tschechoslowakischer Staatsangehörigkeit und 17.678 Ausländer. Dem nationalen Bekenntnis nach sind 180.191 Juden, 73.203 Tschechoslowaken, 48.629 Deutsche, 29.061 Ungarn, 3752 Russen (Großrussen, Ukrainer, Karpathorussen), 1828 Polen oder Angehörige anderer Nationen. Nach den Mitteilungen des Ministeriums für nationale Verteidigung waren nach dem Stande vom 1. Jänner 1924 in der tschechoslowakischen Armee 43 jüdische Offiziere, von denen sich jedoch nur drei zur jüdischen Nationalität bekannten. Die Juden, in der russischen Armee. Die russische Militärzeitung veröffentlicht eine Statistik, aus der hervorgeht, daß die Zahl der Juden in der Armee um 10 Prozent höher ist, als sie nach dem Verhältnis der jüdischen zu der allgemeinen Bevölkerung sein sollte. Die Zeitung weist darauf hin, daß unter dem Zarenregime die Zahl der Juden in der Armee um 25 Prozent unter der Bevölkerungsproportion stand. Die .Armeezeitung zieht daraus den Schluß, daß d i e Behauptungen der Antisemiten, die Juden scheuten den Heeresdienst, vollkommen grundlos seien; im Gegenteil, wo die Juden Gleichberechtigung genießen, stellen sie einen höheren Prozentsatz, als es ihrer Zahl entspräche. Friedhofschändungen auch in Amerika. Unerkannt gebliebene Täter schändeten den Friedhof des Beth Hamidrasch Hagodaul Israel in Cleveland. Nach der am vergangenen Jörn Kippur in Messena stattgefundenen Ritualmordhetze, die sogar zur zeitweiligen Festnahme des Rabbiners geführt hatte, ist dies die zweite Aeußerung des barbarischen Antisemitismus in den Vereinigten Staaten. Die Not der Juden in den russischen Kleinstädten. Die in Moskau erscheinende jiddische kommunistische Zeitung „Emeß" teilt mit, daß ihr aus der Provinz ständig Briefe über die schwere Notlage der jüdischen Bevölkerung zugehen. Die Juden der russischen Kleinstädte ersuchen flehentlich, sie mit Brot zu versorgen, da sie am Verhungern seien. Nur sehr wenige kleinstädtische Juden gehören den Gewerkschaftsverbänden an, die anderen haben als „nichtwerktätige Elemente" keinen Anspruch auf eine Brotkarte. Die freien Brotpreise seien aber so hoch, daß, wie die Briefschreiber erklären, die jüdische Bevölkerung sie nicht bezahlen könne. Jüdische Opfer der Zigeuner von Moldawa. Der Anklageschrift in dem soeben durchgeführten Prozeß gegen die Zigeunerbande, die als „Die Menschen-