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Die Wahrheit · 1929-05-24 · Heft 21 (24.5.1929) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 21 (24.5.1929)
Date
1929-05-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 ItUfBBBUR DIE WAHRHEIT tylerreix. Der fünfundzwanzigste Todestag Maurus Jokais, eines der Dichter Ungarns, der viel dazu beigetragen, der Literatur seines Landes einen ehrenvollen Platz in der Weltliteratur zu erobern, muß bei den Juden in der ganzen Welt die Erinnerung an die Dankesschuld wecken, die sich für sie an den Namen dieses großen Philosemiten knüpft. Jokai hat in einer seiner berühmtesten Novellen erzählt, wie er als Kind von seiner Mutter, einer glaubenstreuen Protestantin, darüber belehrt wurde, daß es häßlich und verabscheuungswürdig sei, wen immer wegen seines Religionsbekenntnisses zu mißachten. Diese Lehre hat auch heute, wo der Antisemitismus auch in protestantischen Ländern eifrige Verkünder hat, für viele ihre volle Aktualität. Der zwölfjährige Knabe war von der Schule heimgekehrt und berichtete nebenbei, er habe heute einen Jungen geschlagen, aber „es war nur ein Jude". Da rief ihm seine Mutter empört zu: „Was sagst du, es war nur ein Jude? Ist ein Jude bei dir kein Mensch wie ein anderer? Du schaust auf ihn herab wegen seiner Religion? Du vergißt, daß man unsere Religion in dieser Stadt noch vor 50 Jahren ebenso verfolgt und mißachtet hat, wie du jetzt von den Juden sprichst wegen ihrer Religion. Das hast du nicht von mir gelernt und auch nicht von deinem seligen Vater. Und nun geh auf der Stelle dem jüdischen Schüler aufsuchen, den du geschlagen hast und bitte ihn um Entschuldigung!" Die Mutter Jokais hatte diese Erkenntnis offenbar nicht erst aus Lessings „Nathan", sondern aus ihrem eigenen Herzen geholt. * * * Maurus Jokai hat als Kind von seiner Mutter gelernt, daß man niemanden wegen seiner Religion mißachten darf; ein Judenfreund aber wurde er, wie er gleichfalls selbst nicht nur in seinen Schriften, sondern auch in seinen zahlreichen für die Gleichberechtigung der Juden gehaltenen politischen Reden bekannte, erst, als er sich ernsthaft und eingehend mit dem Studium der Judenfrage beschäftigte, die Juden in ihrem Schrifttum, in ihrem Charakter, in ihrem Streben und Wirken im öffentlichen Leben kennen gelernt hatte. Jokai gehört, wie alle hochragenden stolzen Zierden des modernen Ungarns, die Kossuth, -Deak, Eötvös, Andrassy usw. usw., zu den Männern, die vom Geiste des Fortschrittes, des Freisinnes und der Vorurteilslosigkeit beseelt, den Juden Gerechtigkeit widerfahren ließen und ihre patriotischen Verdienste um den Aufschwung des Landes vollauf würdigten. Wie Jokais keinerlei Schranken duldender Philosemitismus noch im heutigen Ungarn nachwirkte, konnte man aber deutlich auch an der beschämenden Tatsache ermessen, daß die Beiträge zu der für sein Denkmal benötigten, ziemlich bescheidenen Summe sehr langsam und überaus spärlich flössen. Sie ließen vielleicht auch heute noch ohne die bekannte Vordringlichkeit der Juden auf sich warten. Jokai selbst hätte lächelnd gesagt, er könne nach seinem Tode lange geduldig auf ein Denkmal warten, denn er wäre schon bei Lebzeiten so vorsichtig gewesen, sich aus eigenen Mitteln KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN! JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERft/INN EBENSP/INQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 ein, wenn auch papierenes, doch immerhin aus dauerhaften mehr als 100 Bänden aufgebautes Denkmal zu errichten. * . * * Auch bei dem jüngsten in Wien abgehaltenen Tierschutzkongresse haben — wie dies schon so üblich — gewisse Leute die Schächtfrage zum Vorwande genommen, um unter dem Deckmantel des jedem Kulturmenschen sympathischen Tierschutzes eine dem Antisemiten noch sympathischere Hetze gegen die Menschen — jüdischer Konfession zu arrangieren. Es wäre wahrlich töricht, auch nur ein Wort darüber zu verlieren, daß die Juden, denen der weitestgehende Schutz des Tieres ein heiliges Religionsgebot ist, jemals eine inhumane grausame Schächtmethode als religiöse Pflicht akzeptiert hätten. Auf die fachmännischen Gutachten der hervorragendsten nicht jüdischen Autoritäten sich berufend, haben die Juden bisher immer den überzeugenden Beweis erbracht, daß gerade ihre Schächtmethode den höchsten Geboten des Erbarmens gerecht wird. Von welcher Sachkenntnis und von welchen Grundsätzen geleitet mancher ehrliche Antisemit als Tierschützler die Schächtfrage behandelt, das konnte man auch aus der Rede eines Münchner Universitätsprofessors ersehen, der das Schächten als einen alttestamentarischen Blutkult bezeichnete, den wir heute nicht mehr verstehen. Weiters sagte er: ,jAber das Tier muß zum fiundertteil verbluten, nur damit das Schächtfleisch billig bleibt. Was die Juden für ihren Genuß als nicht geeignet halten, das dürfen die Christen essen." Daß der gelehrte Herr nicht weiß, daß der alttestamentarische Kult nicht in einer Verehrung für Blut bestand, sondern geradezu einen Abscheu vor jedem Blutgenuß lehrt, ihn als eine schwere Sünde verbietet, bleibe unbesprochen. Der Herr Professor hat vielleicht keine Zeit zu alttestamentarischen Studien. Aber um Himmelswillen, er wird doch Zeit dazu finden, in München einen Fleischerknecht zu befragen, ob nicht die Juden das geschächtete Fleisch — teurer bezahlen müssen als alle, die sich auch den Genuß des ungeschächteten Fleisches gestatten. Daß aber der Herr Professor auch das nicht weiß, daß sich die den religiösen Vorschriften gemäß lebenden Juden gerade den Genuß der vom lukullischen Standpunkt als die besten geltenden Tierstücke versagen müssen, darüber würde nicht nur der Münchner Fleischerknecht lachen. In Wien würde man sagen: „Da lachen auch die Hühner!" * , * * Bei der diesjährigen Preisverteilung der Akademie der Wissenschaften wurden wieder mehrere Preise verteilt, deren Stifter, wie die Namen verraten, weder Juden noch Judenstämmmlingen allzufern standen. Sie stammten allerdings aus einer Zeit, in der die Vorsicht geboten gewesen wäre,

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