Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 21 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT amiuiiiflMffl^ Differenzen wurden neue aufs Tapet gebracht. So wurde dem Genossen Dr. Rudolf Glanz wiederholt vorgeworfen^ daß er bei seiner Mitgliedschaft im Vertreterkollegium den dabei übergangenen Herrn Moritz noch dadurch düpiert habe, daß er ihm die Mitgliedschaft im Dreierkollegium zusicherte, die er dann auch an sich riß. Man muß sagen, ein loyaler Kollege! Auch sein neuer Trabant, der Kultusvorsteher von seinen Gnaden G r ü n h u t, bekam seinen Teil ab, er wurde durch eine einstimmig angenommene Resolution des Delegiertentages aufgefordert, sein Mandat ehestens niederzulegen. Wir sind neugierig, ob er dieser entschiedenen Aufforderung jener Vereinigung, auf deren Programm er ja gewählt wurde, auch Folge leisten wird. Einige Poale-Zionisten versuchten, am Beginn der Tagung Krawall zu machen, sie wurden durch den energischen Vorsitzenden Bezirksrat Wilhelm Hirschfeld darüber belehrt, daß die „Werktätigen" schlechtweg weiterhin keine Gemeinschaft mit den früheren Bundesgenossen und jetzigen Ruhestörern haben wollen. In diesem Sinne wurde auch ein Antrag des Herrn Dr. Josef Löwy einstimmig zum Beschluß erhoben, wonach ein Mitglied der „Werktätigen" nunmehr kein Mitglied einer anderen jüdisch-politischen Partei sein kann. Die Trennung ist somit vollzogen ... Können wir diese Tatsache auch von unserem Standpunkte mit Befriedigung aufnehmen, so müssen wir auch für das zweite Ergebnis des „werktätigen" Delegiertentages seinen Teilnehmern dankbar sein. Denn er hat eine bis heute oft verschleierte Frage zur Entscheidung gebracht, die auch im vergangenen Kultuswahlkampf eine große Rolle spielte. Dem Verlangen nämlich nach einer klaren politischen Einstellung der „Werktätigen", die dieser Gretchenfrage bisher gerne aus dem Wege gingen, wurde dadurch Rechnung getragen, daß ein Antrag des Herrn Dr. Josef Löwy einstimmig durchging, daß Leitungsmitglieder und Mandatare der „Vereinigung werktätiger Juden" nur sozialdemokratisch Organisierte sein können. Vielen Dank, ihr Herren, für die Feststellung! Nun ist einwandfrei bewiesen, wessen Geschäfte die „Werktätigen" besorgen: die der sozialdemokratischen Partei. Deren Abgesandter, der als illustrer Gast am Delegiertentag anwesende Nationalrat Heinrich Allina, hat es ja auch gesagt: Wir brauchen insbesondere für die schwierige Wahl, die uns bevorsteht, diesen Stoßtrupp, der seine Aufgabe schon einmal glänzend gelöst hat. Das sind die „weitergehenden Ziele" der „Werktätigen", die wir uns gerne merken wollen. Seite 5 Das Ethos des Wohltuns. Im Mittelpunkt der vor kurzem in Berlin abgehaltenen Jahresversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden stand eine Ansprache dfes Herrn Max M. Warburg -Hamburg, der unter gespanntem Interesse der Zuhörer eine Art Philosophie des Gebens entwickelte. Die Liebe zu den Armen und Bedrängten, der Wunsch, ihre Not zu lindern, ist eine alte jüdische Pflicht, ist eine Auswirkung des jüdischen Gedankens: „Liebe Deinen Nächsten", und wir tun nur das, was unsere Vorfahren getan haben, wenn wir versuchen, der Not zu steuern. Heute ist es viel schwerer, man kann sagen: komplizierter, Gutes zu tun als früher. Mit Almosen von Person zu Person ist es nicht mehr getan. Der Kreis, dem wir angehören, ist ein größerer geworden durch die Entwicklung des Verkehrs, durch die Nachbarschaft, die heute die Bewohner der Erde verbindet. Wir glaubten früher, unsere Schuldigkeit zu tun, wenn wir das Elend unserer nächsten Nachbarn stillten. Heute liegt es so, daß die Not irgendeines Menschen, mag er auch fern sein, uns mehr oder weniger ebenso berührt. Wir müssen versuchen, diesem Elend in der ganzen Welt, wie früher dem in unserer nächsten Umgebung, entgegenzutreten, und müssen den zehnten Teil unseres Einkommens dazu hergeben, wie früher den Maasser. Viele versuchen, mit dem lieben Gott ein Geschäft zu machen, indem sie vorrechnen, daß sie so und soviel Steuern entrichten, daß der Staat, daß die Gemeinde so viel Wohltätigkeit übt, und daß, wenn man alles dies zusammenaddiere, sehr viel mehr als zehn Prozent herauskomme. Diesen möchte ich die Gutgläubigkeit nehmen. Es ist nie der Gedanke gewesen, zehn Prozent vom Bruttoertrag zu nehmen, aber von dem, was einem nach allen Ausgaben übrigbleibt, sind noch zehn Prozent zu geben. Wenn wir diese Weltverbundenheit vor Augen haben, so gilt ebenso wie in politischer und in wirtschaftlicher Beziehung auch in karitativer Hinsicht der Satz, daß kaum auf einem Punkte der Erde etwas geschehen kann, das nicht indirekt auch uns betrifft. Je weiter aber der Sitz der Hilfsbedürftigen von uns entfernt ist, desto mehr drängt sich die Frage auf: wie gelangen wir zur Kenntnis der Verhältnisse, damit wir in der richtigen Weise geben können. Was wir brauchen, ist ein bewußtes, überlegtes Handeln der Geldgeber: wer Geld gibt, muß sich die Mühe nehmen, gründlich zu studieren, wie er am besten mit den Mitteln, die schließlich beschränkt sind, wirtschaftet. Nur wenn die rein finanzielle Leistung verbunden wird mit der persönlichen Hingabe an den Dienst des Wohltuns, wird sie in höherem Sinne zu dem, was man unter Mizwoh in jüdischem Sinne versteht. Man soll nicht glauben, wenn man Gutes tut, daß es nur des Guten halber geschehe. Sehen wir ganz davon ab, daß in letzter Linie Wohltun gegen andere für den sittlichen Menschen ein Wohltun gegen sich selbst ist, weil es den Drang der eigenen Seele, die zum Gütigen hinneigt, stillt. Auch rein materiell gesehen, ist die Wohltätigkeit, die die Juden gegen ihre Glaubensgenossen ausüben, ein Hilfsakt für sie selbst. Wenn ein Pogrom in Rußland sich ereignet oder ein Buch erscheint wie „Die Weisen von Zion" oder ein Numerus clausus eingeführt wird in Rumänien und Ungarn, so wirkt es mit einer unglaublichen Schnelligkeit auf uns zurück; wenn auch nicht gleich die gleichen Dinge hier stattfinden, haben wir in anderer Form hierunter zu leiden. Wir müssen uns also fragen: wie rüsten wir uns am besten, um karitativ unseren Glaubensgenossen und damit uns selbst zu dienen. Wir können es einmal durch Kenntnis der Weltverhältnisse und dann durch Verbindung mit Organisationen in anderen Ländern, die ähnliche Ziele verfolgen. Die eigene Kenntnis können wir nur durch eine Organisation schaffen, die unausgesetzt an Ort und Stelle im Auslande versucht, die Verhältnisse kennenzulernen. Wir dürfen nicht Zufallskomitees gründen, wenn gerade irgendwo Not ist, sondern wir müssen diesen Hilfsverein dazu benutzen, jederzeit bereit zu sein. Der Hilfsverein soll eine Hilfsbereitschaft darstellen, die, wenn irgendwo eine Katastrophe ist, sich nicht erst zu konstituieren braucht, sondern eben da ist. Die Minorität ist immer gefährdet, und wir Juden werden uns immer in der Minorität befinden, denn Palästina kann im besten Falle fünf Prozent der Welt- Judenheit fassen und auch dort werden die Juden immer die Minorität der einheimischen Bevölkerung bilden. Es ist dies eben unser Schicksal, BAD ISCHL m Pension Jupiter Salzkammergut Lindaustraße 18 Prächtige Lage Ruhig, vornehm Streng ritueller HtldienDeirieb anter Leitung von D. SPIEGEL. 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