Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 21 (24.5.1929)
- Date
- 1929-05-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT das einzige Land unter den Nachfolgestaaten der einstigen Türkei, das sein Teil der alten türkischen Staatsschuld zahlt. Diese Bestrebungen verdienen mehr Stütze und mehr Sympathie, als ihnen bisher zuteil geworden ist/' Also die Gelder, die von den „verarmten Juden" der ganzen Welt aufgebracht wurden, dienen nicht nur den Interessen des Heiligen Landes, sondern helfen England auch bei der Unterhaltung seiner inner- und außerpalästinensischen Land- und Luftstreitkräfte, wobei noch zu bemerken ist, daß die in Palästina stationierten englischen Streitkräfte palästinensische, also nichtenglische Juden nur in ganz verschwindendem Maße aufnehmen. Die englische Kolonialpolitik feiert im Falle Palästina-Transjordanien Triumphe! In weiser Voraussicht ist die Balfour-Deklaration zu einer Zeit, als England noch gar nicht die effektive Verfügung über das Land hatte, jüdischnationalistischen Ansprüchen entgegengekommen, denn England hatte dadurch ein Beweisstück in Händen, daß es sich schon früher um die Zukunft Palästinas väterlich gesorgt hatte. Dies hatte den Erfolg, daß nach dem Sieg der Alliierten England das begehrte Mandat Palästina erhielt. Wenn trotz gewaltiger Ausgaben für die Verwaltung des Landes nach englischem Eingeständnis doch noch ein Ueberschuß von nicht weniger als 30.500 Pfund erzielt werden konnte, den England für seine Armee und Luftstreitkräfte im benachbarten transjordanischen Mandatsgebiete, das uns nichtenglische Juden nicht das mindeste angeht, verwandte, so kann vom englischen Standpunkt aus zwar mit Recht gesagt werden, daß es mit der Verwaltung von Palästina „viel Glück" hatte. Vom englischen Standpunkt! ... Und damit kommen wir zur Kernfrage des Problems, wie es uns nichtenglische Juden interessiert: Würde das viele in Palästina investierte Geld allein oder doch zum allergrößten Teil aus englischen Quellen geflossen sein und wäre die Blüte und die finanziellen Ueberschüsse des Landes mithin allein Englands Verdienst, so würde sich kein nichtenglischer Jude — Zionist oder nicht! — über die Verwendung der überschüssigen Gelder für Englands Land- und Luftstreitkräfte inner- und außerhalb Palästinas Meditationen hinzugeben brauchen. Solange England in dieser Weise mit den Ueberschüssen aus der palästinensischen Wirtschaft zu verfahren beliebt, wird man aber als nichtenglischer Jjjude — auch als zionistischer nichtenglischer Jude! — nicht um die Frage herumkommen, ob Nicht-Engländer weiter auf dem Umwege über Gaben für das Heilige Land Gelder für Ausbau und Erhaltung der englischen Armee und Luftfahrt beitragen sollen. Nicht wegzuleugnen bleibt jedenfalls, daß einer der Nutznießer des im Heiligen Lande investierten, auch aus Oesterreich und auch aus n i c h t z i onistischen Quellen stammenden Kapitals, unerwünscht und von den Spendern ungewollt, — die englische Militärverwaltung ist! Und das haben uns unvorsichtigerweise der englische Kolonialminister Amery und Commander Kenworthy verraten ... Nun ist es Sache der beteiligten Organisationen, aller derer, die anvertrautes Geld nach Palästina senden, eine Sicherung dafür anzustreben, daß sich aus der Verwaltung des Landes ergebende Ueberschüsse, die, wie wir dargelegt haben, nicht zum wenigsten aus der Mithilfe der Juden der ganzen Welt erst möglich geworden sind, restlos im Lande bleiben und allein zu seinem Wiederaufbau verwendet werden. SeuMetem, Eine Sabbatfeier des Baal- Schern. Von Popper-Lynkeus. Dr. Wittels: „Was für ein Baum, auf dem im Alter solche Früchte reifen." Wie bekannt, hatte der Baal-Schem stets eine große Sehnsucht nach Erez Israel, dem gelobten Lande seiner Väter; nach langem Zögern entschloß er sich endlich, dahin zu wallfahrten und trat die Reise an. Er machte sich also, es war an einem Freitag frühmorgens, auf den Weg und hoffte, noch lange vor Anbruch des Sabbats in der nahen großen Gemeinde anzukommen, wo et Samstag vormittags über Erez Israel predigen wollte. Der Baal-Schem saß im Wagen und sprach sein Morgengebet, während das kleine Pferd den leichten Wagen munter fortführte und der Kutscher die Peitsche lustig knallen ließ. Solange das Morgengebet währte, war das Wetter klar und freundlich. Kaum war es aber zu Ende, da trübte sich der Himmel, finstere Wolken zogen herauf, es begann zu blitzen und zu donnern und ein wolkenbruchartiger Regen ging hernieder und erschwerte die Weiterfahrt. Der Baal-Schem hielt das für ein Zeichen des Himmels, er solle seine Reise aufgeben. „Warum sollte aber der Ewige eine Wallfahrt nach dem gelobten Lande nicht gutheißen?" dachte er und in seinem Zweifel bat er, der Herr möge zu ihm ganz ^deutlich sprechen. Gleich darauf, es war um die zehnte Stunde, erscholl von oben eine Stimme, die verkündete: „Wenn der Baal-Schem nach Palästina kommt, müßte auch der Messias kommen, für dessen Ankunft ist aber die Zeit noch nicht reif." Infolge dieser göttlichen Stimme gab er die Weiterreise auf. Da es ihn aber sehr schmerzte, Erez Israel nicht sehen zu können, so bat er den Himmel, er möge ihn zum Tröste bald etwas sehr Merkwürdiges und sehr Schönes erleben lassen, etwas, was sein Herz hinaufzieht; der Ewige wisse ja, daß der Baal-Schem nicht gerne lange trauere und Gott für jede Freude danke; jede Freude komme ja vom Herrn, gesegnet sei sein Name! Er ließ darauf den Kutscher umkehren und nach Hause fahren. An diesem Tage war der Baal-Schem zwar schon sechzig Jahre alt, aber seine Natur war noch immer so frohgemut wie bei einem Zwanzigjährigen, und so erwartete er mit Sicherheit und in heiterster Stimmung, daß sein Gebet erhört würde. Während der ganzen Rückfahrt dachte er nur an das Besondere und sehr Schöne, das ihm der Himmel zukommen lassen werde. Wahrscheinlich, dachte er, wird irgendein mächtiger Fürst mir entgegenkommen und mich vor allem Volke begrüßen, zur Belohnung für meinen Gehorsam gegen die Stimme Gottes. Wer weiß? Oder vielleicht wird mir eine außerordentlich schöne Frau begegnen, die mich eigens aufsucht, um mich zu beglückwünschen und zu sich einzuladen. Man kann nicht wissen! Er hieß nun den Kutscher etwas schneller zu fahren, damit sie gewiß noch vor Sabbatanbruch nach Hause kämen. Zur rechten Zeit kamen sie an. Der Wagen hielt vor einem Vorgarten, der zum Hause des Baal-Schem gehörte, und dieser, etwas mißmutig, weil ihm nichts Schönes auf der Reise begegnet war, stieg vom Wagen, bezahlte den Kutscher, empfahl sich freundlichst von ihm, öffnete die Gartentüre und schritt seiner Wohnung zu. Bevor er aber noch eingetreten war, hörte er Pferdegetrappel hinter sich immer näher kommen, und wie er