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Die Wahrheit · 1929-05-17 · Heft 20 (17.5.1929) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Die jetzige Anklageerhebung durch den Staatsanwalt Tostädte, dessen Verhalten scharf kritisiert wird, hat die Erregung in Memel gesteigert. Die Konstituierung der Jewish Agency. Wie der ITA. aus zuständiger Quelle mitgeteilt wird, wird die konstituierende Versammlung der Jewish Agency wahrscheinlich schon am 15. August in Zürich stattfinden, und zwar unmittelbar nach dem 16. Zionistenkongreß, der von Ende Juli bis etwa Mitte August, ebenfalls in Zürich tagen wird. Um die Zionistische Exekutive in die Lage zu versetzen, die notwendigen Schritte für die Einberufung der Agency ergreifen zu können, wird das Aktionskomitee der Zionistischen Organisation noch im Monat Mai d. J. in London oder in Berlin zusammentreten. Diese Aktionskomiteetagung wird in erster Reihe das Abkommen zwischen der Zionistischen Exekutive und den Nichtzionisten bezüglich der Jewish Agency zu ratifizieren haben. Würde die Ratifizierung erst dem Kongreß überlassen bleiben, so könnte die Agency nicht vor Mitte September zusammentreten; dies .wäre aber ein sehr ungünstiger Zeitpunkt, da viele Amerikaner zu dieser Zeit nicht mehr in Europa weilen werden, während für eine Tagung am 15. August eine sehr große Beteiligung erwartet werden könnte. Neue Ausschreitungen an der Klagemauer. Während der Gottesdienste an der Klagemauer zu Jerusalem zu den Pessachfeiertagen wurden die jüdischen Andächtigen von Moslemiten mit Steinen beworfen, wobei mehrere der betenden Juden getroffen und verletzt wurden. Der jüdische Aufsichtsbeamte wurde schwer verletzt. Jlnxtlicke Tkrlauitarungeit tkslmidittsAm, Lieferungs-Ausschreibung. Seitens der israelitischen Kultusgemeinde Wien gelangen im Laufe der nächsten Zeit die nachfolgenden baulichen Arbeiten zur Vergebung. XL, Zentralfriedhof I. Tor: Adaptierung des Leichenbeisetzgebäudes (Baumeister-, Schlosser-, Spengler-, Dachdecker- und Glaserarbeiten). XL, Zentralfriedhof I. Tor und XL, Neuer Friedhof IV. Tor: Ausführung von 7 Reservegrüften (Baumeister- und Steinmetzarbeiten). XL, Neuer Friedhof IV. Tor: Instandsetzung vorhandener Straßen und Wege. Jene Firmen, welche zur Offertstellung herangezogen werden wollen, werden eingeladen, dies bis längstens Mittwoch, den 22. Mai 1929 dem technischen Amte der israelitischen Kultusgemeinde in Wien I., Seitenstettengasse 2, IV. Stock, bei welchem auch während der gewöhnlichen Amtsstunden (Samstage ausgenommen) alle näheren Auskünfte erteilt werden, schriftlich bekanntzugeben. Die freie Auswahl unter sich meldenden Firmen zwecks Heranziehung zur Offertstellung für die einzelnen Arbeiten behält der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde seinem alleinigen Ermessen vor. Kumt und Literatur Ist Religion in Zukunft möglich? Von Berthoid Molden (1928. M. Perles). Ein Dokument von unserer Zeiten Nöten. Ein Buch für Denker, die sich mit dem im Titel genannten wichtigen Problem ernst befassen, und das sollte wahrlich ein jeder. Höchst imponierend, wie der Autor wie absichtslos und doch höchst gründlich die neuesten Ergebnisse der Geschichtsforschung über die Entstehung, resp. die geistigen Quellen des Christentums darlegt und verwertet. Die Antwort auf die Frage lautet, um es vorwegzunehmen, nicht Religion im alten Sinne, sondern religiös-philosophische Ueberzeugung. Wenn nun der Autor eine solche schon dem Stoizismus vindiziert, möchte er wohl auch zugeben, daß auch in den fünf Büchern Mosis das Streben nach Gotteserkenntnis, die von ihm so hoch gewertete Ehrfurcht, die Pflicht zur Ethik, der Optimismus als feste Grundlagen einer solchen religiös-philosophischen Weltanschauung gefunden werden können, wie ich in meiner Broschüre: Frommt uns ein neuer Glaube? auseinandergesetzt habe. Auch Molden hält sich an die ebenso verbreitete, wie falsche Uebersetzung des Wortes „Jiras"; nach seiner Wurzel schon stammt es von „Sehen", also „Erkennen"; der Satz lautet also „Gotteserkenntnis ist der Weisheit Anfang". Es wird gewöhnlich mit „Ehrfurcht", nicht „Furcht" Gottes übersetzt. Setzt man „Anfang" gleich: principium, so gewinnt der Satz: Gotteserkenntnis ist das Prinzip der Weisheit, seine philosophische Eigen- und Einzigart. Er ist in seiner Prägnanz nicht weniger, wie die Quintessenz der in Moldens anregendem Buche aufgestellten Lehren. Was darin von Optimismus und Pessimismus gesagt wird, ist höchst lehrreich vom ideellen Standpunkt; die praktische Kompromißforderung nach einem „schwarzgeränderten Optimismus" dürfte kaum Befriedigung schaffen. In dem Kapitel: Weltanschauung und Leben sind ganz hervorragend geistvolle Ansichten enthalten und wie bei allen derartigen durch die Fülle und Größe der Probleme gehäufte Schwierigkeiten bietenden Darstellungen nur andeutungsweise vorgetragen: so die eminent wichtige Frage der Willensfreiheit, des Materialismus u. a. Von einer seltenen Einfühlung in kulturgeschichtliche Wahrheit zeigt der Satz: „Vielleicht ist die sittliche Bildung niemals so hoch gestanden, wie in den Zeiten jenes Deismus (Lessings) und unter ihrer Nachwirkung in den ersten zwei Dritteln des neunzehnten Jahrhunderts. Wir meinen, daß damals die Aufklärung Wissen und Bildung zu allgemeiner Verbreitung in die „höheren" Kreise gebracht hat. Heutzutage, wo viel weitere Kreise dieser Wohltat teilhaftig werden, wo die technischen Fortschritte die Menschen zwangsläufig näher aneinanderrücken, ist wohl auf eine Höherentwicklung In ethischer Hinsicht zu hoffen, auf Grund einer dogmen- und kirchenlosen Religion, die das Leben durchdringt und umspannt." Wenn der Verfasser zuletzt den Bau eines „Hauses der freien Ehrfurcht" in jeder größeren Stadt fordert, einen Mittelpunkt für alle, die sich zum tätigen Dienst der Weltvernunft bekennen, so dürfte wohl ein Ausbau des Logengedankens, wie ihn Lessing in „Ernst und Falk" angebahnt hat, diesen Wunsch zu erfüllen geeignet sein, wozu allenthalben Ansätze schon vorhanden sind. Das Buch, das eine durchwegs glänzende Beurteilung mit Recht erfahren hat, sollte von jedem Gebildeten gelesen werden. Es ist ein neuerlicher Beweis, daß, wie der Referent in „Religion oder Illusion?" dargetan hat, Religion, auch nach der Meinung stark Intellektueller, keine Illusion, sondern sehr wohl auch in Zukunft noch gut möglich ist. Med.-Rat Dr. Heinrich Haase. G. Henle, Eine Fahrt nach Patagonien und dem Feuerlande, Würzburg 1928, H. Stürtz, Mk. 3.—. Südamerika, das für unsere Jugend ganz besonders in Betracht kommt, wobei auch die weite Verbreitung der deutschen Sprache, besonders in Chile, ins Gewicht fällt, wird hier im allgemeinen nur gestreift, ausführlich aber der Süden behandelt, in dem die „Austriacos", wie man dort noch heute alle Angehörigen der ehemaligen Donaumonarchie bezeichnet, eine große Rolle spielen. Daß sich darunter auch Juden befinden, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Bei Reclam, Leipzig, erschienen: A. H. Rausch, Patroklos (M. 0,80, G. Kapp, Melkisedek (Mk. 1.80). Die Freundschaft zwischen Achill und Patroklos wird hier in die Sphäre des Problems der Verbundenheit zwischen Talent und Genie erhoben, die für das erstere Lebenselement wird. Abrahams Erscheinung, die Verstoßung 'Hagers u a. aus diesem Kreise gruppiert sich in Kapps fesselnder Darstellung, psychologisch begründet, um die Figur des erwachsenden Melkisedek.

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