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Die Wahrheit · 1929-05-17 · Heft 20 (17.5.1929) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT liiiiimiiiiiiiiimniuinm mmnnnnnmininmiiiinmnniD Seite 0 nie rastenden, immer vorwärts drängenden jüdischen Seele zu befriedigen. Selbst der jiddische „Vorwärts", das Organ, welchem die historische Rolle zugefallen ist, in jiddischer Sprache das Bewußtsein des jüdischen eingewanderten Arbeiters zu wecken und ihm kollektiven Ausdruck zu geben, ist dazu übergegangen, einen Teil der Zeitung englisch erscheinen zu lassen, und die anderen jiddischen Zeitungen folgten sofort seinem Beispiele. Dieser Schritt wa-r; eine notwendige Maßnahme, um den Fortbestand jener Zeitungen zu ermöglichen. Es sei ferne von mir, das Verlangen nach jiddischer Literatur zu unterschätzen. Es besteht in Amerika noch ein gewaltiges Bedürfnis danach. Es gibt aber nicht mehr jenen geistigen Durst nach jiddischer Literatur, die Ausschließlichkeit, mit der sie früher die geistigen Bedürfnisse der jüdischen Einwanderer zu befriedigen berufen war, ist dahin. Das Interesse der Juden an jiddischen Büchern und Zeitschriften nimmt ab, und ebenso der innere Zwang der jiddischen Schriftsteller, jiddisch zu schreiben. Jahrelang schon ist in der jiddischen Presse kein bedeutender neuer Autor entstanden. Die alten Talente sterben nach und nach aus und es sind keine jungen da, um ihren Platz einzunehmen. Die jiddische Presse existiert leiblich noch, aber die Seele ist schon dahingegangen. — Jiddisch geht in Amerika rapid seinem Erlöschen zu; es beendet jetzt noch seine historische Mission, um bald dem Englischen als seinem sprachlichen und geistigen Nachfolger den Weg freizugeben. Wie lange wird sich also jiddisch in Amerika noch behaupten können? Ich bin kein Prophet und hasse Prophezeiungen. Aber die Tatsachen sprechen eine unmißverständliche Sprache. Fast volle hundert Prozent der in Amerika heranwachsenden jungien jüdischen Generation lesen nicht jiddisch und haben an nichts Jiddischem Interesse. Sie schöpfen ihre geistigen Energien aus der großen und reichen englischen Literatur, aus der deutschen, der französischen Literatur — in der Tat aus den Erzeugnissen aller europäischen Kulturen, die jiddischen ausgenommen. Der Name Perez ist dem durchschnittlichen amerikanischen Juden so fremd, wie der Jack London einem durchschnittlichen Zulu-Neger. Ein Beispiel; es gibt eine einzige Monatsschrift in jiddischen Sprache, „Die Zukunft", die tapfer und in bewunderswerter Weise das Beste aus der jiddischen Literatur darbietet. Ihr Herausgeber, Herr Lewin, ist ein begabter Schriftsteller und Dichter, seine Mitarbeiter sind talentierte und gelehrte Autoren. Nichtsdestoweniger kann sich „Die Zukunft" nur eines sehr geringen Leserkreises rlühmen. Was ist der Grund dieser Erscheinung? Gibt es unten den Juden keine intelligente Leser? Keineswegs; es gibt unter den Juden eine sehr große Anzahl kultivierter Menschen und sehr viele eifrige Leser guter Zeitschriften. Aber diese lesen „Atlantic Monthly", „Mencure", „Nation", „Haldeman-Juliiis-Publications" und ähnliche Zeitschriften von hohem Rang und nicht jiddisch. Fassen wir unsere Analyse des gegenwärtigen Zustandes der jiddischen Presse zusammen, dann ergibt sich das folgende Resultat: 1. Nahezu 100 Prozent der vollamerikanischen Juden lesen die jiddiche Presse nicht. 2. 75 Prozent der bereits amerikanisierten neuen Einwanderer lesen ebenfalls die jiddische Presse nicht. 3. Die etwa 25 Prozent der russischen und polnischen imigranten, welche im Augenblick das Leserpublikum der jüdischen Presse abgeben, werden sehr bald einer neuen Generation den Platz räumen, die nicht mehr jiddisch liest. 4. Die geringe Anzahl der jetzt noch jährlich imigrierenden Juden gibt weder eine sachliche, noch eine finanzielle Grundlage für den Fortbestand der jiddischen Presse ab. 5. Folgerichtig müssen wi:n aus diesen Voraussetzungen die folgenden Voraussagen ableiten: Die jiddische Presse, wie sie jetzt beschaffen ist, wird in sehr naher Zukunft untergehen. Eine jüdische Publizistik wird sich nur dann behaupten können, wenn sie sich der englischen Sprache bedient. Den „Vorwärts" ist mit seiner auf Kosten des jiddischen Teiles immer mehr auszugestaltenden englischen „Beilage" den neuen Weg vorangeschritten. Nur so kann er seine Bedeutung als Faktor im jüdischen Leben weiter behaupten. Die Zeitungen, welche seinem Beispiele noch nicht gefolgt sind, haben jetzt nur die Wahl zwischen freiwilligem Untergang oderdem Weg, den der „Vorwärts" jetzt geht. Püir eine jiddische Presse gibt es auf amerikanischem Boden keine Zukunft und es gibt für Jiddisch als Verkehrssprache in Amerika keine Zukunft. Jiddisch ist im Begriff, sein Leben aufzugeben. Seine letzten Tage sind angebrochen. Rabbi Dr. H. G. Enelow- Newyork, Von Dr. S. Samuel, Essen. Dr. Enelow ist gegenwärtig Präsident der Central Conference of American Rabbis, deren Tagungen Ereignisse, deren Protokolle Dokumente von bleibender Bedeutung sind. Wir schätzen in ihm den Mann, der trotz seiner liberalen Einstellung bis weit in die Kreise der Orthodoxie, ja des Zionismus hinein Achtung und Verehrung genießt. Der Freundlichkeit eines früheren anhänglichen Schülers, Dr. Ing. Franz Hirschland, New York, verdanke ich eine Anzahl von Schriften Dr. Enelows. Sie zeigen das Bild eines der Aufgabe des Großstadt-Rabbiners gewachsenen Mannes, der das Schlagwort und die Phrase unerbittlich bekämpft, und die Schwierigkeiten der heutigen religiösen Lage meistert. Seine Stärke liegt im Gebiete der Predigt; doch ist er auch geistreicher Essayist und moderner Jugendbildner. Rabbi Dr. Enelow redet nicht de omnibus rebus et quibusdan aliis. Er wählt ein umfassendes Thema, reiht Predigt an Predigt, so zwar, daß jede einzelne in sich abgerundet ist, und doch in dem Zyklus einen bestimmten Platz einnimmt. So hielt er während des Krieges Predigten mit dem Titel: The war and the Bible und The allied Countries and the Jews, die alles andere als militaristisch waren. Wenn er in seiner Rede „America and the Jews" seinem Vaterlande eine Huldigung darbrachte, so wird ihn dies in unseren Augen nur ehren. „Die Mitarbeit der Juden", sagt er, „ist in Amerika von gleichem Umfang, als die Geschichte seiner Zivilisation. Bei der schnellen Verpflanzung des Judentums nach Amerika, die eine Tat war, gab es Verluste, aber auch Gewinne. Heute besteht dort eine so mannigfache und so intensive Mitarbeit, wie sonst nirgends in der Welt." Daß es so bleibe, ruft er seinen Landsleuten zu, hängt von uns selbst ab! Andere Serien nennt Dr. Enelow: „The various beauty of the Psalms": „The Jew and the world; Diverse Elements of Religion und The Adaequacy of Judaism, d. i. die Ebenbürtigkeit des Judentums. „Die Juden und die Welt" wird eröffnet durch eine Studie über „Jakob oder die Frage nach dem Jüdischen Charakter". Hier behandelt der Redner in packender Weise das auch in Amerika brennende Problem der „Rasse". Weder körperlich noch seelisch, so führt er aus, besitzt der Jude der Geschichte oder der Gegenwart einen einheitlichen Typus. Semit? Nun, meint Enelow treffend, indem sich der Jude auf Grund der ihm eigentümlichen, religiösen Auffassung von der gesamten übrigen semitischen Welt trennte, war er der erste — Anti-Semit! „Nichts anderes stempelt den Juden zum Juden, als sein beharrliches, unerschrockenes Festhalten an seinem geistigen Idealismus!" Von besonderer Tiefe und Aktualität sind die Reden über: Die Ebenbürtigkeit des Judentums. Die einzelnen Themen heißen: „Die moderne Unzufriedenheit mit dem Judentum". Dürfen Juden Christen — Atheisten — Anhänger der Christian Scienty — der „Ethischen Kulturgemeinschaft" — des Unitarismus werden? Warum müssen Juden Juden bleiben?" Sein immer wiederholter Ruf lautet: Lernt das Judentum besser kennen, ehe ihr es verlasset; erst dann werdet ihr entscheiden können, ob ihr wirklich etwas besseres eintauschet, Vermißtes gewinnt, zu einem sittlich höheren, universelleren, schöneren Standpunkt gelanget! Das Judentum ist die einzige Religion, die ebensoviel Gemüt wie Geist hat. The heart and the mind; und beide vollkommen befriedigt. Er warnt vor den Verlockungen der Kirchen. Sekten, Gemeinschaften und der Wirkung ihrer Schlagworte, wie „wahres Heil" (salvation), „echte Heiterkeit" (serenity), „neue Ethik". _ _..... . ____ Wer als Jude versucht ist, seinen Gott zu verlieren, wer da meint, ohne ihn leben zu können, der vertiefe sich in die wunderbare, schmerzensreiche Geschichte Israels, und er wird zur Besinnung kommen. Und er blicke auf die philosophische Entwicklung, die wieder einmal den Materialismus überwunden, die Herrschaft der Materie entthront hat. Wer aber Geist sagt, meint Enelow, sagt Gott! Warum Juden Juden bleiben sollen? Nun, aus Selbstachtung; sodann zur Vermehrung des Guten in der Welt. Nur eine neue soziale Ordnung kann die Welt retten, sagt Enelow, in Uebereinstimmung mit Männern wie Wells, Galsworthy, Keynes. Ihre Förderung liegt uns Juden vor allem ob.

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