Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 20 (17.5.1929)
- Date
- 1929-05-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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^eite 8 liMiiigiMMiBMBBMiBMBBBB^ DIE WAHRHEIT Qlcrren». Beim feierlichen Empfange der Mitglieder der „Schwimmenden Universität" seitens des Senates der Wiener Universität sind bedeutungsvolle Reden gewechselt worden, in denen jedoch Anspielungen politischer Natur vermieden wurden. Wäre dies nicht der Fall gewesen, dann hätten die vom freisinnigen Geiste beseelten amerikanischen Studenten wohl darauf hinweisen können, daß auch die österreichischen Universitäten dermalen in gewissem Sinne an den Namen erinnern, den man für die amerikanische Studentenexpedition geschaffen hat. Die österreichischen Universitäten — schwimmen nämlich im antisemitischen Fahrwasser. * Leopold Kunschak hat, wie aus Mitteilungen ihm nahestehender Freunde her bekannt wurde, seine vielbesprochene Stellungnahme in der jüngsten politischen Krise unter der Devise „Zurück zu Lueger" vollzogen. Auch die politischen Gegner Kunschaks konnten ihm in der letzten Zeit nicht das Zeugnis versagen, daß er bestrebt sei, eine Scheidewand zwischen sich und den radikalen Antisemiten zu errichten. Es wäre wirklich höchst ehrend für Kunschak, wenn er schließlich mit der Losung „Zurück zu Lueger" bis zu dem Lueger käme, der einst am Beginn seiner politischen Karriere in idealer Begeisterung angesichts einer ihm zujubelnden Menge die Hand zum Schwüre erhoben ausrief: „Gott ist mein Zeuge, daß in meinen Augen das Religionsbekenntnis keinen Unterschied unter den Menschen macht." * * * Hermann Bahr, der noch in seinen alten Tagen, auch nachdem er fromm geworden, die Lust verspürt, gleichzeitig auf zwei Hochzeiten zu tanzen, schreibt weiter unverdrossen sowohl für sogenannte Judenblätter wie auch für echte Antisemitenblätter. Kein Wunder, daß bei diesen ausdauernden Eiertänzen die Moralbegriffe Bahrs schließlich derart ins Schwanken geraten, daß selbst die fromme „Reichspost" sich genötigt sieht, die Zotenhaftigkeit eines Bahr'schen Theaterstückes dadurch zu charakterisieren, daß sie einfach schreibt: „Seinen Inhalt anzudeuten ist nicht gut möglich." Das muß sich Bahr an demselben Tage sagen lassen, an welchem einer seiner zahlreichen Propagandaartikel für katholische Heilige und heiligen Lebenswandel in einem „Judenblatt" erschien! Bahr scheint das Wort des Evangeliums: „Die rechte Hand soll nicht wissen, was die linke tut" sich so zurechtlegen, daß er mit beiden Händen schreibt. * * * Das „Berliner Tageblatt" zitiert aus einer „wissenschaftlichen" Arbeit des Dr. Walther Kruse, ordentlicher Professor an der Leipziger Universität, u. a. folgende Stelle: „Man hat in den Geheimnissen der „Weisen von Zion" Dinge vor sich, die fast zu abenteuerlich erscheinen, als daß sie wahr sein könnten. Aber freilich sind die Wege des Kapitalismus oft schwer erforschlich." Wie vorsichtig sich dieser Universitätsprofessor ausdrückt! „Fast" zu KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTENS JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON_ HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERH/INN EBENSPMQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 abenteuerlich erscheinen ihm diese von längst enthüllten Fälschungen strotzenden Dokumente! Er wagt es nicht, ohne weiteres ihre Wahrheit zu bestreiten, denn der „Kapitalismus" (gemeint sind die Juden) ist unerforschlich. Herr Professor Kruse ist wirklich zu schüchtern. Auf die Gutachten der hervorragendsten deutschen Gelehrten sich stützend, die in den Protokollen der „Weisen von Zion" ein blödes Falsifikat erblickten, an dessen Echtheit nur noch Böswillige oder Trottel glauben könnten, hätte Herr Professor Kruse getrost etwa folgendermaßen schreiben können: „Man hat in den Geheimnissen der ,Weisen von Zion' Dinge vor sich, die wahrhaftig viel zu abenteuerlich erscheinen, als daß sie nicht erstunken und erlogen wären. Aber freilich, die Wege des seit jeher mit den plumpsten Lügen, Verleumdungen und Fälschungen arbeitenden Antisemitismus sind schwer erforschlich." Wahrhaftig, die zarte Vorsicht des Herrn Professor Kruse in der Beurteilung der „Weisen von Zion" wäre auch zu abenteuerlich, wenn die politische Gesinnung des Herrn Professors — unerforschlich bliebe. * * * Die Pariser Universität hat Professor Einstein das Ehrendoktorat verliehen. Wenn man sich erinnert, daß Einstein von deutschen Studenten hakenkreuzlerischer Konfession ausgepfiffen wurde, so muß man sich fragen, wie diese Jünglinge sich jetzt bei einer Vorlesung Einsteins verhalten dürften: Würden sie in Beschämung verstummen oder den von den Franzosen ausgezeichneten Mann doppelt beschimpfen? Ego. Das Ende der jiddischen Sprache in Amerika. Von Michael B. S c h e 1 e r (Philadelphia). Der große Strom jüdischer Einwanderer aus Rußland, Polen und Rumänien hat vorübergehend, die jüdischen Ansiedlungsrayons auf den Boden der Vereinigten Staaten verpflanzt, mit allen ihnen Vorzügen und Nachteilen und; mit der unangetasteten Herrschaft des Jiddischen im Verkehr: der Imigranten untereinander. Gegenwärtig ist aber die jiddische Imigration der auf die ersten russischen Revolutionen folgenden Jahre (1905 bis 1908) fast restlos amerikanisiert. Eine vollständige Anpassung an die neue Umgebung ist vollzogen, das Ghetto ist abgestreift. Das neue Gefühl einer unangefochtenen Freiheit und Sicherheit, die Möglichkeit, sich hier zum ersten Male aufrechten Hauptes als freier Bürger zu empfinden, hat dem Juden die Sehnsucht nach seiner Heimat und damit die Anhänglichkeit an das Jiddische vergessen lassen. Ich unterhielt mich vor kurzer Zeit mit mehreren jiddischen Verlegern und Buchhändlern über die Einträglichkeit des jiddischen Buches. Sie alle bestätigen, daß der jiddische Buchhandel kein einträglicher Beruf mehr ist und der Verlag noch viöl weniger. Von Tag zu Tag wird das Interesse der jiddischen Einwanderer am jiddischen Buch und selbst an der jiddischen Publizistik geringer. Nur die Tageszeitungen finden ein Publikum, das aus Gewohnheit an ihnen vorderhand noch festhält. Das jiddische Wort ist nicht mehr imstande, die Bedürfnisse der