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Die Wahrheit · 1929-05-17 · Heft 20 (17.5.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DDE WAHRHEIT Kanzlerredner wie als Schriftgelehrter gleich hervorragend. Er schrieb u. a.: „Stimmen der älteren Rabbiner über die Pijutim". Sein jüngerer Amtsbruder ist der heute im Greisenalter stehende beliebte und angesehene Gelehrte Professor Simonsen. Der Gottesdienst in der Synagoge war vorbildlich. Der damalige Oberkantor Simon, im Besitze einer sonoren und umfangreichen Baritonstimme, wurde von einem trefflichen a capella geschulten Herren- und Knabenchor, unter Leitung des bekannten Musikdirektors Albert Meyer, wirksam unterstützt, i' & Wer diese Glanzzeit der Kopenhagener Gemeinde miterlebte, der wird heute sicherlich enttäuscht sein, denn nicht nur hinsichtlich des Kultus, auch mit allem sonstigen ist es leider bergab gegangen. Die wirtschaftlichen Krisen, der Tod der alten Prommente_n, im wesentlichen aber der lndifferentismus, haben auch hier einen stagnierenden Einfluß ausgeübt. Ganz besonders aber die Mischehe unterhöhlte den stolzen Bau, der längst eingestürzt wäre, wäre nicht das Reservoir unserer glaubensstarken Brüder aus dem Osten vorhanden, aus dem die Kopenhagener Gemeinde ihre stark gelichteten Reihen aufs neue zu füllen vermocht hat. Es ist also auch hier wie in manchen Gemeinden Deutschlands. In der „Mosaisk Drendeskole" (früher unter der Leitung des bekannten Pädagogen Harry H. Hertz), welche in der Skindergade gelegen, werden die jüdischen Knaben zu guten Juden und richtigen Staatsbürgern herangebildet. Wenn den hier vorherrschend gewesenen Assimilationsgelüsten für immer ein Damm gesetzt wird, indem der jüdischen Jugend die Wichtigkeit der Ausübung der geheiligten Traditionen vor Augen gehalten wird, dann wird es hier in Kopenhagen wieder aufwärts gehen. Die Mischehe führt zum Niedergang des Judentums, und der sonst geistvolle Ludwig Nathansen hat mit seinem Schauspiel „Hinter Mauern*4 (welches in Kopenhagen spielt) dem Judentum einen schlechten 'Dienst erwiesen, wenn er im Schlußakt dieses recht wirkungsvoll geschriebenen Stückes den alten Vater der Braut urplötzlich so weich werden läßt, daß er sich, zur Krönung seiner Inkonsequenz, so weit hinreißen läßt, daß er die Hand seiner Tochter in die des christlichen Herrn Schwiegersohnes legt und in solcher Weise wieder gut zu machen sucht, was er in den voraufgegangeneu Akten als frommer Jude bekämpfte. Der Herr Autor, selbst Jude, redet hier der Mischehe das Wort! Solche Stücke sind natürlich nicht geeignet, das jüdische Selbstbewußtsein zu stärken. Möge unsere Jugend, auf die wir bauen, sich immerdar vor Augen halten, daß Jude sein heißt: Stark sein! John Jacobsohn. Undank ist der Welten Lohn. Die derzeitigen Gerenten der jüdischen Kultusgemeinde Cernauti, Dr. beverin Lazarowicz una Dr. Salamon Kinsbrunner, verweigern dem früheren Gerenten Herrn Dr. Straucher die Auszahlung der ihm aui Grund fast vierzigjähriger rühmlicher und höchst ersprießlicher Dienste um die Fuhrung der Czernowitzer jüdischen Kultusgemeinde gebührenden und loyal zuerkannten Pension! Nachdem auch die kompetenten staatlichen Behörden keine Abhilfe geschaften haben, wendet sich Herr Dr. Straucher an die jüdische Oetfentlichkeit mit folgender Denkschrift, die wir hier auszugsweise wiedergeben: „Ich bin der ehemalige judische Abgeordnete im bestandenen österreichischen Parlament, dem ich durch 23 Jahre, bis zum Zusammenbruche Oesterreichs im November 1918, angehört habe, und in weichem ich Obmann des einzigen „jüdisch-nationalen, zionistischen Klubs" war, dessen Mitglieder die um unser Volk hochverdienten Abgeordneten Adolf Stand, Dr. Mahler und Dr. Heinrich Gabel gewesen sind! Meine Tätigkeit im öitentlichen Leben und insbesondere im Dienste des jüdischen Volkes, im österreichische,n Abgeordnetenhause, in den österreichischen Delegationen, im Bukowinaer Landtage, in der rumänischen Delegationskammer usw. sind aller Welt bekannt; dennoch sei mir gestattet, darauf zu verweisen, daß es mir vergönnt gewesen ist, in den Jahren 19U5 und 19üö in der österreichischen Delegation in flammenden Reden die schrecklichen Judenpogrome in Rußland, die barbarische Niedermetzelung ungezählter tausender unschuldiger Stammesgenossen, ihre sklavische Rechtlosigkeit von öffentlicher Parlamentstribüne vor aller Welt zu brandmarken, die gerechten Anklagen meines verfolgten und geknechteten Volkes zu vertreten, sowie daß ich damals in einer solennen Erklärung die Berechtigung, die Bedeutung und Ziele des Zionismus zum erstenmal in einem Parlamente beleuchtet und so den Zionismus pariamentstähig gemacht habe. Aus meiner — ich darf das ohne Ueberhebung feststellen — unermüdlichen, zielbewußten, verdienstvollen Tätigkeit im österreichischen Abgeordnetenhause hebe ich vor allem meine Aktion gegen die Entführung jüdischer Mädchen in katholische Klöster sowie die historische Episode hervor, daß ich in epochalen Reden, an der Hand unanfechtbarer Beweise, die gefährliche Ritualmord-Lüge konsequent bekämpft habe. Im Bukowinaer Landtage habe ich die volle nationale, politische, parlamentarische, bürgerliche und soziale Gleichberechtigung und Gleichheit der Juden und des jüdischen Volkes der Bukowina, sowie die Schaffung einer sogenannten jüdischen Kurie damit erkämptt, daß eine legitime Vertretung der Juden der Bukowina im Landesausschusse geschaffen worden ist, also die Juden an der autonomen Verwaltung des Landes mitgewirkt haben. Mit besonders berechtigtem Stolze darf ich das einzig dastehende, geschichtlich wie politisch gleich bedeutsame Ereignis verzeichnen, daß ich in einem im Bukowinaer Landtage eingebrachten, wohlmotivierten und geschickt formulierten Initiativ-Antrage die von allen nationalen und politischen Parteien einstimmig beschlossene Resolution durchgesetzt habe, wonach der BuKowinaer Landtag namens der gesamten Bevölkerung des Landes gegen die Judenpogrome in Rußland entrüsteten Protest erhoben hat! Es war dies damals die einzige von einer legitimen gesetzgebenden Körperschaft teierlich beschlossene, würdige Kundgebung, deren hoher Wert geschichtlich festgelegt ist. Im Gemeinderat von Cernauti habe ich der Judenschaft der Stadt eine führende Stellung geschaffen und zweimal die Wahl von Juden zu Bürgermeistern der Stadt erreicht. Im rumänischen Parlamente war ich der erste jüdische Deputierte und Vertreter, der im Jahre 1920 das Wort für die Gleichberechtigung der Juden Rumäniens geführt und unerschrocken die Unterdrückung und die politische Entrechtung der Juden sowie das schwere ihnen zugefügte Unrecht bloßgelegt und gegeißelt habe, und es ist mir im Verlaufe meiner parlamentarischen Tätigkeit beschieden gewesen, an der Erüämpiung der verfassungsmäßigen bürgerlichen Gleichberechtigung der Judenschaft Rumäniens sowie an der Schaffung des sogenannten Kultusgesetzes, wodurch unserer Konfession eine mit den anderen christlichen Konfessionen gleichberechtigte Stellung eingeräumt und die Begründung gesetzlicher autonomer Judengemeinden in Rumänien statuiert wird, mitzuwirken. Was speziell die Kultusgemeinde Cernauti betrifft, kann ich mit berechtigtem Stolz und hoher Genugtuung erklären, daß ich sie geradezu geschaffen und organisiert, mit herrlichen Monumentalwerken, Institutionen und Bauten, Wohltätigkeits- und Wohltahrts-, religiösen, rituellen, Kultus- und kulturellen Anstalten ausgestattet sowie vielfache Reformen durchgeführt und eine geordnete, prompte Amtierung geschaften habe. Dieser Kultusgemeinde habe ich mein Leben gewidmet, ihr meine gesamte ireie Zeit, mein Wissen und Können geschenkt, sie traditionell-orthodox verwaltet. Wenn ich all das hervorhebe, so gehört dazu die wahrheitsgemäße Feststellung, daß ich während meines öffentlichen Wirkens durch ein Menschenalter meine politischen und überhaupt öffentlichen Funktionen, Ehrenstellen, Mandate und Würden niemals zu meinen persönlichen oder Erwerbszwecken, zu meiner Bereicherung, leider aber auch nicht zu meiner und meiner Familie Versorgung benützt oder ausgeschrotet habe, ich bin deshalb vermögenslos, materiell mittellos geblieben! Es hat mir deshalb im Jahre 1924 — damals zählte ich bereits 34 Jahre im Dienste der Kultusgemeinde als ihr Vorsteher — die autonome, legale Repräsentanz der Kultusgemeinde spontan — in meiner Abwesenheit, ohne mein Wissen und Dazutun — für den Fall meiner Inaktivität, freiwilliger Zurückziehung oder behördlicher Enthebung von der Leitung der Kultusgemeinde durch einstimmige Beschlüsse eine lebenslängliche Pension rechtsgültig zuerkannt, in gleicher Art wie allen Funktionären und Beamten der Kultusgemeinde! Den mich betreffenden Beschluß hat überdies — obgleich überflüssig — das Kultusministerium im März 1920 genehmigt. Im April 1926 hatte das judenfeindliche Ministerium Averescu mit dem berüchtigten antisemitischen Politiker Goga die Regierung angetreten und der Zionist Dr. Mayer Ebner hatte mit seinem zusammengewürfelten, aus Zionisten und so-

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