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Die Wahrheit · 1929-05-17 · Heft 20 (17.5.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4!i;ni!:.i;i<;:»ii;;ifimu:!imnKm!mmmnnn!!mHM^ DJE WAHRHEIT Ei, wie ist mir nur? Wo habe ich alle diese Weisheiten schon gelesen? Ach ja. Das hat schon in der Frühzeit des Antisemitismus, nämlich auf dem Antisemitenkongreß zu Dresden im September 1882 kein anderer als der schon längst liochselige Papa Adolf S t ö c k e r von sich gegeben. In einer monumentalen Rede beleuchtete er die „äußersten Polaritäten", in denen sich die Juden bewegten, und schloß mit dem weltbewegenden Wort: „Die Juden sind zugleich Schrittmacher des Kapitalismus und des revolutionären Sozialismus und führen in beiden Beziehungen den Staat zum Untergang." Schon damals gab es zynische Juden, unfähig, einen Satz aus so heiligem Munde gläubig hinzunehmen, die stets das Erhabene mit der Säure ihrer zersetzenden Kritik zu schwärzen liebten, die sagten zweifelnd: uns will es schier bedünken, daß solche schroffe Widersprüche und extreme Gegensätze unter allen hochentwickelten Menschengruppen vorkommen, sei nun die Gruppierung ethnischer, religiöser oder sozialer Natur. Die katholische Kirche hat Torquemada und Franz, die alten Germanen hatten Segestes und Arminius, die Franzosen hatten Richelieu und Marat, Ludwig XIV. und Robespierre, die Russen Nikolaus I. und Njetschajew, Tolstoj und Pobjedonoszow, die Deutschen Bismarck und Most, Lessing und Stöcker. Warum sollen die Juden nicht neben Trumpeldor auch einen Egon Friedmann haben? Das ist nicht sonderlich tragisch, wenn nur aus dem Friedmann rechtzeitig ein Friedell wird, wenn die Friedmanns wie die welken Blätter und die faulen Füchte rechtzeitig abfallen, um die gesunden Säfte des Baumes nicht weiter anzufressen. Daß sie den „Judengott" von draußen anbellen, kann dem „Judengott" nicht viel anhaben .... Was Moses Mendelssohn anlangt, so würde man sich irren, wenn man glauben wollte, daß sein Judentum für ihn eine wesentliche Hemmung bedeutet habe... Er laßt keinen Zweifel darüber, daß er das Judentum für die wahre Religion der Vernunft hält, die er versteckt gegen das Christentum ausspielt; und während er auf die christlichen Zeremonien mit lächelnder Ueberlegenheit herabblickte, hielt er die absurdesten rituellen Vorschriften seiner eigenen Konfession mit peinlicher Genauigkeit. In ihm erscheint in einer letzten modernen Maskierung das Resentiment des Juden gegen den Heiland, verbunden mit der fanatischen Anbetung des 2X2 4 und der Rentenrechnung, der jüdische Haß gegen die Idealität, gegen das Geheimnis, gegen Gott. Denn der autochthone Geist des Judentums behält selbst dort, wo er sich in die allerspiritualistischen Höhen verliert (und Mendelssohn gehörte wahrhaftig nicht zu jenen Höhenwanderern), noch immer den Charakter des Materialismus, der sich verstiegen hat, und immer bleibt er rationalistisch. Die Annahme, daß die Wirklichkeit aus jenen Dingen bestehe, die man beweisen, womöglich abtasten kann: dieser himmelschreiende Nonsens ist eine jüdische Erfindung. Das jüdische Volk hat in zahllosen Kriegen seinen äußersten Heroismus und die blindeste Todesverachtung bewiesen, aber immer aus sehr realistischen Gründen. Alle großen jüdischen Reformatoren waren Realpolitiker, das jüdische Ritual besieht im wesentlichen aus sanitätspolizeilichen Vorschriften, und die höchste Idee des Judentums, der Messiasgedanke, ist verstiegen, aber keineswegs weltfremd, sie ist ein konkretes Hirngespinst. Daher kam es, daß Jesus vom gesamten zeitgenössischen Judentum mit einer so ungeheueren Erbitterung aufgenommen wurde, die sich nicht gegen den Neuerer richtete, denn solche waren dem beweglichen Volksgeist durchaus gemäß, nicht gegen den Bekämpfer der Hierarchie, denn diese wurde von einem großen Teil der Nation mißbilligt, nicht gegen den Anwalt der unteren Schichten, denn auch hierfür war die Stimmung überaus günstig, sondern gegen den gefährlichen Frondeur, der zu verkünden wagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Dies mußte das Grundpathos, den tiefsten Lebensinstinkt, den innersten Wesenskern des Judentums tödlich verletzen, denn es war in Wahrheit die vollständige Aufhebung und Umkehrung des spezifischjüdischen Weltgefühls. Daß Jesus das Transzedente in die Religion und Ethik einführte, daß er der Menschheit zum Bewußtsein brachte, diese sei das allein wirkliche, darin bestand die ungeheure Revolution, die vom Judentum auch sogleich richtig gewertet wurde. Unter diesem Gesichtspunkt wird es vollkommen begreiflich, daß der Jude Mendelssohn einer der Hauptwortführer der durch Aufklärung gereinigten Religion werden konnte, denn wenn man vom christlichen Kredo das Absurdum abzieht, wie es der damalige „vernünftige" Glaube tat, so bleibt in der Tat nichts als ein Mosaismus, der um einen Propheten mehr hat, als das alte Testament." Ueber Malthus: Und dies lehrte ein christlicher Priester! Indes ist das nicht gar so verwunderlich, sobald wir uns daran erinnern, daß der englische Puritanismus ansonst eine jüdische Religion ist, und Ricardo war sogar buchstäblich der Sohn eines portugiesischen Juden. Vor mehr als einem Menschenalter hat der große Chamberlain all das viel „schöner" und „besser" gebellt. Der Unterschied ist aber der, daß damals ein getaufter Jude ihm nur die Wege gebahnt hat, Harden, der sich aus seiner besonderen Art des Antisemitismus ein (einträgliches) Gewerbe gemacht hatte, während diesmal den Qeisteserben und Wiederkäuer Chamberlains, der selber ein (hoffentlich schon getaufter) Jude ist, eine Anzahl mehr oder minder getaufter jüdischer Literaten reklamemachend vorauslaufen, und zwar in sogenannten Judenzeitungen, die von jüdischen Abonnenten und Inseraten leben. Von einer gewissen Sorte Dienstboten sagt das jüdische Witzwort, sie haben eine fleischige und eine milchige Backe und können daher bei dem einen Tische Fleischspeisen und gleich darauf bei einem anderen Milchspeisen essen, was gewöhnliche Sterbliche bekanntlich nicht können. Eine gewisse Sorte von Literaten bringt es fertig, mit der einen Hand Artikel über Palästina und Herzl zu schreiben und mit der anderen Reklamefeuilletons für Egon Friedell. Eine Hand wäscht die andere, beide werden nur um so schmutziger davon, aber es lohnt sich offenbar. Wohlfahrtsarbeit der jüdischen Frau. Im Sommer dieses Jahres'werden auf deutschem Boden zwei große Kongresse jüdischer Frauen stattfinden. Beide sind der jüdischen Wohlfahrtspflege gewidmet, beide werden einander wirksam ergänzen und zu neuen Methoden und Aufgaben jüdischer Fürsorgearbeit wertvolle Anregung geben. Vom 4. bis 6. Juni wird in Hamburg d i e zweite Weltkonferenz Jüdischer Frauen tagen. Es folgt ihr in unmittelbarem Anschluß vom 9. bis 11. Juni in Berlin die Delegiertentagung des Jüdischen Frauenbundes. Sie wird in diesem Jahre das festliche Gepräge eines Jubiläums erhalten: Als Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Bundes. Nächstenliebe ist uralte, gut jüdische Tradition. Und stets hat die fürsorgende Arbeit der jüdischen Frau einen wesentlichen Bestandteil dieser Tradition gebildet. Ihre mütterlich aufrichtende Sorge für den gefährdeten und verelendeten Mitjuden ist eine der stärksten Wurzelkräfte unserer Gemeinschaft von jeher gewesen, sie soll in Gegenwart und Zukunft eine Durchblutung unserer Gemeinden mit frischen

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