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Die Wahrheit · 1929-05-17 · Heft 20 (17.5.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Finsternis vertritt: da aber eine solche Auslegung nichts war, als ein maskierter Rückfall ins Heidentum, so konnte die Kirche natürlich sie nicht akzeptieren. Die Marcioniten und andere hatten übrigens auch vorgeschlagen, das alte Testament einfach hinauszuwerfen, aber auch damit drangen sie nicht durch: Jehova, auch darin ein echter Jude, ließ sich nicht hinauswerfen, und so ist bis auf den heutigen Tag die reinste Religionslehre, die jemals in die Welt getreten ist und jemals in die Welt treten wird, verdorben und verwirrt durch das Gespenst eines rabiaten und nachträgerischen alten Beduinenhäuptlings. ......Aber eines Tages erlebte auch Luther sein Damaskus, nur rief ihm der Heiland nicht zu: „Warum verfolgst du mich?" sondern: „Warum glaubst du dich von mir verfolgt? Mein Vater ist nicht Jehova." Er erkannte, daß der Christengott kein gerechter Gott ist. sondern ein barmherziger Gott und daß der Inhalt des Evangeliums nicht das Gesetz ist, sondern die Gnade." Jesus verleugnet also anderthalb Jahrtausende nach seinem Tode den Gott, den er sein ganzes Lehen bekannt hat. lieber die P11 r i t a n e r ergießt Friedell die volle Schale seines Zornes, sie waren nämlich auch nichts anderes als Juden: ..Aus dieser übertriebenen Sabbath-Heiligung spricht der Geist des Judentums und in der Tat. es fällt schwer, die Puritaner überhaupt noch als christliche Sekte anzusehen: sie stützen sich fast in allem auf das alte Testament.....Die Streiter Gottes, das ausgewählte Volk waren sie. die rechtgläubigen Puritaner, und jedes Mittel der List, Gewalt und Grausamkeit war erlaubt zum guten Endzwecke: der Niederwerfung der Heiden und Aufrichtung der Theokratie. Ihr Gott ist der Gott Mosis, ein Gott der Rache, des Zornes, der erbarmungslosen Gerechtigkeit und eifervollen Demütigung der Sünde. Und wiederum rächte sich die unglückselige Verkoppelung der Evangelien mit dem Judenbuche, von der wir schon sprachen, an einem Teile der Christenheit." Ich hoffe, keiner wird mich verdächtigen, daß ich die Absicht habe, gegen dieses unverschämte Gekläff zu polemisieren. Vielleicht lohnt es sich aber, hier die Meinung eines wirklichen Kenners zu zitieren. Professor Konstantin Oesterreich sagt in seiner „Einleitung in die Religionspsychologie", wo er den Stufengang der religiösen Ent- Der jüdische Bankier des Papstes. Von dem hohen päpstlichen Adel sind es die Fürsten Torlonia, die jetzt erst, nach der Versöhnung des Papstes mit der römischen Regierung Wieden ihre verschlossenen Salons und die Pforten ihrer Paläste öffnen können, die seit 1870 zum Protest gegen die Einnahme Roms versperrt waren; In der Villa Torlonia an der Via Nomentana, einer wahrhaft fürstlichen Villa, wohnt seit Jahren den ganzen Sommer: über Mussolini zu Gast, gibt dort Empfänge, erhält dort Besuch von hochgestellten Ausländern. Es ist noch die gleiche Villa, die Giovanni Torlonia, der B a n k i e r. der als kleiner jüdischer Sclinoir.rer und Hausierer begann, einst gekauft hat. Gerade in diesen Tagen sind es hundert Jahre her, daß er starb. Sein Leben ist eines historischen Romanes im glänzendsten Aufbau würdig, mit den Hintergründen der französischen Revolution, des Kampfes der Päpste, der napoleonischen Zeit, der Welt der hohen und bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit innerlich verflochten. Stendhal hat diese große und fesselnde Figur nur gestreift und seine schnelle Porträtskizze sagt daher nicht genug, sagt nur dies: „Von niedrigster Herkunft, hat Herr Torlonia sich mit seiner Art. die Dinge anzupacken, zur glänzendsten Stellung erhoben. Die ausschließliche Liebe zum Gelde ist. meiner Meinung nach, das, was das menschliche Antlitz am zerstörerischesten zeichnet. Der Mund WMMMMmwMMMmMMmmwmww* pjg WAHRHEIT Wicklung schildert: „Einen Anlauf zur zweiten Stufe hat die hellenische Religion genommen, wobei die griechische Philosophie in ihrer höchsten Entwicklung belebend auf die Religion einwirkte, während die mittlere und spätere Stoa, stark unter dem Einfluß der griechischen Bibelübersetzung und der jüdischen Propaganda, zum Monotheismus neigte .... Dauernde Bedeutung für die Zukunft der Religion erlangte nur der religiöse Aufstieg, der sich i m p alästinensischen Zweig des Semitentums vollzog. Wir haben heute gelernt, die israelitische Religion als eine vorderasiatische Religion neben anderen anzusehen. Aber das heißt jetzt nichts anderes, als daß wir die übrigen und ihre Wechselbeziehungen zum Judentum besser als vordem kennen. Die Erwartung, daß sie (nämlich die übrigen vorderasiatischen Religionen) diesem auch näherrücken würden, als man früher glaubte, hat sich nicht erfüllt. Der Rangunterschied ist nicht zu verwischen" . . . . Der Verfasser konstatiert, daß es der Forschung nicht gelungen ist, die Ursachen zu ergründen, „weshalb die jüdische Religiosität höher stieg, als die der anderen semitischen Völker". Nur eines kann die Wissenschaft feststellen, „daß diese religiös-sittliche Ueberlegenheit die tiefste Eigenart dieses Volkes ausmacht. Die zentrale Stellung der Sittlichkeit (in der jüdischen Religion) wird auch durch den Monotheismus nicht erklärt. Die Erklärung liegt in der hohen moralischen Veranlagung des Judentums. So fremd es dem Nichtsemiten in manchen Zügen seines Wesens bleibt, die starke Veranlagung zu warmen Beziehungen der Menschen untereinander spricht sich schon in seiner jeder anderen überlegenen sozialen Gesetzgebung, in einer ganz unverkennbaren Deutlichkeit aus. Es fehlt diesem Zweige der Menschheit die EigenschaftderRoheitin einem Maße, in besonders ist bei ihm oft von einer wilden Häßlichkeit Herr Torlonia ist begierig, sich zuzuhören, wenn er d:e Geschichte der Rivalität unter den jungen römischen Fürsten erzählt, die seiner Töchter Hand begehrten. Er hat eine Art Naivität in seinem grenzenlosen Resoekt vor dem Gelde." Häßlich der Mund? Der hat sich schon dem kleinen zwölfjährigen Jungen unter den endlosen heiseren Hausiererschreien so verzerrt. Mit dem Pack auf dem Rtöcken ist er .aus dem Ghetto gewandert. Die Füße hat er sich wundgelaufen. Die Augen flackerten ihm jäh. Er träumte, ja. von nichts anderem als von Geld. Das hieß aber Menschenwürde, Ansehen, Macht sogar, auch für einen kleinen hausierenden und herumschnorrenden Juneen. Wovon sollte er sonst träumen, wenn nicht von Geld? Der kleine Torlonia mußte hausieren, mußte huneern und schachern, und er hausierte sich von Siena bis Rom durch, wurde Fremdenführer und Handwerker und Vermittler in tausend kleinen Geschäften und wer weiß, was sonst noch. Aber so klein und niedrig er noch ist. hat er schon die untrügliche Nase für die großen Gelegenheiten der Zeit. Er witterte den großen sozialen Umsturz, der Vermögen zerstörte und neue aufbaute. Die französische Revolution war am Ausbruch. Er spekulierte auf den Sturz des französischen Franken — und er ist plötzlich B a n k i e r. Im päpstlichen Rom ist natürlich alles dem französischen Umsturz feindlich. Er aber, unerschrocken, erkennt hier als erster und anerkennt die neue große Macht, verdient in ieder Art an ihr und setzt auf sie, laßt sich mit ihnen politischen Agenten ein, riskiert mancherlei.aber nie sein stürmisch wachsendes Vermögen. Jung ist er noch, knapp 35 Jahre, da steht er mit seiner kleinen Bank schon auf beträchtlicher Höhe. Nun kann man wohl einen Augenblick Atem holen in der Hetziaed na^h Geld. Der wohlsituierte Bankier Torlonia kann schon dem Papst, während der Invasion der Franzosen und

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