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Die Wahrheit · 1929-05-17 · Heft 20 (17.5.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 20 (17.5.1929)
Date
1929-05-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Oroschen Ißxkawhrilt Vertffe*f&A«a|«i 4et „Unfern dctttodiösferr. Jftdenf «oife» Jbnttichc« VgUutb«nia|m^Brhraritftidiit» -gggi;mwmi4;uimtiutuuittigauüiiflHiimpflnnminaiaiBfl Redaktion und Administration: Wien IL, HeinestraÄe Mr. IS — TeUffcon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 17. Mai 1929 Nummer 20 Jüdischer Antisemitismus, Von Binjamin Segel. In der letzten Zeit ist der jüdische Antisemitismus üppig in die Halme geschossen und es wird notwendig sein, dieser krankhaften Erscheinung eine genaue Analyse zu widmen. Vorläufig lohnt es sich, die jüngste Frucht dieses Giftbaumes näher ins Auge zu fassen. In den letzten Monaten prangt in den Schaufenstern aller vornehmen Wiener Buchhandlungen ein zweibändiges Buch von Riesendimensionen, eine Sammlung glitzernder, geistreicher Feuilletons, betitelt Kulturgeschichte der Neuzeit von Egon F r i e d e 11. Es ist mit großer Aufmachung herausgegeben, verschwenderisch gedruckt, protzig gebunden und kostet eine Stange Qold. Das alles ist Grund genug, daß das Buch auf dem Boudoirtisch keiner reichen jüdischen Dame fehle, die ihre dem Rummy abgerungene freie Zeit dazu verwendet, um in der neuesten Literatur zu blättern, zumal da der Verfasser Egon Friedell (ne Friedmann) ein Wiener Schauspieler ist, von dem eine offenbar auf den Absatz seines Buches hinzielende Reklamenotiz seinerzeit versicherte, er werde demnächst berufen sein, in Berlin auch größere Rollen zu spielen. In einer derartigen Rolle hat er sich derweil schon versucht, in der Rolle eines Judentöters. Wenn nämlich die Ehemänner dieser Damen diesmal ausnahmsweise in die auf den Boudoirtischen und Kanapees ihrer Gattinnen herumliegende Prachtbandliteratur einen Blick zu werfen geruhten, so könnten sie in dem mit reicher Goldpressung versehenen Geistesprodukt, von dem die Rede ist, Dinge entdecken, die ihnen klar machen würden, woher in den „Kreisen von Bildung und Besitz" die steigende antisemitische Strömung kommt, die ihnen das Leben und die Arbeit verleidet, woher in ihre eigenen Häuser diese Gesinnung sickert, welche die Familien zersetzt, die Verständigung zwischen der neueren und der älteren Generation unmöglich macht, das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern vergiftet, jede Ehrfurcht zerstört und jenen Nihilismus großzieht, den die christliche Umwelt als ein charakteristisches Merkmal der jüdischen Jugend und als eine steigende Gefahr für Staat und Gesellschaft ansieht. Der Verfasser läßt sich in mehreren Exkursen über Juden und Judentum aus. Einige davon seien zur Erquickung der Seelen hierher gesetzt. Die an den Juden während des schwarzen Todes verübten Greuel und Metzeleien rechtfertigt er folgendermaßen : „Das Volk aber hatte niemals vergessen, daß es die Juden waren, die den Heiland getötet hatten; und wenn einzelne milddenkende Prediger einzuschärfen versuchten, daß man für diese Schuld nicht alle Nachkommen verantwortlich machen dürfe, so lag der Einwand nahe, daß die Judenschaft bis zum heutigen Tag das Evangelium verleugne und sogar insgeheim befehde; und in diesem in der Tat ungeheuerlichen Faktura, daß unter allen Kulturvölkern des Abendlandes das kleinste, schwächste und verstreuteste sich als einziges dem Lichte des Christentums hartnäckig entzogen hat, vermochte man sich in damaliger Zeit noch nicht psychoanalytisch abzufinden. Dazu kam noch die wirklich hartnäckige Bedrückung durch den jüdischen Wucher. Die Juden waren die einzigen., denen ihre Religion das Zinsnehmen nicht verbot. Ja. es war in ihren Augen verdienstlich, den „Goj" möglichst zu schädigen. In dem Kapitel über Luther kommt er auf „Jehova indelebilis" zu reden: Die Wurzel jener großen Verzweiflung, die Luther damals zu Boden drückte, und fast zu vernichten drohte, war die Angst vor Gott und seinem Gesetz. Es war dieselbe furchtbar aufwühlende Frage, die auch Paulus gepeinigt hatte, als er noch Pharisäer war: Wie kann ich den Zorn Gottes vermeiden, wie seinen Eifer und seinen so strengen, fast unerfüllbaren Geboten Genüge tun? Es war, wie man sieht, der Judengott, der Luther so entsetzlich schreckte. Wieder einmal wurde ein wahrhaftiger, für Kompromisse und Zweideutigkeiten nicht geschaffener Mensch durch jene schauerliche Paradoxie in Verwirrung gebracht, die durch das ganze Christentum geht, jenen ungeheuren Riß, den zu verkleistern bereits fünfzig Menschengenerationen vergeblich ihren Scharfsinn, ihr Wissen und ihren Glauben aufgeboten hatten: er besteht darin, daß man einem rein national gedachten, nur den Interessen seiner Landsleute zugewandten, jede Konkurrenz unversönlich verfolgenden harten und herrischen Firmenchef, wie es der Judengott ist, mit Gott zu identifizieren suchte. Etwas ähnliches hatten ja auch schon die Stoiker unternommen, indem sie behaupteten, Gott sei nichts anderes, als der vergeisterte Zeus. Das eine ist so blasphemisch, wie das andere. Ganz folgerichtig erklärten denn auch die Marcioniten, die klarsten und schärfsten Denker unter den früheren Christen, es existieren zwei Gottheiten, nämlich der „Demiurg", der die Welt geschaffen habe (unter „Welt'" verstanden sie „Juden", und erklärten daher den Weltkörper für etwas bösartiges) und den „höchsten Gott", der zur Erlösung von der Welt seinen Sohn gesandt hatte. Sie empfanden ganz richtig, daß, wenn man sich schon nicht entschließen könne, den Judengott ganz zu leugnen, wie irgend einen anderen Volksgott, die einzige logische Möglichkeit in der Annahme der Zwei-Götterei bestehe, eine Art Dualismus nach persischem Vorbild, wobei der Judengott natürlich den Gott der

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