Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 0 schaftliche Werke, weil der Autor von einer gewissen Clique verfemt ist, ohne Quellenangabe seitenlang verwertet wurden, höchstens daß man einen Schreib - oder Druckfehler gewissenhaft in einer Fußnote anmerkte. Manches Buch wurde marktschreierisch angepriesen, das in Wirklichkeit geradezu ein Plagiat darstellt. Wir besitzen solche Machwerke über Lokalgeschichte, Erfinder u. a. Vor kurzem wollte, um diese literarischen Abwege an Beispielen zu beleuchten, eine jüdische Gemeinde in Deutschland ihr 250jähriges Jubiläum durch Herausgabe einer Festschrift begehen. Sie betraute mit der Abfassung einen Fachmann. Als der Vorstand an die Veröffentlichung der Festschrift schreiten wollte, erschien plötzlich aus der Feder eines Beamten dieser Gemeinde eine andere Festschrift, die natürlich mit keinem Worte die Arbeiten jenes Fächmannes erwähnt. Und in Fortsetzung dieser wenig ritterlichen Taktik läßt derselbe Beamte im letzten Heft der Blätter für jüdische Familienkunde einen Beitrag erscheinen, in dem er jenen Fachmann, der gerade den betreffenden Gegenstand wiederholt behandelt hat, wieder totschweigt. Diese Methode des Totschweigens als politisches Kampfmittel genügt aber manchen Helden der Feder nicht. Man führt bereits, wenn man mit der Herausgabe einer Zeitschrift beginnt, in der Voranzeige, als Beweis für die Unentbehrlichkeit des eigenen Organs, als Tatsache an, daß die und die Zeitschrift ähnlichen Arbeitsgebietes bereits eingegangen sei, obwohl diese andere Zeitschrift sich eines gesunden Daseins erfreut. Wir verzichten darauf, diesen neuen Kurs, den gewisse Kreise belieben, des weiteren zu charakterisieren, müssen aber dazu Stellung nehmen, weil wir durch dieses System, Autoren, denen man Notizen u. a. abbettelt, hinterdrein totzuschweigen und an auffallender Stelle zu übergehen, selbst in Mitleidenschaft gezogen wurden. In unsere letzte Nummer ist durch ein Redaktionsversehen eine Notiz eingedrungen, die das Sammelwerk über die Juden Mährens betrifft und „L. M." gezeichnet ist. Unter den Mitarbeitern wird der Name des Herrn Rabbiners Dr. Grunwald unterdrückt, obwohl. von diesem Autor nicht nur ein größerer Beitrag in dem genannten Werke erschienen ist, sondern er ausdrücklich auf der ersten Seite unter den Chefredakteuren angeführt wird. Von einem Mitarbeiter an diesem Werke hierauf aufmerksam gemacht, bedauern wir das Versehen und erklären wir, daß mit solchen Machenschaften die „Wahrheit" ebensowenig zu tun haben will, als sie der Wahrheit die Ehre geben. „Was nicht in den Akten, ist nicht in der Welt." Nach diesem Grundsatz hat man schon manchen Akt verschwinden lassen, um Verbrecher der gerechten Strafe zu entziehen. Wir wollen aber, wie wir jedem literarischen Freibeuter- und Falschmünzertum entgegentreten, an diesem Kesseltreiben des Totschweigens uns nicht mitschuldig machen. In literarischen Dingen aber sollte die Schriftstellerehre empfindlicher sein. Wir hoffen mit dieser Anprangerung der Wahrheit und Gerechtigkeit einen Dienst geleistet und vielen unserer Leser eine Genugtuung geboten zu haben. Vor dem Eindringen unlauterer Methoden und Elemente muß gerade die jüdische Schriftstellerei sich hüten, die genug unter solchem Unwesen in feindlichen Kreisen zu leiden hat. „Deutsch-jüdische Probleme der Gegenwart." In der Hauptversammlung des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im Frühjahr 1928 hat der Direktor des Vereines Ludwig Holländer ein Referat über das Thema: „Abwehrverein oder Gesinnungsverein?" gehalten. Auf einstimmigen Wunsch der Versammlung wurde die Drucklegung dieses Vortrages beschlossen*). Probleme, die in der Zwischenzeit über die Lebensfragen der deutschen Judenheit aufgetaucht sind, haben Ergänzungen des Vortrages erfordert, der nun unter dem obigen Titel im Druck erschienen ist. Diese kleine Broschüre ist zu den bedeutendsten Veröffentlichungen zu zählen, die über die Grundfragen des deutsch-jüdischen Lebens erschienen sind. Wer das Wirken Ludwig Holländers, vor allem im letzten Jahrzehnt, aufmerksam verfolgt hat, wer seine Reden gehört, seine Schriften gelesen hat. der mußte erkennen, daß er zu einem der tiefschürfendsten Wahrheitssucher geworden ist, den das deutsche Judentum seit Eugen Fuchs aufweist. Auch an die Spitze seines neuen Werkes gehört der Satz, den der Verfasser bescheiden an den Schluß setzt: „Arbeiten wir daran, klar zu denken! Das ist der erste Grundsatz einer moralischen Geltung. Das heißt: Bemühen wir uns einmal, all das, was rein suggestiv auf uns wirkt, auszuschalten, klar die Dinge zu sehen, wie sie sich wissenschaftlich dem Wahrheitssucher darstellen und fällen wir so unsere Entscheidung." Es ist gewiß nicht leicht, leidenschaftslos gerade die Probleme, die von den heftigsten Kämpfen umtobt sind, darzustellen, und ganz sicherlich ist es erst recht nicht leicht für den, der mitten in diesen Kämpfen steht. Der beste Beweis dafür, daß Holländer diese Aufgabe gelungen ist, ist die Tatsache, daß er auch die Ueberzeugung des Andersdenkenden anerkennt; er stellt nur die Gegensätzlichkeit der Meinungen fest, begründet sie und erläutert dann allerdings mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, wann und warum ein Zusammengehen nicht möglich ist. Dabei handelt es sich um ein sehr kompliziertes Problem. Die Synthese zwischen Deutschtum und Judentum zu lösen, ist eine viel schwierigere Aufgabe als z. B. ein glattes Nationaljudentum. Schon die Erkenntnis des Begriffes „Judentum" ist nicht leicht zu finden. Es dürfte eines der bedeutendsten Verdienste dieser Schrift sein, daß sie mit aller Klarheit den Satz aufstellt: Das „Judentum" war und ist niemals ein so eindeutiger Begriff, daß es mit der Bezeichnung als religiöses Bekenntnis erschöpfend zu kennzeichnen wäre, es setzt sich vielmehr aus einer Reihe von geschichtlichen, gesellschaftsgeschichtlichen Momenten zusammen, die durch religiöse Gesichtspunkte verbunden sind. Ihnen haben sich Gesichtspunkte der Stammesgemeinschaft, der Schicksaisgemeinschaft zugesellt. Sie alle, verbunden noch mit manchen anderen kulturellen Erscheinungen, machen den inneren seelischen Bestandteil derjenigen Menschengruppe aus, die sich heute Juden nennen. Wenn so in Wahrheit das Judentum erkannt und sein unvergänglicher Kern herausgeschält wird, so kann auch hinsichtlich seiner Zukunft keine Schwarzseherei obwalten. „Wenn wir im Sinne unseres Ideals arbeiten, indem wir immer wieder durch Verbreitung unserer Anschauungen nicht einen auf Phrasen gegründeten, sondern in der Gesinnung vertieften Stolz erzeugen, wird auch innerhalb unserer deutsch-jüdischen Welt die Lust zu leben und Leben zu geben, sich steigern." Zum Schluß setzt Holländer sich noch mit dem Keren Hajessod und dem Palästina-Problem auseinander. Durch Palästina kann die Judenfrage nicht gelöst werden. Wer mit Leidenschaft diese Dinge in die Debatte wirft, überschätzt ihre Bedeutung. Deshalb möge man durch sie unsern Blick nicht von wichtigen Aufgaben ablenken lassen. In dieser Besprechung konnten natürlich nur wenige Gedanken aus der wirklich inhaltsschweren Arbeit herausgegriffen werden. Dieses Wenige genügt aber vielleicht, um zu zeigen, daß es sich in der Tat um eine grundsätzliche Auseinandersetzung über die Probleme handelt, die jeden deutschen Juden bewegen müßten, der nach Klarheit ringt. Dr. Kurt Alexander (Krefeld). *) Ludwig Holländer: „Deutsch-Jüdische Probleme der Gegenwart. Eine Auseinandersetzung über die Grundfragen des Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Philo-Verlag. 1929.