Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 * msmmmasmmm DIE WAHRHEIT KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTENJ JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERfl/lNN EBENSP/INQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 eingedenk dessen bleiben, daß gerade Georg Schönerer es war, der, wie glücklicherweise auch gerichtsordnungsmäßig für alle Zeiten festgestellt wurde, dafür gesorgt hatte, der Rassentheorie eine furchtbare Wunde zu schlagen. Schönerer war bekanntlich zu Beginn seiner politischen Karriere nicht der Mann, als der er sie beendete. So wie er es einst für höchst ehrenvoll gefunden, gemeinsam mit dem ihm politisch nahestehenden, aber stolz sein Judentum bekennenden Dr. Friedjung das Linzer Programm auszuarbeiten, so hatte er noch früher offenbar der Stammbaumschnüffelei so wenig Wert beigemessen, daß er eines Tages anläßlich eines Ehrenbeleidigungsprozesses vor eine katastrophale Entdeckung gestellt werden konnte. Der gegnerische Advokat hatte den Beweis erbracht, daß die Gattin Schönerers, eine vornehme, selbstverständlich allgemeiner Hochachtung sich erfreuende Dame, unter ihren Ahnen einen unverfälschten — Schmui Leeb Kohn zähle. Wenn neben den schon genannten Göttern und der Wissenschaft auch noch die gesunde Vernunft in dem öffentlichen Leben Oesterreichs eine dominierende Rolle spielten, müßte man eben in Oesterreich Georg Schönerer als den Helden feiern, der den Rassenantisemitismus ad absurdum führte. Man erinnert sich, daß seinerzeit Schönerer in einem Bilde als der Ritter Georg, der den Lindwurm tötet, dargestellt wurde. Er hätte verdient, im Kreise der Seinen als der Ritter ohne Furcht und Tadel porträtiert zu werden, der dem Scheusal Rassenantisemitismus den Garaus macht, während der gottselige Schmui Leeb Kohn dazu lächelt. * * $ Die hakenkreuzlerische Presse in Oesterreich hat sich, wie es scheint, die Vorwürfe, daß sie immer nur von den Juden sprechen und, was auch in der Welt sich ereigne, auf jüdischen Einfluß zurückführten, zu Gemüte genommen. In den begeisterungstrunkenen Artikel zur Begrüßung des „Zeppelin" hat kein hakenkreuzlerisches Blatt auch nur ein Wort darüber verloren, daß der Grundplan, auf den Graf Zeppelin sein Werk aufbaute, von dem Juden Schwarz herrührte. Es war auch keine Spur einer Andeutung zu lesen, daß die Hünefeld und Eckener, deren ruhmgekrönte Namen im Munde aller sind, — Judenstämmlinge sind. Wie gesagt, die hakenkreuzlerische Presse zeigt, daß sie nicht unbelehrbar ist, und spricht nicht immer von den Juden. * * * In einer Grazer Versammlung der Universitätshörer, der auch der Rektor Magnificus Martinak beiwohnte, johlten die hakenkreuzlerischen Studenten: „Juden hinaus!" Eine sozialdemokratische Studentin hatte den Mut, den Herrn Rektor aufzufordern, das Hausrecht aller Studenten zu wahren. Der Herr Rektor hatte den Mut, der Studentin nahezulegen, daß sie sich mit diesem Ansinnen an den — hakenkreuzlerischen Studenten wenden möge, der den Vorsitz führte. Worauf die in übergroßer Mehrheit sich befindenden antisemitischen Studenten den noch imponierenderen Mut aufbrachten, die jüdischen Studenten mit Gewalt aus dem Saale zu drängen. Wer aber wagt nach den Vorgängen, die seit Jahr und Tag den österreichischen Universitäten ihren Stempel aufdrücken, zu hoffen, daß sich endlich ein so kurioser Unterrichtsminister finden könnte, der Professoren und Studenten beibringt, daß die Universitäten zur Pflege der Wissenschaft und nicht zur Förderung des Antisemitismus dienen sollten? Der italienische Staatssekretär Grandi hat als Mussolinis hervorragendster Mitarbeiter und Vertreter in Ungarn eine enthusiastische Aufnahme gefunden. Graf Bethlen hat in einer von Rührung und Begeisterung überfließenden Rede eine lange Reihe von Rechtstiteln aufgezählt, die Italien die unvergängliche Dankbarkeit Ungarn sichert. Italien hat in der Tat unendlich viel für Ungarn geleistet und jeder patriotisch fühlende Ungar wird mit Freuden an dieser Dankesschuld partizipieren. Nur für eines hat der ungarische Ministerpräsident seltsamerweise seinen Dank auszusprechen vergessen: nämlich für die außerordentliche Güte und Hilfsbereitschaft, die die italienische Regierung jenen ungarischen Studenten (jüdischer Konfession) angedeihen ließ, die, um ihren Wissensdurst zu befriedigen, zum großen Teile sich an die italienischen Universitäten flüchteten. Ego. Ein neuer Schriftstellerkurs? Vor einiger Zeit führte einer unserer Wiener Historiker in einem jüdischen Wochenblatt Beschwerde darüber, daß man neuerdings in der jüdischen Schriftstellerei dem Unfug begegne, wissenschaftliche Arbeiten öffentlich zu verwerten, ohne Quelle und Autor zu nennen. Diese Klage und Anklage war ebenso berechtigt wie begründet. Lautet doch eine alte jüdische Lehre: „Wer gewissenhaft* mit Namensnennung zitiert, bringt die Erlösung in die Welt." Verständlicher wird dieser Ausspruch in negativer Fassung: „Wer gegen die Gewissens- und Anstandspflicht verstößt, dem Verdienst seine Krone zu lassen, einem Forscher sein geistiges Eigentum nicht zu entwenden, sein Verdienst nicht zu unterschlagen, sondern es mit Dank oder doch zumindesten mit Anführung seines Namens zu gebrauchen, der verlängert das Golus mit all den unliebsamen Erscheinungen, unter denen wir zu leiden haben." Wir haben es erlebt, daß anerkannte wissen- Doktor der Philosophie (für Mittelschulen geprüft) empfiehlt sich den verehrlichen Gemeinden als Religionslehrer. Gefällige Zuschriften erbeten unter „Beste Referenzen" an die Verwaltung des Blattes.