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Die Wahrheit · 1929-05-10 · Heft 19 (10.5.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT des Stromes den gesuchten Tod fand. Es ist bekannt, daß der Glaubenseifer und der religiöse Fanatismus der Geistlichkeit gar oft und gern die Gelegenheit ergriff, am Juden ein Exempel zu statuieren, um ihn „ad majorem dei gloriam" dem Martertode preiszugeben! Nicht anders verfuhren die weltlichen Machthaber und zahlreich sind die Beispiele despotischer Grausamkeit und frevelhaften Uebermuts. In steter Angst um Leben und Gut verbrachte in jener Zeit der Jude den Tag, denn die Parole zum Sturm der Judenstadt war leicht gefunden. Eine umfangreiche Literatur, als deren lesenswertestes Buch wir die im Brandeisschen Verlag erschienenen „Sippurim" bezeichnen möchten, gewährt Einblick in jene Zeit der Intoleranz und dejr Judenverfolgung. Das ehemalige Ghetto, die Josefstadt, die, nunmehr niedergerissen, einem neuen Stadtteil weichen mußte, hinterließ uns nur wenige Denkmäler der jüdischen Geschichte, und zwar die berühmte Altneuschul, in deren Innerem die Fahne verwahrt wird, die den Juden für die tapfere Verteidigung der Hungermauer gegen die Schweden verliehen ward, das alte jüdische Rathaus mit der Uhr, deren Ziffern in hebräischen Buchstaben ausgedrückt sind, und der uralte Friedhof mit seinen Grabmonumenten, darunter dasjenige des hohen Rabbi Low. Ein ganzes Stück jüdischer Geschichte, jüdischen Lebens und Leidens verfiel dem Spaten, ist ausgelöscht für immer. Ende des 19. Jahrhunderts lebten die Juden der Stadt Prag, natürlich wie überall in der zivilisierten und aufgeklärten Welt, im Genuß aller Rechte des freien Staatsbürgers und ihre Daseinsfreude wurde nur getrübt durch die Agitation des Antisemitismus, der zu jener Zeit mächtig Wurzel schlagen konnte. Hoch gingen die Wogen des politischen Kampfes unter der Aera des Grafen Taaffe. Die Christlichsozialen unter der Führung Luegers und des Prinzen Alois Liechtenstein waren ebenso ausgesprochen judenfeindlich wie die Deutschnationalen Schönerers, dieses blindwütigen Hetzers, dem ob seiner Exzesse der Adel aberkannt wurde. Die Tschechen lagen in starker gegenseitiger Fehde; die Jungtschechen unter Herold und Gregr, die Alttschechen unter Riegers Führung. Beiden Parteien galt der Jude mit Recht als Bannerträger des Deutschtums. Die Sozialdemokratie unter Pernerstorfer führte einen harten Kampf um ihre Selbstbehauptung, konnte sich deshalb nicht der Juden annehmen. Den übrigen Gruppen und Grüppchen, als da waren: Slowenen, Kroaten, Serben, der Polenklub, der Klub der Hochfeudalen war der Juden Schicksal Hekuba. Blieben also nur die ins Hintertreffen geratenen Liberalen, deren Wortführer Kronawetter war, die sich der Juden annahmen. Man kann sich also von der Lage der Juden zu damaliger Zeit selbst ein Bild machen. War schon das Wiener Parlament zuweilen ein Schauplatz wüstester Kämpfe und Tumulte, so mag man ermessen, wie es in Prag, wo diese Zustände durch die lokalen Verhältnisse noch eine Verschärfung erfuhren, aussah! In diesem Wirrwarr der parteipolitischen Kämpfe, in diesem Tohuwabohu bildete das Geschäftslokal des bekannten Verlagsbuchhändlers Jacob B. Brande i s einen ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht. Dieser am Altstädter Ring gelegene Buchladen war das geistige Zentrum des jüdischen Prags. Hier gaben sich die Prominenten der damaligen Zeit ein Stelldichein. Man erblickte dort die bekannten Professoren Kämpf, Grün, die hervorragenden Juristen Duschenes, Zalud und Bendiner, den bekannten Ghetto-Schriftsteller Salomon Kohn und andere große Männer der damaligen Zeit. Hier weilte auch Karpeles, wenn er zu einer Vortragsreise nach Prag kam. Brandeis selbst, eine bedeutende Persönlichkeit, der in seiner Gemeindezeitung mit Feuereifer die Interessen des Judentums verfocht, erfreute sich großen Ansehens und Beliebtheit. Er schuf sich ein Denkmal im Herzen der Prager Juden. Mit seinem Tode endete eine bedeutsame Epoche des jüdischen Prags. _ John Jacobsohn. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Die Budgetdebatte des Kultusvorstandes wurde Montag, den 29. April, in später Nachtstunde beendet-. Sie stand heuer unter keinem besonders günstigen Stern. Die Zerrissenheit der Diskussion, durch die viermalige Vertagung der Sitzungen auf den Zeitraum von 4 Wochen bedingt, hat die Debatte sicherlich in ungünstigem Sinne beeinflußt. Auch inhaltlich haben wir in der Wiener Kultusgemeinde schon auf höherem Niveau stehende Budgetdebatten zu hören bekommen. Wir wollen wohl gerne zugeben, daß manche Anregungen der Redner der zionistischen PseudoOpposition, wenn sie auch nicht allzu neu waren, zu beherzigen wären. So haben insbesondere die Zionisten Prof. Moses Rath und Dr. Isidor Kl ab er in ihren Budgetreden Wünsche geäußert, die gewiß einer Durchführung zugeführt werden sollten. Aber in allen diesen Reden war immer wieder der Grundgedanke zu vermissen, auf welche Weise in der jetzigen wirtschaftlichen Situation der Gemeinde eine Verwirklichung dieser Pläne stattfinden könnte. Da fehlte es den sonst so wortreichen Rednern an fruchtbringenden Ideen. Und so mußten sie denn schließlich alle dem Sparsystem des Finanzreferenten zustimmen, das dieser von nun ab in der Gemeinde eingeführt sehen will, um dieselbe aus der trostlosen Lage, in der sie sich jetzt befindet, zu retten. Einen besonders wohltuenden Eindruck hat in der Spezialdebatte die Rede des Zionisten Dr. Hermann Körner zum Kapitel „Fürsorge" gemacht. Ganz abweichend von der sonstigen Uebung seiner Klubkollegen hat er, statt zersetzende Kritik zu üben, in anerkennender Weise von den hervorragenden Institutionen der Wiener Gemeinde, die., wie Dr. Körner aus persönlicher Erfahrung weiß, auch im Auslande gelobt werden, so Spital, Versorgungshaus, Kinderambulatorium, Jugendgottesdienst usw., gesprochen und der Hoffnung auf eine gemeinsame Arbeit aller Parteien in beredten Worten Ausdruck gegeben. Seine vielbeachtete Rede übte solch nachhaltigen Eindruck aus, daß seitens der Mehrheit Baurat Wilhelm Kempler Herrn Dr. Körner für seine freundlichen Worte der Anerkennung herzlich dankte. * * — * Wenn wir nun die Haltung der „werktätigen" Juden bei der Spezialdebatte ins Auge fassen, so müssen wir diesen Bericht nach den Ereignissen, die sich in deren Klub abgespielt haben und über die wir neuerlich an anderef Stelle sprechen, eigentlich in zwei Teile gliedern. Wohl ist von den Poale-Zionisten, wenn sie auch viel gesprochen haben, nicht viel zu vermelden. Mendel Singer scheint sich zu einem ganz würdigen Partner seines Genossen Dr. Rudolf Glanz auszubilden. Seine Reden sind gerade so lang wie die theoretischen Betrachtungen des Herrn Dr. Glanz und ebenso — gut. Gegenüber seinen Auslassungen war die sachliche Art der Budgetrede des „werktätigen" Bezirksrates Wilhelm Hirschfeld recht wirksam. Im übrigen konnten wir feststellen, daß die „Werktätigen" entgegen der Ankündigung des Herrn Singer nicht gegen das Budget gestimmt haben, sondern sich lediglich der Stimme enthielten. Vielleicht ist diese ihre Haltung ein Ausfluß der Streitigkeiten in ihrem Klub. * * * Die Mehrheit im Kultusvorstande beschränkte sich nach dem ausgezeichneten Referate des Finanzreferenten Reg.^Rat

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