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Die Wahrheit · 1929-11-29 · Heft 48 (29.11.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 48 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 rtttumümmri Dffi WAHRjffiÜ Wakd%eitetivcn%%g^ Der tote „Tiger**. Der große Politiker, der Jahrzehnte hindurch das Schicksal der französischen Republik gelenkt hat, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Wir Oesterreicher, und damit auch wir österreichischen Juden, können seiner nicht mit besonderer Begeisterung gedenken. Wir erinnern uns der Friedensverhandlungen, in denen Clemenceau, nicht mit staatsmännischer Klugheit, sondern mit seniler Verbohrtheit, nicht für die Zukunft bauend, sondern in Vergangenheit wühlend, ein Mann des Hasses, ein Fanatiker der Bosheit, das neue Europa aufrichtete. Er terrorisierte die Friedenskonferenz, er schrie den „Schwärmer" Wilson, den amerikanischen Professor des Pazifismus nieder, er spie Blut und tobte Eisen. Und er schuf ein Oesterreich, das ein Zerrgebilde war und blieb. Aber unvergessen wird dem Toten seine tapfere Haltung in dem denkwürdigen Dreyfus-Prozeß bleiben. Clemenceau war aus dem Parlament gegangen, sein gesprochenes Wort verstummte, nicht sein geschriebenes. Da begann, Jahre danach, die Affäre Dreyfus. Unter den ersten, die in dieser Sache des ungerecht verurteilten jüdischen Hauptmannes höhere Werte erkannten als nur ein persönliches Schicksal, war Clemenceau. Im langen Lauf dieses Lebens ist das die reinste, die heroischeste Episode. Vier Jahre lang schrieb Clemenceau einen täglichen Leitartikel in der neuen Tageszeitung „Aurore", jeder eine messerscharfe kriminalistische Untersuchung oder ein flammender Aufruf für die Gerechtigkeit oder ein' Säbelhieb für einen, den er aus der gegnerischen Herde heraushob, kein einziger gleichgültig oder die Linie der vierjährigen Beweisführung im Riesenprozeß verlassend. Sie sind alle gesammelt worden und später erschienen: ein einheitliches Werk, dessen Bedeutung im Befreiungskampf der Geister bleibt, wenn die Tragik des aktuellen Ereignisses selbst verblaßt sein wird. Mit Emile Zola und Jaures war Clemenceau der große Werkmeister in dem Prozeß, der hier zum erstenmal seit Menschengedenken den Antisemitismus in seiner ganzen nackten Erbärmlichkeit den Völkern gezeigt hat. Allen Völkern, nicht nur den Franzosen! Hoch die Rassenreinheit! In der Vorwoche kam es noch einigemal in P r a g zu wüsten Studentenkrawallen, denen immer die Polizei ein trauriges Ende bereitete. Bezeichnend für die Ziele, die die Studentenbewegung angenommen hat, ist die von den tschechischen Medizinern angenommene Resolution. Es wird gefordert, daß die Zahl der Ausländer nicht mehr als fünf Prozent der gesamten Hörerschaft an den tschechoslowakischen Hochschulen betragen dürfe. Die ausländischen Studenten sollen bei der Inskription einen Revers unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, in der Tschechoslowakei keine ärztliche Praxis auszuüben, auch wenn sie nachträglich die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft erlangen sollten. Die Maturitätszeugnisse ausländischer Studenten seien genau zu überprüfen. Alle Ausländer hätten eine Prüfung in der tschechischen Sprache abzulegen. Für sämtliche tschechoslowakischen Hochschulen, also auch für die deutschen, sei die tschechische Sprache bei allen Prüfungen und im Verkehr mit allen Staatsämtern als Amtsprache festzusetzen. Alle Lehrstellen seien nur mit tschechoslowakischen Staatsangehörigen zu besetzen. Die Nostrifikation ausländischer Diplome sei unter allen Umständen abzulehnen. Zu diesen famosen Forderungen kann man nur eines sagen: Der Numerus clausus ist ein eigenartig Ding, er riecht nur von der Ferne nach irgend einer Ueberzeugung. In Wahrheit erstreben ihn alle, die sich von der Entwicklung überrannt fühlen. Man traut sich nicht recht „Nieder mit der Konkurrenz!" zu rufen, darum schreit man lieber „Hoch die Rassenreinheit". * Bei einer Protestversammlung in Prag gelangte die folgende Zuschrift Max Brods zur Verlesung: Gegen den Numerus clausus und gegen alle rohe Gewalt haben sich in der Welt des Geistes so viele Stimmen erhoben, daß nicht daran zu zweifeln ist, wie heftige Mißbilligung die letzten Prager Ereignisse bei allen gerecht Denkenden finden müssen. Den jüdischen Studenten rate ich, sich durch die ihnen angetane Beleidigung nicht zu Unbesonnenheiten hinreißen zu lassen und den Kampf in würdigen legalen, akademischen Formen zu führen. Sie haben dabei die wärmsten Sympathien aller auf ihrer Seite, denen Freiheit des Lernens ein Heiligtum, Bürgschaft des Fortschritts bedeutet. Wahre Geschichte. In einem Kolleg der Wiener Universität saßen ein lernfroher' Student neben einem färben- und Hakenkreuz tragenden Verbindungs-Burschen. Der wirkliche Student machte fleißig Notizen, der andere saß gelangweilt da, wartete wohl nur auf einen der beliebten Krawalle. Plötzlich wandte sich der Studierende an seinen „schlagenden" Nachbarn und sagte freundlich: „Bitf Sie, Herr Kollega, borgen S' mir auf einen Moment Ihren Gummiknüppel, ich muß da etwas ausradieren." („Der Morgen.") Unverantwortliche Hetze. Während de Bemühungen aller verantwortungsbewußten Faktoren in diesem Lande dahin gehen, beruhigend auf die Oeffentlichkeit einzuwirken, wird von einem Teil der Presse noch immer eine unverantwortliche Hetze betrieben. In der vorigen Woche wurde bekanntlich auf den Land- Lederhandschuhfabrik Josef, cKasÜng&c L, Rotenturmsfraße 23 Telephon U 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40

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