Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 48 (29.11.1929)
- Date
- 1929-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite $ tagsabgeordneten Koloman Wal lisch in Bruck an der Mur ein Revolveranschlag verübt. Glücklicherweise bohrten sich die Projektile nur in die Haustüre und trafen nicht. Wie immer man zu der Persönlichkeit des Bedrohten stehen mag, allgemein, so sollte man wenigstens glauben, müßte die Verurteilung des Anschlages sein, allgemein die Erkenntnis, daß es nicht angeht, daß junge, politisch verhetzte Burschen, die geladene Steyrpistole in der Tasche, nachts herumlungern, mit einem politischen Gegner anbinden und als Abschluß des Rencontres ein Plänkelfeuer gegen die Haustüre des Ueberfallenen eröffnen, hinter der er eben verschwunden ist. Wie gesagt, man sollte glauben, daß die Entrüstung über solches Tun eine allgemeine wäre. Dem ist aber keineswegs so. Die hakenkreuzlerische „Dötz" beispielsweise schreibt unter dem Titel: „Hört an, die Murit a t v o n B r u c k . . .!": „Es handelt sich um einen ganz läppi.schen Vorfall, den Wallisch in seiner Angst selbst verursacht hat. Ein ganz gewöhnlicher Trunkenheitsexzeß liegt vor, nichts anderes. Die drei jungen Arbeiter, die geschossen haben, waren derart betrunken, daß sie überhaupt noch nicht richtig einvernommen werden konnten . . ." usw. Eine solche Schreibweise, die sonst nur wir Juden bei der „Dötz" gewohnt sind, ist wohl geeignet, radaulustige, verantwortungslose Elemente zur Nachahmung aufzumuntern. Es wäre wirklich an der Zeit, die Unverantwortlichen in allen Lagern in die Schranken zu weisen. Ein jüdischer Regimentskommandant. In Brünn ist am 20. November der Generalmajor des Ruhestandes Karl Schwarz gestorben. Schwarz hat die Zeit nach dem Umsturz in Brünn verbracht, wo er seinerzeit als junger Oberleutnant Lehrer an der Kadettenschule war. Er war in der alten österreichischen Armee einer der glänzendst beschriebenen Offiziere und brachte es als ganz Vereinzelter zum Oberst-Regimentskommandanten, trotzdem er Jude war. Im Jahre 1907 war er in den Ruhestand getreten. Der Anlaß hiezu war ein für Alt-Oesterreich typischer. In seinem Regiment diente ein Erzherzog, der als Offizier den normalen Ansprüchen so wenig genügte, daß sich Schwarz intensiv um dessen Transferierung bemühte. Die Folge war, daß Schwarz in den Ruhestand treten mußte, wogegen der Erzherzog in seinem Avancement keine Störung erfuhr. Bei Kriegsausbruch meldete sich Schwarz sofort zur aktiven Dienstleistung und bewährte sich mehrmals als Brigadekommandant außerordentlich. Auf Grund seiner großen Erfolge sollte er in den Adelsstand erhoben werden. Dabei war der Erwartung Ausdruck gegeben, er werde seinen Glauben aufgeben. Schwarz erklärte, erleg ekeinen Wert auf den Adelstitel; er sei als Jude General geworden und wünsche seinen Glauben nicht zu ändern. „Bodenständisch/4 In der Oktoberausgabe ihres offiziellen Organs gibt die Genossenschaft der Wäschewarenerzeuger Nachricht, daß sie in einer Eingabe an die Handelskammer gegen die verschleierten „Ausverkäufe" und gegen die an immer wechselnden Orten auftauchenden Unternehmer der Schleudergeschäfte Stellung genommen hat. Wie immer in Zeiten wirtschaftlicher Depression wird auch jetzt von der soliden Kaufmannschaft das Gebaren der unsoliden Elemente weit schwerer empfunden, als dies in Zeiten flotten Geschäftsganges der Fall ist. Das, was heute jedoch von mancher Seite geleistet wird, überschreitet die Grenzen des Erlaubten jedoch um ein Beträchtliches. Wenn wir also das Vorgehen der Genossenschaft gutheißen und als berechtigt durchaus anerkennen, so möchten wir doch dem Geleitwort, welches die Genossenschaft dem Abdruck ihrer Eingabe an die Handelskammer vorauszuschicken für gut befunden hat, einige Worte widmen. In einer Sprache, die von „bodenständig" weit entfernt ist, erklärt die Genossenschaft, daß diese Schleudergeschäfte „die boden ständische Kaufmannschaft der Wäschebranche empfindlich schädigen". Was hat das „bodenständig" mit der ganzen Angelegenheit zu tun? Hat die Genossenschaft nur die Interessen ihrer „bodenständigen" oder die aller Mitglieder zu vertreten? Oder soll das „bodenständig" ein sanfter Hinweis darauf sein, daß alle diese Schädlinge, die zu bekämpfen die Genossenschaft anerkennenswerterweise unternommen hat, keine „Bodenständigen" — lies Juden — sind? Wir möchten doch sehr bitten, bei an sich gewiß sehr begrüßenswerten Aktionen nicht derart läppische Seitenhiebe auszuteilen, denn die stete Erfahrung sollte doch wohl zur Genüge gezeigt haben, daß ebenso wie es unter Juden und Christen durchaus ehrenwerte Kaufleute in Hülle und Fülle gibt, auch unter den christlichen Kaufleuten wie unter den jüdischen mitunter ein schwarzes Schaf zu finden ist. („Die Wirtschaft", Wien.) Bald zwei Millionen Juden in New York. Nach einer Mitteilung der New York Jewish Communal Survey gab es fm Jahre 1928 in New York 1,835.000 Juden. Nach der Schätzung dieser Kommission wird New York in weniger als fünf Jahren zwei Millionen Juden zähten. Die Kommission stellt ferner fest, daß sich die wirtschaftliche Lage der Juden in New York allmählich bessert; die Zahl der vom öffentlichen Wohlfahrtswesen abhängigen Familien nimmt zusehends ab. Nach einer Mitteilung von Dr. H. S. Lmfrekl vom Büro für jüdische Statistik und Forschung zählt© man im September 1928 in den Vereinigten Staaten 4,228.029 Juden. Israelitischer Jugendgottesdienst. Am Samstag, den 30. November L .1. findet um 3 Uhr nachmittags der Jugendgottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks-Synagogen statt. KLEIDERHAUS SCHACHTER XII.,MEIDl. HAUPTSTR.26-TEL.R31 3 76 Größte Auswahl in fertigen Herren- und Knabenkleldern in besterQuaiität J^- Eisrene Werkat&tte für feine Mafiarbeit.