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Die Wahrheit · 1929-11-29 · Heft 48 (29.11.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 48 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT fanatisierten Gruppe zu ziehen versuchte, ja als . ich nur auf die imanente Gefahr der Enthumanisierung hinwies, die durch ein staatenbildendes Judentum drohte, denn ich fand und finde es noch, daß das Judentum in seiner Diaspora legitimiert und durch seelisches Martyrium beinahe geheiligt durch zwei Jahrtausende der letzte Hort der Humanität ist, ihr letzter Schutzwall vor dem Anmarsch der neuen grauenhaften Barbarei des Nationalismus. Vor einigen Tagen las ich, daß ein jüdischer Sportverein1) sich geweigert habe, Mitglieder aufzunehmen, die sich nicht zum Zionismus bekannten. Da haben Sie das ganze Elend, die ganze Armseligkeit, die ganze Verhetzung. Was für ein Unterschied besteht da noch zwischen diesen und der rabiaten Phraseologie unserer Völkischen? Keiner. Indem man die vorhandenen neunundneunzig Haß- und Kampfparteien um eine, die hundertste vermehrt, hat man eben aufgehört, sich zu unterscheiden, hat man aufgehört, human zu sein, und wenn es irgend einen Grund zum Verzweifeln gibt, ist es der. Aber auch Sie und Ihre Freunde sollen nicht mit der Schärfe des Schwertes wüten, sondern durch das Anderssein, das exemplarische Bild und Vorbild, ich meine nicht durch Argumentation, sondern durch die sittliche Selbstverständlichkeit der Lebensgestaltung und Geisteshaltung. Nur das kann uns aus dem Sumpf, dem Krieg im Sumpf, dem Haß und dem Mißverständnis herausführen. Ich bin Ihr sehr ergebener Jakob Wassermann. ') Gemeint ist der Wiener jüdischnationale Sportklub „Hakoah". D. Red. Da hat nun auch „Die Stimme" „das ganze Elend". Wir wollen nicht frohlocken, weil einer der hervorragendsten Männer unserer Zeit mit wuchtigen Worten dasselbe ausgesprochen, was wir so oft, verlästert und beschimpft, gesagt haben. Aber eine Peststellung können wir uns doch nicht ersparen: Wir verweisen darauf, daß alle zionistischen Blätter zwar stolz — und dies sicherlich mit Recht — meldeten, daß Jakob Wassermann für die Befreiung des Rigaer jüdischen Studenten Halsmann eintritt und sich dabei als Jude bekennt, daß sie sich aber in Verunglimpfungen nicht genug tun können, wenn Jakob Wassermann als Jude dem jüdischen Nationalismus entschieden widerspricht. In der letzten „Neuen Welt" z. B. sagt ein gewisser o. r. in einem unglaublich gehässigen Artikel von Jakob Wassermann, er habe „einen Trennungsstrich gezogen zwischen den braven »deutschen', liberalen Israeliten und der Horde raubgieriger, vertierter, verwahrloster, wurzelloser O s t j u d e n, die sich auf Deutschland gestürzt haben und seine Bücher nicht lesen, geschweige denn kaufen". Was hat es in Wirklichkeit mit der Aeußerung Wassermanns bezüglich der Ostjuden .auf sich? Unser Mitarbeiter Chajim Bloch hat in der Vorbemerkung2) seines demnächst im Amalthea- Verlag (Zürich—Leipzig—Wien) erscheinenden Buches „Priester der Liebe" (Die Welt der Chassidim) sich mit der Stellungnahme des' Dichters zu den Ostjuden in vornehmer Weise kritisch befaßt und diesem den betreffenden Vorabdruck des Werkes eingesandt. Darauf erhielt er von Wassermann folgenden Brief: „... Ihre Bemerkung wegen der Ostjuden trifft in keiner Weise meine wirkliche Haltung 2) Wir werden diese Auseinandersetzung nächstens zur Veröffentlichung bringen. D. Red. 3euUletcwi Ein rassischer Künstler. Skizze von Clara Schott. Von einem jüdischen Künstler, der nur wenig bekannt sein dürfte, will ich erzählen. Von einem Musiker, dem sich aus Holz und Stroh ein armseliges Instrument baute und auf diesem eine solche Virtuosität erlangte, daß er sich vor Fürsten und Königen produzieren durfte. Joseph Gusikow war sein Name. Er wurde 1809 zu Sklow, einem Städtchen in Russisch-Polen, geboren. Sein Vater war ein armer Flötenspieler, der auf Hochzeitein aufspielte. Diese Flöte war im Hause das einzige Fröhliche, denn es herrschte darin bittere Armut. Um die Erziehung der Kinder konnten sich die Eltern wenig kümmern. Sie bestand auch nur -daraus, daß man sie brav zur Synagoge schickte. Der kleine Joseph ging täglich mit seinem älteren Bruder früh und abends dorthin, den übrigen Teil des Tages füllte das Lesen der heiligen Schrift und die Auslegung derselben aus. Im Alter von acht Jahren begann sich der kleine Joseph mit dem Talmud zu beschäftigen, wie es allgemein üblich war. Er saß zehn bis zwölf Stunden des Tages im Cheder (Lehrzimmer) und lernte. Des abends aber holte er sich des Vaters Flöte heraus und spielte ihm seine bald schwermütigen, bald scherzenden Melodien nach. Es dauerte nicht lange, so hatte er seinen Vater, der ihm diese Melodien. vorspielte, überflügelt, und die Leute sahen es gern, wenn er bei Gelegenheiten und Hochzeiten denselben vertrat. Es machte dem Knaben auch ein unbändiges Vergnügen^ nach althergebrachter Sitte einem Hochzeftszug spielend voranzuziehen. Aber nicht nur in der Qemeinde hörte man den jugendlichen Flötenspieler gern, im ganzen Städtchen lauschte man dem hebräisch-polnischen Nationalmelodieni. die in ihrer wehmütigen Lebendigkeit sonderbar ergreifenden Eindruck machen. Der Knabe liebte seine Musik selbst so sehr, daß' es ihm schwer fiel, sie am Sehabbes nicht ausüben zu dürfen. Er spielte meistens bis in die Nacht hinein und sein älterer Bruder begleitete ihn oftmals auf der Violine, und schließlich untere nahmen die Kinder mit dem Vater gemeinsam eine Reise nach Moskau, wo sie sich öffentlich hören ließen. Dort war gerade eine russische Melodie sehr .beliebt, die Joseph, der nie eine Note gelernt hatte und alles, nur nach dem Gehör 'Spielte^ wunderhübsch variierte und damit die Aufmerksamkeit vieler auf sich zog. Leider hatte der Flötenspieler das Unglück, 1831 von einer Brustkrankheit befallen zu werden, wodurch es mit seinem Flötenspiel zu Ende war. Joseph litt unendlich, seiner musikalischen Ausübung beraubt zu sein, denn Musik war sein Lebenselement geworden. Er mußte sich nun neue Töne suchen, wenn er wieder froh werden wollte. Neben der Flöte hatte er sich wohl auf dem Dudelsack, einem Instrument, das dem slawischen Landvolk geläufig war, versucht. Freilich hatte er es nur am Purim gespielt, um dadurch, verkleidet und mit Maske versehen, die Gemeindekinder zu .amüsieren. Jetzt griff Joseph Gusikow darauf zurück und überdachte, wie er dieses einfache Instrument für sich ausbauen könnte. Nach und nach gelang ihm dies auch. Und zwar vermehrte er zuerst die Zahl der Hölzer, spitzte sie an beiden Enden mehr zu und brachte sie in skalaartige Ordnung. Nun verband , er sie miteinander und erhielt somit nach und nach ein Instrument, in weleheir sich die höchste Einfachheit mit sinnreicher Erfindung vereinte. Hiermit machte Gusikow ungeheures Aufsehen, und es waren ganz besonders die Bauern, die angelaufen kamen, das Instrument anzustaunen und seinen Tönen' zu lauschen. Sie spendeten dem Spieler auch reichlich Kopeken und verbreiteten seinen Ruf in der ganzen Umgegend Im Jahre

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