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Die Wahrheit · 1929-11-29 · Heft 48 (29.11.1929) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 48 (29.11.1929)
Date
1929-11-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 29. November 1929 Nummer 48 „Das ganze Elend!" Auf die große Gefahr hin, für ein gegnerisches Blatt Reklame zu machen, empfehlen wir unseren Lesern den Ankauf der „Stimm e", Nr. 101 vom 21. November 1929, solange noch der Vorrat reicht. Sie werden da auf Seite 3 einen höchst interessanten Artikel finden, der die pathetische Aufschrift trägt: Jakob Wassermann an „Die Stimme'4. Der Artikel beginnt mit einem empfindlichen Schlag für unser Blatt: „Ein assimilatorisches Blatt m Wien (nicht genannt sollen wir werden! „Die Wahrheit") brachte die Nachricht, daß Jakob Wassermann den bekannten Aufruf der deutschen Assimilanten gegen die Jewish Agency nachträglich unterfertigt hat. Da wir ansonsten nirgends diese Mitteilung bestätigt vorfanden, wandte sich unser Redakteur mit einer diesbezüglichen Anfrage an den Dichter." Wir hätten dem Herrn Redakteur der „Stimme" das Porto für seine „diesbezügliche Anfrage" ersparen können, denn schon von uns in Wien hätte er erfahren können, daß unsere „Die Stimme" so aufregende Nachricht der Berliner „Jüdisch- Liberalen Zeitung", Nr. 44 vom 30. Oktober 1929, entnommen wurde. Man möchte nun meinen, daß nach dieser sensationellen Einleitung „Die Wahrheit" Lügen gestraft wird, indem ihre Meldung von Jakob Wassermann dementiert wird. Dem ist aber nicht so. Vielmehr muß „Die Stimme" mit Ach und Weh zwei Briefe des Dichters veröffentlichen, in denen er seine Stellung zum Zionismus in einer Weise präzisiert, die der „Stimme" und mit ihr allen Jüdischnationalen nur sehr unangenehm sein kann. Sie hilft sich denn auch über diese große Verlegenheit mft Phrasen wie »»Humanitätsdünket" usw. hinweg, bringt aber sonst die beiden Briefe beinahe kommentarlos. Auch wir wollen das tun, sicher mit mehr Recht als „Die Stimme*4, denn Wassennann spricht uns aus der Seele. Der Brief an den Redakteur der „Stimme*4 lautet: Sehr geehrter Herr Doktor! ......obwohl Ihre Zuschrift wie eine Aufforderung zur Rechenschaftsablegung klingt, zu der ich mich keineswegs verpflichtet fühle, will ich diese Zuschrift in aller gebotenen Kürze beantworten. Ich kann durchaus nicht eins ehe», in<- wieferndasoffeneBekenntnisz frrrrtf ur den tum identisch sein soll mit dem Bekenntnis zum Zionismus. Ich kann ferner nicht einsehen, daß das Nichtbekenntnis zum Zionismus gleichbedeutend sein soll mit Feindschaft gegen den Zionismus oder gar mit Gleichgültigkeit gegneüber dem Furchtbaren, was sich in Palästina ereignet hat. Das ist es ja eben, was die Mißverständnisse ins unheilvoll Unentwirrbare vermehrt. Ich habe mich vor einigen Tagen gegen Dr. Woyda, den Herausgeber der „Jüdisch-liberalen Zeitung" in Berlin, in diesem Sinne geäußert und meinen Standpunkt zu erläutern versucht; um dies nicht noch einmal tun zu müssen, lege ich die Abschrift des betreffenden Briefes bei. Ich weiß, daß ich gegen Windmühlen kämpfe, aber wozu sind denn die Don Quichotes auf der Welt. Hochachtungsvoll Jakob Wassermann. Der bezogene Brief lautet: Geehrter Herr Dr. Woyda! .....Meine Situation gegenüber dem Judentum hat niemals an einer Zweideutigkeit gelitten. Ehe es noch einen Zionismus gab, habe ich, vor mehr als dreißig Jahren, im Vorspiel der „Juden von Zirndorf" diese messianische Idee dichterisch zu gestalten unternommen. Als es noch üblich war, daß der deutsche Schriftsteller jüdischer Abkunft sich hinter einer Maske verbarg, die sein wahres Gesicht unkenntlich machte, habe ich mit Beginn meiner Laufbahn mit diesem Versteckenspiel ein Ende gemacht und bin mit offenem Visier auf den Plan getreten. Dadurch ergab sich der Weg von selbst, den ich in meiner im Jahre 1921 erschienenen autobiographischen Schrift gekennzeichnet habe und der für viele andere Erkenntnis und Aufforderung zur Nachfolge geworden ist. Aber die wachsende Politisierung unserer Zeit hat ihr zerstörendes Gift auch in das Judentum getragen, und jene messianisch-religiöse Idee, von der ich oben sprach, sollte plötzlich Wirklichkeit werden. Ich kann und will mich über diese tragische Katastrophe eber Idee hier nicht weiter äußern. Ich kann nicht einmal von mir und meinen traurigen Erfahrungen sprechen, den häßlichen Anfeindungen, deren Ziel ich wurde, als icb den Trennungsstrich zwischen mir und einer mehr und mehr

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