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Die Wahrheit · 1929-04-24 · Heft 17-18 (24.4.1929) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 17-18 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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m Seite 15 Einwohner auf. Die Christen hielten mehrere Kundgebungen unter freiem riimmel ab. Nach diesen Kundgebungen wurden jedesmal jüdische Einwohner, die sich auf die Straße wagten, schwer mißhandelt. Der Kreischef, der von den Juden gebeten wurde, die Ordnung herzustellen, erklärte, er könne nur dann für die Ruhe garantieren, wenn die Kreuze wieder aui dem Platz aufgestellt werden. Unter Protest der jüdischen Gemeinde wurden die Kreuze vor den Häusern der Juden wieder aufgestellt Saloniki. Saloniki war au einem der letzten Tage Schauplatz eines Ritualmord-Tumults, der gefährliche Dimensionen anzunehmen drohte. Eine christliche Frau, die mit ihrem Kinde in einem jüdischen Stadtviertel spazieren ging, bemerkte plötzl'i'ch, daß ihr Kind nicht mehr an ihrer Seite war. Sie begann px schreien, daß die Juden ihr das Kind gestohlen haben, um es zu töten und sein Blut für das kommende Pessachfest zu gebrauchen. Bald hatte sich eine unübersehbare Menge Christen angesammelt, die sich anschickten, über die jüdischen Wohnungen herzufallen. Ein griechischer Soldat versuchte, die Menge zu beruhigen, indem er erklärte, er selbst habe ein heruirotrendes Kind gefunden und es zum Polizeikommissariat gebracht. Das Kind konnte bald von der Polizei der Mutter wieder zugeführt werden. Trotzdem beruhigte sich die Menge nicht, und es mußte viel Polizei aufgeboten werden, um den lärmenden Pöbel zu zerstreuen.__ W^i:bdJlboiu\ßhtmßid^ Waktkzä! Offener Brief Union deutschösterreichischer Juden Wien IX., Berggasse 4 Tel. A 19-2-77 Der 10. SprediöDend der „Union" findet Samstag, den 4. Mal 1929, o Ohr abends, im Saale des WISSENSCHAFTLICHEN KLUBS VI. GetreldemarM % (Eingang Dreüiulelseng i) statt, wozu hiermit die höfliche Einladung an alle Freunde der „Union*, sowie an die Mitglieder, insbesondere auch an die Damen ihres Familien- und Bekanntenkreises ergeht. Tagesordnung: Frau Dozent Solle Orflnleld Uns meiner Werhslatt (Lichtbilder-Vortrag) Anschließend Diskussion GÄSTE WILLKOMMEN! Das Präsidium der .UNION DEUTSCHÖSTERREICHISCHER JUDEN' it « an Herrn Kultusvorsteher Dr. Desider Friedman n, Obmann des zionistischen Klubs in Wien. Sehr geehrter Herr Kultusvorsteher! Laut dem Bericht der „Wahrheit" vom 19. April 1929 haben Sie bei der am 15. April 1. J. stattgefundenen Budgetberatung der israelitischen Kultusgemeinde als Generalredner im Namen der zionistischen Partei folgendes gesagt: „In dieser Zeit des Elends müsse ein gewisser Abbau bei jenen Tempeln erfolgen, in deneu einmal in der Woche eine „Galavorstellung" abgehalten wird. So sei es z. B. nicht das größte Unglück, wenn der Margaretner Tempel gesperrt wird, da man immer nur nach dem Maßstab der Notwendigkeit vor*- gehen müsse." Diese nur auf talscher und gehässiger Information beruhenden Bemerkungen sind leider von keiner Seite gerügt worden, noch wurde dagegen Protest erhoben, was nicht nur bedauerlich, sondern auch mir ganz urtörkäärlich ist. Deshalb sehe ich mich bemüßigt, Ihnen auf diesen Wege die Antwort zu geben. Ich bin derzeit Leidtragender und daher täglicher Besucher des Margaretner Tempels und kann aus eigenen Wahrnehmungen Ihnen wahrheitsgetreu berichten, daß an Wochentagen sowohl früh als abends zumindest zwei bis drei Minjonim und Freitag abends über 100 Personen, darunter 40, die Kadisch sagen, den Gottesdienst besuchen, um ihre Andacht zu verrichten. Und das nennen Sie, sehr geehrter Herr Kultusvorsteher, der in erster Linie berufen ist, den Kultus zu fördern und zu unterstützen, eine „Galavorstellung"? Ist das nicht, gelinde gesagt, ein Hohn auf die religiösen und ethischen Gefühle der Margaretner Tempelbesucher und gleichzeitig eine Herzlosigkeit gegen die Leidtragenden? Ich erhebe als bescheidener, aber religiöser Jude, im Namen der 15.000 jüdischen Einwohner der Bezirke Wieden— Margareten, die durch Ihre Aeußerung in ihren innersten Gefühlen tief verletzt wurden, flammenden Protest, denn es ist wahrlich ein Novum, daß ein Kultusvorsteher den Kultus öffentlich herabsetzt. Der alte neunundsiebzigjährige Adolf Hofmann, Präsident des Margaretner Tempels, hat 60 Jahre, fast siei-n ganzes Leben mit unerschütterlichem Fleiß Hel'ter auf Heller, Baustein auf Baustein, gesammelt und gespart und war glücklich, den Tempel als Wahrzeichen der Glaubenstreue der jüdischen Bevölkerung der beiden Bezirke aufgebaut zu haben. Da erinnere ich mich an einen Ausspruch, den der damalige Bürgermeister Dr. Kart L u e g e r einer Deputation des Vorstandes, die ihn zur Einweihung des Tempels einlud, sagte: „Es ist schon an der Zeit gewesen, daß die Juden von Wieden und Margareten einen Tempel erbaut haben, auf den sie stolz sein können, der auch eine Zierde der Stadt Wien ist." Das hat der antisemitische Bürgermeister Lueger gesagt und jetzt sagt der jüdischnationaie Kultusvorsteher und Führer der Wiener Zionisten Dr. Desider Friedmann, daß es kein großes Unglück wäre, wenn dieser Tempel gesperrt werde. Tempora mutantur! Das Judentum steht bekanntlich aui den drei Säulen Tora, Awanda und Gemiilas Chassodim — Gesetzeslehre, Gottesdienst und Mildtätigkeit und hat sich durch Jahrtausende auf diesen Grundsätzen erhalten. Sie haben den traurigen Mut, die mittlere Säule, für die unsere Vorfahren so viel gelitten und. gjeblutet haben, niederzureißen. Niederreißen ist keine Kunst; eine Kunst ist aufzubauen, und so irage ich Sie wieder, welche Tempel haben Sie und Ihre Partei schon in Wien aufgebaut? Zum Schlüsse erlaube ich mir noch zu bemerken, daß ich und die Juden von Wieden—Margareten Ihnen, sehr geehrter Herr Kultusvorsteher, für Ihre Aeußerungen besonders dankbar sind, da wir jetzt genau wissen, was von Ihnen und Ihrer Partei uns droht, wenn Sie einmal — was Gott verhüten möge — in der Kultusstube ans Ruder kämen. Mit vorzüglicher Hochachtung Philipp Stern, Wien IV., Suttnerplatz 10. fiiftöej i Beutst WIEN l.v Sellenstettengasse 2 Tel. U 28-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-85 ■ KleiderkreditZahlbar £S££t* 8 ■ Sämtliche Herren- und DamenfcleMer 8 5 Nur Qualitätsware! nach Maß sowie fertig lagernd. Billigste Preise! ■ ■ KLEIDERN AUS WERTER, WIEN XVI., ■ ■ Telephon A t-501 Ottakringerstrafie 17 Telephon A 1-301

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