Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 17-18 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 m I Das Beste Sdimidl Mazzoin; ■ welche unter streng orthodoxer Aufsicht des Rabbinates der israelitischen Kultusgemeinde "Wien hergestellt werden. Die Mazzoth * S werden aus dem feinsten ungarischen Mehl erzeugt. Seit vielen Jahren genießen die ,,Schmidl-Mazzoth" das beste Renommee. ■ S Zentrale: N. Brodetzki, II., Leopoldsgasse 43, t«.» 46-i-bo, a 40 2-«$ : i FILIALEN: ■ M. Wildmann, l.( Bäckerstraße 16 — Jakob Weiß, II., Untere AugarferstraBe 25 — S. Schneider, J| Ii., Miesbachgasse 12 u. II., Nevaragasse 12 — David Raab, II., Schilfamlsjasse 7 — M. Spiegel, ■ III., Rfidetzkystraße 4 — Sabine Binder, IX., Hahngesse 33 — Max Silberberg, IX.»Roteniöwen- ■ gasse 8 — Ignaz Finkelsteln, XX., Klosterneuburgerstraße 9 — H.Luwisch,XX.,HannovergasseBO g Jakob Wassermann, XX., Walle nsteinstraße 58 ■ Armin Friedmann's Karriere. Im Wiener Carltheater wird momentan ein Schwank gegeben, der, wie so viele ähnliche des gleichen Autors, jüdische Charaktere in angeblich witziger Weise auf die Bühne bringt. Der Titel dieses Schwankes „Ida Poppers Karriere" erinnert uns an die Karriere des Autors selbst. Es ist Armin Friedmann, der, nachdem er jahrzehntelang durch Stücke, die in jüdischem Milieu spielten und hauptsächlich bei dem jüdischen Publikum gewissen Anklang fanden, Karriere gemacht hat, nun dem Judentum, wie aus der heutigen Austrittsliste zu ersehen, den Rücken kehrt. Es ist kaum anzunehmen, daß der alte „Onkel B e r 11 h a r d" oder der jüngere „Dr. S t i g 1 i t z" ihm den Rat zu einem solchen Entschluß gegeben haben, denn diese „Helden" der gleichnamigen Bühnenwerke Armin Friedmanns wurzeln noch im Judentum. Ihr geistiger Vater aber findet es für angezeigt, im 66. Lebensjahre seine eigene Vergangenheit zu verleugnen. Ob das jüdische Publikum sich diesen Affront gefallen lassen wird? Ein Beerdigungsskandal in Warschau. Seit einigen Tagen herrscht in Warschau eine große Aufregung infolge eines Zwischenfalles auf dem jüdischen Friedhof, der gegen den Präsidenten der Gemeindeverwaltung, Abg. Farbstein, gerichtet war und die gesamte jüdische Presse sowie die Gemeindeorgane beschäftigt Vorletzten Freitag starb der Vizepräsident der jüdischen Gemeinde, Jesaja Rosenbaum, der als Führer der, polnischen Agudah bekannt war. Bei seiner Beerdigung sollte u. a. Abg. Farbstein im Namen der Gemeinde eine Trauerrede halten. In dem Moment, als Farbstein die Rednertribüne bestieg, erhoben zahlreiche junge Burschen einen fürchterlichen Lärm und veranstalteten eine an diesem Platze ungewohnte Katzenmusik. Vergeblich war die Intervention der anwesenden Persönlichkeiten; die Schar der Burschen und älteren Lärmmacher hörte nicht eher zu toben auf. bis Farbstein, ohne gesprochen zu haben, die Tribünei verließ. Dabei kam es zu bedauernswerten Schlägereien zwischen den versammelten Juden, unter denen es Misrachisten und Agudisteii gab. Der Fall wurde zunächst als eine von Agudahkreisen organisierte Kundgebung gegen den Misrachistenführer Farbstein gedeutet Alsbald erschienen aber in der Presse öffentliche Erklärungen der Agudahleiitung, wo di'e Vorkommnisse aufs schärfste verurteilt werden. Es soll sich vielmehr um einen Racheakt handeln seitens gewisser fanatischer Kreise gegen den Gemeindepräsidenten, weil dieser die „jüdische Schönheitskönigin" in Warschau, „Miss Judea", offiziell empfangen hat. Die Gemeindeverwaltung trat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, in der eine scharfe Resolution gefaßt wurde, die auch seitens der Agudahvertreter unterzeichnet wurde. Auch andere Agudahführer, die beim Zwischenfall anwesend waren, sandten an die Redaktionen der jüdischen Zeitungen entsprachende Erklärungen. Wie verlautet, soll Abg. Farbstein die Feindseligkeiten vorausgeahnt und sich vor der Beerdigung an die Leidtragenden mit der Anfrage gewendet haben, ob ihnen eine Trauerrede von ihm genehm sein werde. Darauf erklärten diese, sie würden es als besondere Genugtuung empfinden, wenn Farbstein als Gemeindepräsident und angesehene Persönlichkeit den Verschiedeinen Würdigen werde. Das Werk eines Hetzapostels. Nach einer nationalsozialistischen Versammlung iu Arnsberg (Deutschland), in der der ehemalige Pfarrer M ü n c h m e y e r eine Hetzrede hielt, zog eine Rotte Nationalsozialisten zur Synagoge und schlug dort die Fenster ein. Die Bande drang auch in die jüdische Volksschule ein, zerbrach Tische und Bänke, riß Bilder und Karten von den Wänden, und verunreinigte die Schulzimmer auf nicht wiederzugebende Weise. In den Betsaali der Synagoge vermochten die Burschen nicht einzudringen, da die Türen fest verschlossen waren. Die Polizei hat bereits fünf der Täter festgenommen. Neuer Status der italienischen Juden. Die Aussöhnung Italiens mit dem Vatikan, der neue Vertrag zwischen Staat und Kirche und die Neubildung des päpstlichen Staates in Italien haben eine Neuregelung des verfassungsmäßigen Status der jüdischen Gemeinden Italiens notwendig gemacht. Im Zusammenhang mit der neuen religiösen Politik hat die Regierung beschlossen, eine Modifizierung der gesetzlichen Verfügungen bezüglich der Juden, die noch vor der Bildung des vereinigten italienischen Königreiches In Kraft getreten war, vorzunehmen. Zu diesem Zweck wird eine Sonderkommiss'ion eingesetzt, der drei Juden, unter ihnen der Oberrabbiner von Rom, und drei Nichtjuden angehören. Aufgabe dieser Kommission wird es sein, den Entwurf eine Neuregelung des Status der jüdischen Gemeinden herzustellen. Wie es heißt, wird der anfängliche Plan, die Stelle eines Oberrabiners für ganz Italien zu schaffen, fallen gelassen. Viel wahrscheinlicher: ist, daß ein rabbi nischer Rat, ähnlich einem Beth-Din, als oberste rabbi nische Landesbehörde eingesetzt werden wird. Ritualmordhetze in aller Welt. Polen. In dem Städtchen Kartus-Beresa auf dem Wege zwischen Bialystok und Brest-Litowsk wurde ein christliches Mädchen, das in einer Mazzothbäckereibeschäftigt war, vermißt. Der polnische Fleischermeister Jakob Zalcwski hetzte die christliche Bevölkerung gegen die Juden auf und behauptete, die Juden hätten dte Vermißte getötet, um ihr Blut für die Pessachkost zu verwenden. Eine, aufgeregte christliche Menge versammelte sich in den Straßen und nahm eine drohende Haltung gegen die jüdische Bevölkerung ein. Der Judenschaft des Ortes bemächtigte sich eine starke Panik. Die Polizei untersuchte den Fall und fand schließlich die Vermißte frisch und munter im Hause des Hetzers, der somit als ein Provokateur gefährlichster Art entlarvt wurde. Der Staatsanwalt des Distriktes Puszani erhob gegen Zalewski Klage wegen Unruhestiftung. — Die Judenheit des Städtchens P e 1 a t i n lebt seit einigen Tagen in schwerer Panik. Vor einigen Tagen haben unbekannte Personen mitten auf einem Platze, der ganz von Häusern von Juden umgeben ist, Kreuze aufgestellt. Der Vorsitzende der Gemeinde ließ die Kreuze wegbringen. Antisemitische Agitatoren hetzen die christliche Bevölkerung von Stadt und Umgebung gegen die jüdischen