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Die Wahrheit · 1929-04-24 · Heft 17-18 (24.4.1929) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 17-18 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 me WAHfmmt l> ^Sfbtn* v&fkntUchjungci* der Unicn deutfchösteeveicKifcKev t/ttc£e#* Mc!9Wt WienlX.*BeFggarrß 4 :19-2-77 zelinten besitzt, wie ihn kaum ein anderes Volk außer dem deutschen aufzuweisen vermag. Das sensible Empfinden der Juden, ein Produkt ihres jahrhundertelangen Martyriums, erklärt dieses gewaltige Interesse der Juden für die Musik. Dagegen mußte der Vortragende leider feststellen, daß vielfach das Interesse der jüdischen Künstler selbst, je bedeutender sie sind, um so geringer für das jüdische Problem ist, wenn er auch selbst in seinem ausgezeichneten Vortrage oft und oft Beispiele unentwegten Festhaltens jüdischer Musiker an ihrem Judentum trotz aller Lockungen und antisemitischer Unbill anführen konnte. Auch das jüdische Publikum zeigt gegenüber der jüdischen Musik nicht jenes Interesse, das dieser Zweig echten jüdischen Lebens verdient. Erst in letzter Zeit ist hier durch die Wirksamkeit des „Vereines zur Pflege jüdischerMusik" unter Leitung des Herrn Professor Dr. Max Graf eine gewisse Besserung zu verzeichnen. Präsident Dr. Jakob 0 r n s t e i n dankte dem Vortragenden für sein bis ins Detail reichendes Kompendium über ein für viele der Anwesenden ganz neues Gebiet. Die Fülle der Namen, die Professor Wolfsohn genannt, lassen uns mit freudigem Stolze zum Judentum bekennen, das solch ausgezeichnete Männer und Frauen auf dem Gebiete der Musik hervorgebracht hat. Dr. Ornstein unterstrich vor allem die Bedeutung des Vortragenden selbst als Künstler, zu dem die Judenschaft Oesterreichs und der ganzen Welt mit Verehrung und Dankbarkeit aufblickt. In der Diskussion nahm Dr. Karl Steiner die Gelegenheit wahr, anläßlich des zwanzigsten Todestages des größten deutschen Schauspielers Adolf Sonnenthal in ehrenden Worten dieses Mannes zu gedenken, der Zeitlebens auch ein guter Jude gewesen ist. Seine persönlichen Reminiszenzen und biographischen Mitteilungen weckten die Erinnerung an den großen Künstler, der stets im Sinne eines Autogramms gewirkt hat, das er Herrn Dr. Steiner einmal gegeben hat und in dem es heißt: „Keine große Liebe zur Kunst ohne heiße Liebe zur Menschheit." Hofrat Ing. Josef Löwy zeigte in glänzender Weise auf, wie benachbart Wissenschaft und Kunst sind und daß daher angesichts des großen Anteiles der Juden an der Wissenschaft auch Vergleiche zu der Tätigkeit der Juden im Kunstleben angebracht sind. Nur auf einem Gebiete, dem der Bildhauerei und Malerei ist die Rolle der Juden keine allzu große. Dagegen sind sie als Denker und Gefühlsmenschen in der Wissenschaft und Musik stark vertreten, insbesondere, wie Prof. Wolfsohn zeigte, in der letzteren, die die Gefühlskunst kat exoehen ist. Reg.-Rat Dr. Max Lenk richtete an den Vortragenden verschiedene Anfragen bezüglich der jüdischen Lithurgie und des jüdischen Volksliedes, die von demselben unter neuerlichem Hinweis auf den oben genannten „Verein zur Pflege jüdi- Veranstaltungen der „ Union" Der 9. Sprechabend der „Union" war einem Gebiete gewidmet, das, wie Präsident Dr. O r n s t e i n in seiner Einleitung richtig bemerkte, schon in den urältesten Zeiten eine bedeutende Rolle im Leben der Juden gespielt hat, nämlich der Musik. Der große jüdische Künstler Professor Juliusz Wolfsohn, den wir mit Stolz und Freude zu den Unseren zählen, sprach vor einem sehr zahlreichen Publikum über „Die Juden in der Musik", wobei er die große Schar der von ihm behandelten Künstler nicht chronologisch, sondern nach ihrer Bedeutung den Zuhörern glänzend vor Augen führte, und zwar in einem Ausschnitt, der ungefähr die letzten hundert Jahre umfaßte. Vorher haben die Juden in der Musik keine besondere Bedeutung gehabt, da das Ghetto ihre Schaffenskraft lähmte. Besonders interessant war die Schilderung, wie Professor Juliusz Wolf söhn zu seinem Vortrag überhaupt gekommen ist. Als er im Jahre 1903 in Paris an der Sorbonne studierte, gab es dortselbst eine Fakultät für Sozialwissenschaft in russischer Sprache, deren Lektoren jetzt vielfach zu den Machthabern in Rußland zählen, zum Beispiel der vor einiger Zeit verstorbene Lenin. An dieser Fakultät disputierten Lektoren und Studenten über alle möglichen Wissensgebiete, so auch über die Rolle der Juden in der Musik, wobei vielfach die Meinung ausgesprochen wurde, daß diese Rolle eine kleine, fast lächerliche sei. Damals schon regte sich in Professor Wolfsohn eine Opposition, aber da er den Stoff noch nicht gänzlich beherrschte, fand er keine Möglichkeit, in die Diskussion einzugreifen. Als er dann später auf seinen Konzertreisen in verschiedenen Ländern weilte, fand er überall dieselbe Meinung über die angeblich zersetzende Tätigkeit der Juden in der Musik vor, so daß er sich der Forschung über diese Frage zuwandte. Das Ergebnis seiner Studien liegt nun vor, ist aber noch nicht abgeschlossen, da immer wieder neue Künstler beweisen, daß die Schaffenskraft der Juden in der Musik sich in aufsteigender Linie befindet. Und nun zeigte Professor Wolfsohn an den großen jüdischen Künstlern aus dem Reiche der Töne auf, wie das verhöhnte und beschimpfte jüdische Volk die Behauptung, daß es auf allen kulturellen Gebieten, also auch in der Musik, nur Minderwertiges geschaffen, glänzend widerlegt habe. Raummangel macht es uns unmöglich, die stattliche Zahl der von dem Vortragenden meisterhaft charakterisierten Musiker hier wiederzugeben, zumal der Vortragende in erschöpfender Weise alle Zweige der Tonkunst in fast zweistündiger Rede behandelte. Der Gesamteindruck war der, daß es eine unleugbare Tatsache ist, daß das Judentum einen gewaltigen Anteil an der Entwickinns: der Musik, insbesondere in den letzten Jahr-

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