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Die Wahrheit · 1929-04-24 · Heft 17-18 (24.4.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 17-18 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT m Seite 1J Ein Sederabend- Von Josef Kaplan (Fulda). Am ersten Sederabend des. Jahres 1915 saßen wir Schüler am Sedartische unseres Rebben Gabriel, des weit über döo Grenzen Polens hinaus bekannten Talmudgelehrten und Leiters der grüßten Jeschiwah und lauschten andächtig seinen Worten, .die uns von dem Siege der Kinder Israels über den Pharao erzählten. Reb Gabriel erzählte uns die Hagadah mit geschlossenen Augen und begleitete jeden Satz mit eiinem tiersinnigen Kommentar, der den hohen Geist des Gelehrtem verriet. Immer neuere Ideen breitete er vor uns aus, immer wundersamer wurden seine Erklärungen, deiwn wir ehrfurchtsvoll und bewundernd zuhörten und immer mehr wurde es uns klar, daß der, der sprach, ein Großer unseres Volkes ist. Regungslos saß der Patriarch, nur seine dünnen Lippen bewc-igten sich und ab und zu stöhnte er unbewußt, wie einer, der einen drückenden Traum träumt. £s schien uns allen, als erlebe der Rabbi eben beim Erzählen all die Oualen der Kinder Israels am eigenen Körper. Bis zu einem Flüstern sank die Stimme Reb Gabriels." „Von tiefster Finsternis, von bitterster. Pein und Erniedrigung, von entehrendem Sklaventume — führte uns die Allmacht Gottes empor, empor zum Lichte einer neuen Aera: Gott! Glaube! Glaube! Glaube!" Der Rabbi schwieg eine WeMe. Von weit her härten wir den Donner der Kanonen, un den das Ohr schon seit Monaten gewöhnt war. Blutig war das Ringen vor der Stadt. Vereinzelte Trupps deutscher Soldaten zogen duirch die Stadt und brachten immer mehr Verwundete. Pferdehufe schlugen auf die Steine. Wagen rasselten, vereinzelte Rufe wurden laut. Dann wieder Stille vor den Fenstern und nur der Kanonendonner hielt an. Oben in den Dachstuben des Rabbis lagerte deutsches Militär. Es waren Landsturmmänner mit wilden Bärten und sorgenvollen Gesichtern. Es schien, als befleißigten sie sich, das Fest der Juden nicht zu stören. Rabbi Gabriel neigte; sein Haupt lauschend zur Seite. Ehrfürchtig sahen wir auf sein edles Antlitz und ergriffen bemerkten wir, wie es feucht hervorschimmerte durch seine geschlossenen Augemlider. Langsam öffnete der Greis die Augen und sah in die vor ihm liegende Hagadah. Dann wies er einem Schüler mit der Hand, daß er die Türe öffnen solle. Und miit erhobener Stimme begann der Rabbi: „Sch'fauch chamos'chu--". Ein furchtbarer Donner krachte. Wir schraken zusammen und sa'hen ängstlich auf den Rabbi, dessen Hände zitterten. Kaum hörbar sprach er den angefangenen Satz zu Ende, und setzte sich erschöpft nieder. Mit bebenden Lippen fuhr er fort wie im Gebete: „Du gießest deinen Zorn über die Völker, Vater! Genug der Strafe, gütiger Gott! Genug der Läuterung! Bald kommt die Zeit, wo sich das Schwert in einen Pflug, der Haß in Liebe umwandeln werden! Dein Ratschluß ist unerforschlich, allbarmherziger Vater!" Der Rabbi bedeckte seine Augen und atmete tief. Wir waren dem Weinen nahe, denn wir fühlten in uns den Schmerz unseres Lehrers. Plötzlich rief einieir: „Sehet zur Türe!" Erschrocken wandten wir uns alle um und sahen in der offenen Türe einen Soldaten stehen. Er trug einen feldgrau überzogenen Helm und eine grünliche Uniform. Schlaff hingen ihm die Hände herunter, leichenblaß wair sein bärtiges Gesicht und wehmütig blickten seine Augen. Rabbi Gabriel sah nach der Gestalt, die regungslos dastand: Er erhob sich und frug den Soldaten mit milder Stimme: „Was ist dein Begehr?" Der Soldat ging einen Schritt vor. Es schien, als koste es i<hm einen inneren Kampf, zu antworten. Es zuckte um seine Lippen, seine Augen waren weit geöffnet, feucht blickten sie den Rabbi' an, der seine Frage nochmals wiederholte. Dann kam es, halberstickt unter Tränen, aus dem Munde des Fremden: „Ich — bin — Jude---■." Mit leuchtenden Augen ging der Rabbi' dem Manne entgegen. Er umarmte ihn und küßte ihn auf die Wangen, während er mehrere Male wiederholte: „Scholen aleichem, Bruder!" Bald fühlte sich der fremde Soldat heimisch, seine Beklommenheit schwand und in unserer Mitte vergaß er Kampf und Krieg und erzälüte von seiner deutschen Heimat, von Weib und Kind und vergangenen Zeiten und seine Augen leuchteten, während er nachdenklich sagte: „Gott lebt noch — er hat uns Menschen nicht vergessen, wie ich es bisher glaubte. Er lebt für uns — und eine bessere. Zukunft!" So feierten wir die erste Pessacbieier des furchtbarsten Krieges. So erlebte ich den denkwürdigsten Sederabend meines Lebens.---«- Susti&e l&e. Dr. Adler, der frühere üroßrabbiner von England, war, ehe er nach London berufen würde, in dem kleinen deutschen Landstädtchen A. tätig, und man sah ihn mit herzlichem Bedauern von dort scheiden. Zu seiner Ehrung veranstaltete die Gemeinde ein großes Abschiedsbankett, bei dem es an geistreichen Reden nicht fehlte. Einer der Redner; der den scheidenden Rabbi feierte, hob hervor, daß so schmerzlich auch der Verlust für die kleine Gemeinde sei, man doch gerechterweise sagen müsse, daß einem solchen Adler ein größeres Nest gebühre. Hierauf erwiderte Dr. Adler schlagfertig, das sei eigentlich nicht der Grund seines Scheidens, denn ein größeres Nest als A. gebe es auf der ganzen Welt nicht ... Am Schabbos Hagadol kam der Rabbi vor. Ropschitz aus dem Beth Hamidrasch sehr ermüdet heim. Auf die Frage seiner Frau sagte er, die Deroscho habe ihn diesmal besonders ermüdet: „Es sind so viele Arme in der Stadt, die Teuerung ist fürchterlich, und darum habe ich mich angestrengt, den Reichen zu Herzen zu reden, daß sie diesmal für Mazzoth (Moos Chitin) mehr spenden sollen.*' „Und was hast du erwirkt," fragte die Rebbezen. „Eines habe ich sicher erreicht"*, antwortete der Rabbi lächelnd, „die Armen wollen nehmen; ob auch die Reichen geben wollen, das weiß ich nicht.4' Ort der Handlung: Vollbesetzter Stadtbahnwaggon. Neben mir sitzen Vater und Sohn. Eine alte Dame steigt in den Waggon. Zwischen Vater und Sohn entsteht nun folgendes Gespräch: „Vater!" — „Ja, mein Junge?** — „Soll ich der Dame meinen Platz anbieten?4* — „Tu das, mein Junge!4' — Ueberlegende Pause des Jungen; dann: „Wenn sie aber eine Jüdin ist?" — Prüfung der alten Dame durch den Vater — dann: „Ich glaube nicht!" — Der Sohn macht nun Anstalten, sich zu erheben. Im letzten Augenblick hält ihn der Vater zurück: „Bleib sitzen, vielleicht ist's doch eine Jüdin!" Ein antisemitischer Laienrichter frozzelte mit Vorliebe jüdische Zeugen. Einmal kam er aber an den Unrechten. Er hatte als Zeugen einen Mann zu vernehmen, der Vorbeter in einem Vereinstempel, Lehrer und Schochet (Schächter) war. Die Bezeichnung Schochet war dem Herrn Laienrichter neu und er. wendete sie mit furchtbarem Vergnügen fortgesetzt bei der Vernehmung des Mannes an. Als die Vernehmung zu Ende war, fragte der Laienrichter höhnisch: „Sonst haben Sie nichts mehr zu sagen, Herr Schochet?" „Nur noch eins", erwiderte seelenruhig der Zeuge, „Vorbeter bin ich für die Erwachsenen, Lehrer für die Kinder und Schochet für's R i n d v i e h!"

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