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Die Wahrheit · 1929-04-24 · Heft 17-18 (24.4.1929) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 17-18 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Ü MBH imrthmWHftihifflHiimiimmimtr, j^jj? ^^fitfcHtitT Dunkel irregeleiteten Wir würden zu hing; nehmen, wenn einer Jury gewählte „Schönheitskönigin" im Mittelpunkte des karnevalistischen Umzuges. In Warschau wird eine von einem Vereine gewählte „Schönheitskönigin" in der Gemeindestube von dem derzeitigen Präsidenten der Kultusgemeinde mit Sätzen aus dem „Hohenliede" begrüßt und gefeiert. Ein verbreitetes jüdischesBlattinDeutsch- 1 a n d darf nicht zurückstehen und veranstaltet so eine Art Kostümschönheitskonkurrenz, um nachher die Siegerinnen, die Misses ... in Wort und Bild zu feiern. In einer Zeit der Lichtreklame dürfen die Reklametricks auch aus dem Volksempfindens nicht fehlen, all dem überhaupt nacht Stelnicht soeben eine gewichtige christliche Stimme aus Amerika mahnend und warnend über den Ozean zu uns hinübergekommen wäre. Nach dem, was eine seichte, gedankenlose Presse aus der Schönheitskonkurrenz in Europa gemacht hat, muß es schon mit als eine Mahnung an Judenheit und Judentum empfunden werden. Man rüstet sich nämlich zu einer Weltschönheitskonkurrenz in Galvestone in Texas, auf der die „Miß Europa" mitkonkurrieren soll. Der Lorbeer wird ihr a priori zugesichert, M i ß Europa wird zur Schönheitskönigin der Welt avancieren. Da ist es kein Geringerer als der Bischof Byrnes in Galvestone, der sich direkt mit einem mahnenden Schreiben an die gekrönten Schönheiten in Ungarn und Oesterreich wendet und sie beschwört, nicht nach Galvestone zu kommen, um sich dort für den Weltschönheitspreis auszustellen. Er spricht von derWürdederFrauen, der durch die öffentliche Schaustellung und die Art, wie diese vor sich geht, sehr Abbruch getan wird. „Die Schönheitsschau in Galvestone ist ein vulgärer und roher Akt, zu Reklamezwecken arrangiert; unvorstellbar, daß eine Frau von Selbstachtu-ng sich zu einem solchen Wettbewerbe herg i b t." Wie die ITA. zu berichten weiß, seien sowohl die „Miß Europa" wie die „Miß Austria" (Liesel Goldarbeiter) geneigt, dem Rate des wohlmeinenden Bischofs zu folgen. Aber bedurfte es erst des bischöflichen Zuspruches, um Frauen, und vollends jüdische Frauen und Töchter, an ihre Würde zu gemahnen? Sie sind auch übrigens nur Objekte, Opfer einer reklame- und sensationslüsternen Zeit. Die Schuld für diese Geschmacksverirrung bleibt an den Arrangeuren solcher Schaustellungen, an den Eltern und Freunden, die nicht ihre helfende Hand den Mädchen entgegenstrecken, um sie dem öffentlichen Schönheitsmarkte zu entziehen. Die Schuld haftet doppelt und zehnfach an einer gedankenlosen Presse, die solche Erfolge wie große Leistungen feiert und verherrlicht und damit Verwirrung nach innen und Beunruhigung nach außen anrichtet. KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN, JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT flERn/lNN EBENSP/MQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 Etnzeleietnplare der „Wahrheit ' sind in der GroBtraflk Lloydhof, Wien IL, Praterstraße 11, erhältlich. Der jüdische Roman in Frankreich. Von L. Steinfeld (Paris). Das Hervortreten der gesellschaftlichen und psychologischen These ist die deutlichste Verbindungslinie, die die französische Literatur der Gegenwart mit der vor 1914 verbindet. Die meisten Fragen, die bei uns der wissenschaftlichen Bearbeitung oder der Publizistik vorbehalten bleiben, erörtert der Franzose am liebsten an Hand einer Fabel. Früher war die Bühne dieses Tribunal der Ideen, die die Gesellschaft und die Nation beschäftigten. Heute ist das Thesenstück auch in Frankreich stark zurückgedrängt. Dafür ist der Roman, weit mehr als bei uns, der Diskussion aktueller Fragen zugänglich geworden, keineswegs nur in seiner für den Tageskonsum bestimmten Schicht, sondern bis in die anerkannten Spitzenleistungen hinein. Das gilt insbesondere von der jüdischen Frage. Der Jüdische Roman" hat als Sondergattung der Literatur in Frankreich seit dem Kriege volles Heimatrecht erworben. Eine ganze Kette von Umständen hat hierzu mitgewirkt. Einmal suchte die jüngere Schriftstellergeneration krampfhaft nach einer Erweiterung des geistigen Horizonts, immer mehr exotische und kosmopolitische Elemente drängten in den Roman hinein, und so konnte es nicht ausbleiben, daß man auch den Ueberlieferungen des Orients im Judentum nachging. Schon äußerlich regte hierzu die Zuwanderung aus den Pogromgebieten des Ostens an. Aber man blieb hierbei nicht stehen. Man suchte das jüdische Problem auch psychologisch zu erfassen, man fand, sobald man erst diese bisher fernliegenden Dinge beachtete, eine Fülle neuer menschlicher und soziologischer Gesichtspunkte. Hatte die Autoren des jüdischen Romans, Juden sowohl wie Nichtjuden, anafngs nur die Neuartigkeit des Milieus und eine ungewohnte Problemstellung gelockt, so tat sich bald ein weites Neuland auf, das der literarischen Pioniere harrte. So zieht sich der jüdische Roman durch die gesamte Produktion Frankreichs in ihren Höhen wie in ihren Tiefen: er hat sich ein festes Publikum erworben und bildet beinahe eine festumrissene Sondergattung. Aber er bleibt trotzdem eng mit der Entwicklung der französischen Romanliteratur der Gegenwart verbunden. Man denke nur an Jean de Lacretelles „Silbermann", den frühesten eigentlich jüdischen Roman, der zuerst das Interesse weitester Kreise für das Rätsel der jüdischen Seele wachrief. Dann aber: das Lebenswerk Marcel Prousts, das die moderne französische Literatur beherrscht, baut sich zu einem nicht geringen Teil auf jüdischen Problemen auf. So sehr Marcel Proust, der übrigens mütterlicherseits jüdischer Abstammung war, auch durch die Fülle seiner Gestalten festgehalten wird, immer wieder kehrt er zu seiner Zentralgestalt zurück, zu dem jüdischen Aristokraten Swann, dem Typus der seelischen Ueberzivilisation des 19. Jahrhunderts. Die Dreyfus-Affäre, die das Land geistig in zwei große Heerlager trennt, ist das einzige große Ereignis des Proustschen Romanwerks. Sie wird zum Prüfstein für seine Figuren, je nach der Stellung zum Falle Dreyfus und zur jüdischen Frage überhaupt nehmen seine Menschen schließlich ihre endgültige Position ein. Erst der Kampf um Dreyfus, die große gesellschaftliche Erschütterung Frankreichs, führt zu der Seelenzergliederung und zu der Durchleuchtung verborgenster Wandelgänge des menschlichen Herzens, die für Prousts Schaffen charakteristisch sind. Wer sich durch das Labyrinth der „Recherche du temps perdu" hindurcharbeiten will, dem wird die jüdische Problematik der Proustschen Psyche den Faden der Ariadne in die Hand geben. Von einer anderen Seite her suchen die beiden jüdischen Protagonisten in der französischen Literatur, Andre Spire und Edmond Fleg, dem Problem nahezukommen. Ihre Werke liegen freilich nur zum Teil auf dem Gebiete des Ro-

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