Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 17-18 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 HflpimnimmrnniHiinnHMiiiiHinniiiiin Uummo»n>.Uou. Dfl£ WAHRHEIT Kinder bestand, werden wir zögern, alle die gegen die Juden in neuerer Zeit erhobenen Anklagen des Ritualmordes als leere Verleumdungen, abzuweisen. Allen Forschern der Volksreligion ist bekannt, welche Lebenszähigkeit gerade die niedrigsten Formen des Aberglaubens im Geiste der unwissenden Massen, seien sie jüdisch oder nichtjüdisch, stets bewahrt haben. Und es wäre kein Grund, überrascht zu sein, wenn unter dem verworfensten Teil der jüdischen Gemeinschaft von Zeit zu Zeit di-3 ursprüngliche Barbarei wieder auflebte .... Wenn Handlungen dieser Art wirklidi von Juden verübt worden sein sollen — ich muß es übrigens ablehnen, mich über diese Frage zu äußern — dann müßten sie den Sittenforscher interessieren, als seltene Fälle von Rückfall1 in einen alten und barbarischen Brauch, der ehemals unter den Vorfahren der Juden so wie der Nichtjuden häufig genug geübt wurde. Solche Bräuche sterben langsam, es ist nicht die Schuld der jüdischen Gemeinschaft als Ganzes, wenn die Schlange von Zeit zu Zeit Kraft genug besitzt, um ihr vergiftetes Haupt zu erheben und zu sterben ..." Mit glatten, höflichen, äußerst vorsichtigen Worten — der Gelehrte scheut sich, eine entschiedene Meinung zu äußern — wird hier die bestimmte Verdächtigung ausgesprochen, daß die Ritualmordanklagen neuerer und alter Zeit gegen di© Juden auf Wahrheit beruhten. Die Juden schlachteten tatsächlich kleine Chriistenkinder, um ihr Blut am Pessachfeste zu trinken, und zwar taten das nur die „Verkommensten unter der jüdischen Gemeinschaft" in Erinnerung an das Opfer der Erstgeborenen am Pessach, das in uralten Zeiten üblich war. Er ist richtig, daß die Juden ehemals, in einer längst vergangenen Urzeit Menschenopfer darbrachten, aber damals waren sie noch keine Juden, sondern Heiden und sie opferten nicht Gott, sondern den Götzen. Allein schon der Gott, den ihr Urahn Abraham erkannte, offenbarte ihnen, daß ihm Menschenopfer ein Greuel sfnd. Und just am Rüsttage des Pessachfestes fasten noch heute die Erstgeborenen unter den Juden zur Erinnerung daran, daß am Tage vor dem Auszuge aus Aegypten Gott zu Moses sprach, die Erstgeborenen sollen fortab gleich den Priestern seinem Dienst geweiht sein. Freilich dauerte es noch ein paar Jahrhunderte, bis es den Propheten Israels gelang, in eisernem Kampfe den alten Aberglauben des Götzendienstes und der Kindesopfer auszurotten. Wir wissen, daß die Zerstörung des ersten Tempels und des Reiches und die Wegführung des Volkes nach Babylon als die Strafe Gottes betrachtet wurde dafür, daß unsere Vorfahren, den Mahnungen der Propheten zum Trotz, immer wieder vom Beispiel der Nachbarn angesteckt, in die alten Laster zurückfielen. Wir wissen aber auch, daß nach dem Exil der Götzendienst und die Kindesopfer völlig verschwunden waren aus der Mitte des Volkes. Die einzelnen Phasen dieses Jahrhunderte dauernden Prozesses liegen offen zu Tage in den Büchern der Bibel, und ein Gelehrter wie Prof. Frazer braucht nicht erst darüber belehrt zu werden. Und nun soll dieser uralte, längst überwundene Aberglaube sich noch dritthalbtausend Jahre unter den niederen Massen der Juden lebendig erhalten haben! Ist das nicht der dickste Aberglaube, obwohl ihm ein weltberühmter Gelehrter huldigt und damit Erscheinungen erklären will, die in das Reich der Phantasie gehören? Uebrigens, auch in den schlimmsten Zeiten, als die Propheten ihre ganze Kraft aufzubieten gezwungen waren, um die jüdischen Könige und den Adel davon abzuhalten, daß säe in Nachahmung ihrer heidnischen Nachbarn ihre KindeT dem Baal oder dem Moloch opferten, — handelte es sich ja nur um ihre eigenen Kinder! Darauf beruhte ja die heidnische Verblendung, daß die Menschen glaubten, den blutigen Zorn ihrer Götter nur dadurch besänftigen zu können, daß sie ihnen das Teuerste und Liebste, was sie besaßen, zum Opfer hinschlachteten, und das Blut von ihnen ausschütteten. Nur die eigenen Kinder, die Kinder des eigenen Volkes konnten hingeopfert werden, nicht aber fremde Kinder. Kinder eines fremden Volkes, die man stahl oder raubte, das wäre ja kein Opf«er gewesen; nach der primitiven Logik jener einfältigrohen Menschen mußten die Götter ein solches Opfer nicht nur verschmähen, sondern darob noch mehr empört sein und die volle Schale ihres Zornes über die Opfernden ausgießen. Man hat auch nie etwas davon gehört, daß die heidnischen Vorfahren der Juden oder ihre heidnischen Nachbarn je fremde Kinder geopfert hätten. Immer ist die Rede davon, daß die Könige und der Adel, wenn die höchste Not an sie herantritt, ihre eigenen Kinder, die Erstlinge ihrer eigenen Leibesfrucht dem Moloch oder dem Baal opfern, damit diese das Unglück abwenden . . Nun aber soll unter der niedrigsten und unaufgeklärtesten Schicht der Juden der Glaube sich fortgeerbt haben, daß man zum Pessachfest Kinder opfern und ihr Blut trinken müsse, aber fremde Kinder, Kinder eines fremden Volkes, die man stiehlt oder raubt! Man vergißt nur eine genauere Beschreibung dieses Aberglaubens. Wo, in welchem Lande hat er seinen Hauptsitz? Wem opfern die unaufgeklärten, niederen Juden diese gestohlenen, fremden Kinder, die sie.' schlachten und denen sie das Blut abzapfen? Warum leugnen die hochstehenden, aufgeklärten Juden die Existenz dieses Aberglaubens unter den niederen Schichten ihrer Gemeinschaft, anstatt ihn zu bekämpfen und auszurotten, wie es «inst die Propheten gegenüber der höchsten Schichte des Volkes getan? Sonst arbeiten ja die Juden der höheren Schichten in allen Ländern unermüdlich an der moralischen und kulturellen Hebung ihrer rückständigen Glaubensgenossen. Nur allein an der Bekämpfung dieses Aberglaubens, ders, wie Prof. Frazer versichert, von Zeit zu Zeit wieder erwacht und jedesmal die ganze Gemeinschaft in Aufregung oder gar in höchste Gefahr bringt, an der Ausrottung dieses Aberglaubens aHein weigern sich die höheren und aufgeklärten Schichten der Juden zu arbeiten, ja sie stellen sich immer wie dme Mauer vor die Angeklagten und versichern hoch und heilig, die Beschuldigung beruhe immer auf einem Irrtum. Professor Frazer aber zieht es vor, die gesamte jüdische Intelligenz aller Zeiten und Länder der Heuchelei, der Mitwisserschaft eines sekulären Verbrechens, der ungeheuren Dummheit und Beschränktheit zu beschuldigen, als auch nur einen Moment die Ritualmord-Beschuldigung der Juden als leeren Wahn .zu betrachten. Im Mittelalter zog man es vor, hunderte von Weibern lebendig zu verbrennen, als einen Moment die Hexerei* für einen' leeren Wahn zu betrachten. Sodann zog man es Jahrhunderte vor, zu glauben, daß Juden alle paar Jahre eine geweihte Hostie stahlen und mit Messern und Hämmern auf die papierdünne pfenniggroße Oblatte loshauten, bis Ströme von Blut sich daraus ergießen, und die Juden zu hunderten auf den Scheiterhaufen zu schicken, anstatt diesen ganzen Vorstellungskreis als leeren Wahn zu betrachten .... Man sieht, Herr Prof. Frazer hat vollkommen recht, wenn er von der unausrottbaren Lebenszäbigkeit niederer Formen des Aberglaubens spricht, nur muß man sich bei der Untersuchung nicht auf das unwissende Volk beschränken. Man darf hochgdahrte Oxforder Universitätsprofessoren nicht übersehen. Indessen, so neuartig die Frazersche Theorie klingt, neu ist sie durchaus nicht. Schon in den früheren Zeiten zeigt der Riiitualmordwahn ein doppeltes Gesicht. Einerseits glaubte man, daß die jüdischen Religionsschriiften dein Gebrauch von Christenblut am Pessach offen oder geheim ihren Bekennern gebieten und das Schlachten von Christenkindern zu den Funktionen der jüdischen Gemeindevorsteher und Rabbiner gehörte. Parallel damit lief eine andere Meinung, die den blutigen Brauch als die Uebung einer düsteren Sekte unter den niedersten Klassen der jüdischen Bevölkerung angesehen wissen wollte, eine Sekte und einen Brauch, die beide eine so geheimnisvolle Existenz führten, daß sie dem offiziellen Judentum und seinen Repräsentanten verborgen blieben und nur — der nichtjüdischen Welt von Zeit zu Zeit bekannt wurden! Gegen die erstere Version dieses Aberglaubens protestierten wiederholt Kaiser, Könige, Päpste, Kirchenfürsten, Gelehrte und Regeuten, aber ausgerottet wurde sie erst in dem berühmten Prozeß Rohling-Bloch anfangs der Achtzigerjahre, in welchem Bloch sich das unsterbliche Verdienst erworben hatte, buchstäblich die ganze zivilisierte Welt von der Verlogenheit dieser Behauptung zu überzeugen. Schon in dem ein Jahrzehnt später stattfindenden Ritualmordprozeß wählte sich die Anklage keinen Rabbiner oder Gemeindeoberhaupt, sondern 'einen untergeordneten Gemeindebeamten zum Opfer. Im K on i t z e r-Prozeß war der Verdächtigte schon ein kleiner Fleischerlehrling, aber man fahndete nach einem fremden, jüdischen Landstreicher, der von der Ferne gesehen worden sein und der Komplice des Fleischerlehrlings gewesen sein sollte. Ganz tief unten war man gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in Pol n a angelangt. H i 1 s n e r stand schon auf der tiefsten Stufe der sozialen Leiter, er war ein uneheliches Kind, fast vollkommen Analphabet, halb Landstreicher, halb Bettler. Er. war ganz und gar Angehöriger jener niederen unaufgeklärten, verworfenen jüdischen Volksmassen, die Prof. Frazer eben damals als die treuen Bewahrer der blutigen Tradition der Kinderopfer schildert, die' vor 3000 Jahren dem Moloch und dem Baal dargebracht wurden . . . Der verstorbene J. S. Bloch sagte mir im Jahre 1922: „Wenn ich noch 30 Jahre zu leben hätte, ich würde sie dem Kampfe gegen die Ritualmordlüge in der neuen Fasson widmen. Diese Lüge ist noch lange nicht tot, sie schwebt in der Luft und kann jeden Moment niedersausen." Wie hat der alte Kämpe recht behalten! Man bedenke, daß das Buch von Frazer in jeder