Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 17-18 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT «h™ Seite 5 mehr sprechen wird :Gehörstduzuuns oder zu unseren Feinden, sondern jeder einzelne sich als Fürst der Heerscharen Gottes betrachten und die in Liebe und Frieden geeinte Menschheit zum Volke Gottes wird. Von den vier Gaben des Pessachfestes ist diese Erwartung die wertvollste. Der Ritualmordwahn in moderner Fasson. P'essach-Betrachtungen. Von Binjamiu Segel. Es ist noch niitht ein halbes Jahrhundert her. da bildeten dran beliebtesten Unterhaltungsstoff jüdischer Familien bei der Seder-Tafiel die Geschichten von Ritualmordanklagen, die in vergangener Zeit sich abspielten und gerade am Pessach-Abend, wenn die Familie beim Seder versammelt war, ihren Anfang nahmen. Es gab nur wenige Familien, die nicht selber eine Erinnerung hatten, wie beim Oeffnem der Türe, um den unsichtbaren Propheten Elia zu empfangen, Volk und Polizei eindrang, um nach der Kindesleiche zu suchen, deren Blut die Juden abgezapft hatten. In vielen Fällen wurde die vorher sorgfältig unterlegte Leiche auch gefunden und nun begann ein Prozeß, der sieh oft viele Jahre hinzog und in dem die vornehmsten Mitglieder, religiöse Führer und Oberhäupter der jüdischen Gemeinschaft unter Anklage standen, den geheimen Vorschriften ihrer Religion gehorsam, das Verbrechen verübt zu haben. Kaum sind vier Jahrzehnte vorüber, seit die Anklage dieses Inhaltes zwar zum letztenmal erhoben wurde. Das war im Ritualmord-Prozeß von Tisza-Eszlar. Die seitherigen vier großen Ritualmordprozesse trugen schon ein ganz anderes Gesicht, das gerade jetzt scharf ins Auge: gefaßt werden muß. Es hat nämlich den Anschein, daß der Ritualmordprozeß unter diesem neuen Gesteht ein ständigtes Thema der Sedertafel-Gespräche zu werden droht, und zwar nicht der Ritualmordprozeß der Vergangenheit, sondern der der Gegenwart Seitdem genau vor 10 Jahren die „Protokolle der Weisen von Zion" in Berlin auftauchten und von hier aus ihren unglaublichen Triumph durch Paris und London über die ganze Kulturwelt antraten, waren wir alle überzeugt, daß die Rituatmardlüge für alle Zeiten überwunden sei. Ich selber habe in meinem Buch über die Protokolle (1924) dieser Ueberzeugung mit großer Sicherheit Ausdruck gegeben. Die Protokolle legen nämlich den Führern der Juden ein offenherziges Selbstbekenntnis in den Mund, wonach alle, aber auch alle gegen sie jemals erhobenen Beschuldigungen wirklich und wahr seien — bis auf zwei: die Schändung geweihter Hostien und das Trinken von Christenblut zu Pessach. Es schien, daß der internationale Antisemitismus den Ritualmord als nicht mehr modern zum alten Eisen geworfen hatte. In den Protokollen der Weisen von Zion hatte er ja eine Waffe, ja ein ganzes Arsenal von Waffen, ungleich wirksamer als tausend Ritualmorde .... Wie haben wir uns verrechnet! Erst vor drei Jahren tauchte die Ritualmordbeschuld'fgung wieder auf, und zwar nicht etwa in einem weltvergessenem litauischen oder slowakischen Nest, sondern in einer der zivilisiertesten, verkehrsreichsten Städte Deutschlands, in Breslau, und die gesamten Zeitungen der Stadt, die freisinnigen und demokratischen mitinbegriffen. nahmen die Möglichkeit an, daß von jüdischer Seite wirklich ein Ritualmord begangen wurde, um Christenblut für das Osterfest zu gewinnen. Nur ein Zufall hat es verhindert, daß ein regelrechter Pogrom daraus geworden ist, und die fast gleichzeitige Affäre Haas in Magdeburg, die mit einem solchen Fiasko der Gerichtsbehörden endete, trug äußerlich alle Anzeichen eines Ritualmordprozesses an sich. Doch das merkwürdigste ist, daß im vergangenen Herbst der Rittualmordwahn in Amerika aufgetaucht ist. Das hätte man nie und nimmer für möglich gehalten. Symptomatisch, ist hierbei, daß um dieselbe Zeit die Protokolle de* Weisen von Zion in Palästina in einer neuen arabischen Uebersetzung herausgegeben wurden, nachdem die englische Uebersetzung in O s t a s i e n massenhaft verbreitet wurde, eine neue portugiesische Uebersetzung in Südamerika Triumphe feierte, in S a 1 o n i k i gleichzeitig zwei neugriechische Uebersetzungen erschienen und Bulgarien mit einer Ausgabe nebst Kommentar in der Landessprache von n! ACHTUNG!!! INFOLGE;DER PES'SACHFEIER- I i TAGE ENTFÄLLT UNSERE NUM- : MER VOM 3. MAI DIE NÄCHSTE NUMMER ERi ' SCHEINT FREITAG, DEN : 10. MAI : REDAKTIONSSCHLUSS DIENSTAG, i DEN 7. MAI i *tt 0 \ \ \ \ \ \ 9 dem dortigen Nationalisten-Verein versorgt wurde. „Halte das eine fest und laß das andere nicht los", ist offenbar das Losungswort des internationalen Antisemitismus. Beide Verleumdungen der Juden, die älteste und die jüngste, vertragen sich ganz gut miteinander, man kann sie beide zugleich schwingen. Die Geschichte lehrt, daß es ein Irrtum ist, zu glauben, der Ritualmordwahn rufe den Antisemitismus hervor. Das Gegenteil ist wahr. Wann und wo der Antisemitismus aus irgendwelchen Gründen eine bestimmte Höhe erreicht, dort und da taucht immer der Ritualmordwahn als Waffe gegen die Juden auf. In Amerika, wo, wie wir wissen, seit jeher ein starker gesellschaftlicher Antisemitismus unter der friedlichen Decke herrschte und in den letzten acht Jahren unter der rasenden Protokoll-Agitation Henry F o r d s in die Tiefe wuchs — sollen vielleicht die Sachen schon so weit gediehen sein, daß die Ritualmord-Anklage dort ihren Einzug halten kann? . . . . In der anglo-sächsischen Welt wirbt seit fast 30 Jahren ein sehr mächtiger Faktor unter den Gebildeten für diesen Glauben, ohne daß die berufenen Wächter Israels auf ihn aufmerksam geworden und ihm entgegengetreten wären. Im Jahre 1900 erschien in London bei Mac Millan and Comp, das dreibändige Werk des weltberühmten Oxforder Universitätsprofessors J. G. Frazer „The Golden Bough", eine Ethnologie der Religion, das seither in alle Kultursprachen übersetzt wurde. Auf Seite 174 des 3. Bandes lesen wir folgendes: „Im Mittelalter und in der modernen Zeit send viele Anklagen, so Ritualmorde gegen die Juden erhoben worden, wobei die Argumente für und wider mit soviel Heftigkeit diskutiert wurden, daß sie viel mehr dazu beitrugen, die Leidenschaften zu entflammen, als die Wahrheit an den Tag zu bringen. Ich ziehe es vor, mich auf diesen trüben Kampfplatz nicht zu begeben. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß. soweit ich die angeführten Fälle studierte; die Majorität der Opfer Kinder gewesen sein sollen, und sie sollen von ihrem Schicksal im Frühjahr ereilt worden sein, oftmals eine Woche vor Ostern. Dieser letztere Umstand weist, wenn überhaupt ein Fünkchen Wahrheit an der Anklage ist, auf den Zusammenhang zwischen dem Menschenopfer und dem Pessachfest hin. Es bildete in der Tat oft einen Teil der Anklage, daß das Blut der jugendlichen Opfer am Pessachfest verzehrt werden sollte. Wenn wir nun die starken Gründe erwägen, die dafür sprechen, daß der Hauptzug des ursprünglichen Pessachfestes im Opfern der erstgeborenen