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Die Wahrheit · 1929-04-24 · Heft 17-18 (24.4.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 17-18 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 "^«wm««««»««!^^ DIE WAHRHEIT gegraben. Es war ein Erziehungsmittel, welches die ganze Anschauungs- und Gefühlsweise Israels dermaßen beeinflußte, daß es in seiner Schrift zum Ausgangspunkte aller Gebote der praktischen Humanität wurde. Jedes Leid, das uns nicht niederwirft, erhebt uns. An keinem anderen Volke hat sich dieses Dichterwort in solchem Maße bewahrheitet, wie an Israel in Aegypten. Anstatt, gleichwie bei den anderen Völkern zu Gegendruck und blutigen Revolutionen zu führen, ist unseren Ahnen der harte Druck Aegyptens zu einer Leidensschule geworden, in welcher in ihre Herzen die Gesetze der Milde und des Erbarmens mit unauslöschlicher Schrift eingegraben wurden. Wo sie gelernt haben, die Aegypter und das harte Los, das diese ihnen bereiteten, als Werkzeug in der Hand Gottes zu erkennen, um seinen Heilsplan an Israel zu verwirklichen, gelernt, in den Bitterkeiten des Lebens anstatt zur Härte und Verbitterung den Anlaß zu Milde und Barmherzigkeit zu finden, das M or a u r mit der M a z z o h, dem Symbol der in Liebe waltenden Gottesmacht, zu genießen. Als dritte Festesgabe hat uns Pessach die Emanation des jüdischen Herzens gebracht, des jüdischen Herzens, dessen Saiten gerade zu Pessach in den zartesten Tönen der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit erklingen. IV. Ein ewiger Jungbrunnen war unseren Vätern das Pessachfest, ein unversiegbarer Quell, aus dem sie Kraft und Mut schöpften in allen Lagen ihres Lebens. Was der Frühling der Menschheit, das bedeutet uns, Bekennern des Judentums, das Pessachfest, von welchem in der Schrift immer wieder betont wird, daß es in die Frühlingszeit fällt: Erneuerung der Kräfte, Hoffnung auf Leben, Sonne, Erlösung. Wenn man die geheimen Kräfte erfassen und mathematisch errechnen könnte, die die Erhaltung des Judentums bewirkten, einen Großteil derselben tum zu übergeben. Nun war das alles „Gesäuertes" (chamez), welches über Pes.sach geblieben, und durfte nicht nur nicht genossen, sondern auch nicht für Geld verkauft, nicht einmal verschenkt werden. Und die Fässer Spiritus machten das ganze Vermögen des Schenkers aus. Der Baal-Schern holte nun alle Gesetzbücher und eine Menge dicker Responsensammlungen hervor, blätterte hin und her, faltete die Stirn und sann und sann. Schließlich sagte er zu dem Schenker: „Ich finde keinen Hether (Erlaubnis). Es bleibt euch nichts übrig, als Fuhren zu dingen, die Fässer an den Fluß zu führen und den Branntwein ins Wasser fließen zu lassen. Er darf nicht einmal unentgeltlich verschenkt, geschweige verkauft oder gar genossen werden." Der Schenker wurde blaß, murmelte: „Der Thora muß man gehorchen," und ging von dannen. Der Baal-Schern aber neiste ihm heimlich nach und sah zu. wie er die Fässer alle auf Fuhren verlud und sie zum Fluß hinbringen ließ. Er öffnete den Zapfen eines Fasses und ließ den Inhalt in den Fluß strömen. Da trat der. BaaJ-Schem aus dem Hinterhalt, von wo aus er dem Vorgang zusah, hervor und gebot Halt! „Gott will nur das Herz. Du hast die Prüfung gut bestanden. Aber daß du verarmst, braucht Gott nicht." Und dabei blieb es. Anmerkung: Diese merkwürdige, über den Buchstaben des strengen Gesetzes hinwegschreitende Legende wird von dem Chassidim gern ihrem Oberhaupt Israel Baal-Schemtow zugeschrieben. Sie ist aber entschieden bedeutend älter. Es sind bekanntlich etwa 11 oder 12 Rabbiner bekannt, denen das Epiththou Baal-Schern beigelegt wurde. Dagegen ist wohl keinem Zeitgenossen Israels eingefallen, ihm je1 eine Schaalah zu unterbreiten, und er hätte die Beantwortung entschieden abgelehnt. würden die Energien ausmachen, die dem Pessachfeste zu allen Zeiten entströmten. Die Wacherhaltung der Erinnerung an die Erlösung der Väter aus der Knechtschaft Mizrajims war der Anker, an den sich die Enkel anklammerten in den Nöten ihres schwankenden Daseins; die Wiederbelebung des Gedächtnisses der Geschehnisse, mit welchen Gottes Gnade in das Lebensgeschick der Ahnen so entscheidend eingegriffen, hat bei den nachfolgenden Geschlechtern die Zuversicht erhalten auf die „letzte Erlösung" von allem sozialen, politischen und religiösen Druck, unter denen sie zu leben und leiden hatten. Und nicht nur auf die eigene Erlösung! Von den vorhin erwähnten, Israel eigentümlichen, inneren Kräften ist keineswegs die letzte und schwächste die, daß es selbst in den trübsten Epochen seiner Geschichte sich und sein Schicksal unzertrennlich mit dem der übrigen Welt verbunden erachtete und die Hoffnungen und Erwartungen, mit denen es in die Zukunft geblickt, auf die Erlösung und Erneuerung der ganzen Menschheit ausdehnte. So ward unseren Vätern das Pessachfest zu einer bloßen Vorfeier eines großen, die ganze Menschheit umfassenden Erlösungsfestes, jenes Festtages, an dem alle Menschen erlöst sein werden von den Fesseln, in die sie sich selbst geschlagen. Mit solchen Erwartungen wollen wir, Bekenner des Judentums, in der düsteren Gegenwart unser diesjähriges Frühlingsfest feierlich begehen. Frühling! Mit welch heiliger Sehnsucht sprechen wir dieses Wort in diesem, von einem beispiellos dastehenden, katastrophalen Winter heimgesuchten Jahre aus! Es schien fast, als würde die Natur dieses Mal nicht die Kraft finden, sich aus der Umklammerung zu befreien, in die sie durch einen entsetzlichen Winter geraten war. Und dennoch mußten, wenn auch nach einem furchtbaren Kampfe, die Eis- und Schneemassen ihre Herrschaft an die segenspendende Himmelskönigin abtreten. Nicht anders verhält es sich mit dem Frühling in den menschlichen Herzen. Die Saat, welche vor vielen tausend Jahren in jener Erlösungsnacht in die Herzen Israels, und durch dieses in die Herzen der Menschheit gestreut worden war, scheint in der trüben Gegenwart in Schnee und Eis zu erstarren; der auf Erkenntnis Gottes beruhende Gottesglaube, die Poesie des auf Liebe und Frieden gegründeten Familienglücks, der Segen eines wahrhaft gütigen Menschenherzens, sie laufen Gefahr, vom eisigen Frost unserer Zeit geknickt zu werden. Da melden sich die Boten des Pessachfestes. Wir blicken hinaus in die verjüngte, erneuerte Natur, berauschen uns an ihrem Farbenglanz, saugen uns voll an ihren Kräften und Säften. Wir setzen uns an den festlich erleuchteten Sedertisch und lassen erklingen die alten Weisen: Knechte waren wir einst dem Pharao und es hat uns erlöst Gott der Herr . . . Und siehe da, es lösen sich die Schnee- und Eismassen, es lockern sich die Fesseln, unsere Brust weitet sich, unser Herz wird voll von Zuversicht auf jenen Menschheitsfrühlingstag „in der Zukunft", wo, um wieder mit Lessing zu sprechen, die „inneren Belohnungen" die äußeren an Wert und Geltung übertreffen. Jenen Tag, an welchem nach der Verheißung des festlichen Prophetenabschnittes der eine zu dem anderen nicht

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