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Die Wahrheit · 1929-04-24 · Heft 17-18 (24.4.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 17-18 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 jnuiwumttuutnmiuimnu^^ DIE WAHRHEIT Worte des Zehngebots ihren Ausdruck gefunden? Wenn Lessing meint, Offenbarung sei nichts anderes, als Erziehung der Menschen zu Gedanken, auf die sie, freilich erst nach Jahrtausenden, von selbst kam-, men würden, so gibt es keine glänzendere Bestätigung dieser Auffassung als das Sinaiwort: „1 c h b i n derEwigedeinGott, der dich aus Aegypten hat herausgeführt." Das ist keineswegs der stolze Ruf eines engherzigen Nationalgottes, der sich seiner, für sein „Volk" vollbrachten Heldentaten rühmt, sondern der Liebesruf eines gütigen Vaters, der mit Hilfe eines Erkennungsrufes die Menschenkinder immer wieder daran erinnert und zu dem Gedanken erzieht, daß die Welt nicht führerlos dasteht, daß es vielmehr ein göttliches Walten gibt auf Erden, den Urquell aller Sittlichkeit, das Urbild aller Gerechtigkeit auf Erden. Mochte dieser Gedanke im Laufe der Jahrtausende Schwankungen unterworfen gewesen sein und manche Trübung erfahren haben, verschwunden ist er seit jener ersten Pessachnacht nicht mehr aus der Mitte Israels. Den Schwankenden und Zagenden tönte immer wieder der Ruf entgegen: I c h b i n d e r Ewige dein Gott, der dich aus Aegypten hat geführt, und jedes Geschlecht brauchte und braucht auch heute nur getreu der Weisung sich zu betrachten, „als wäre es selbst aus Mizrajim gezogen", um innerlich frei zu werden, sich der Liebe Gottes nahe und auf Adlersflügeln erhoben zu fühlen über alle Niederungen des Erdenseins. IL Als zweites Angebinde wurde in jener Nissannacht unseren Vorfahren für den schweren Gang durch ungezählte Jahrhunderte das Haus, das jüdische Haus mit auf den Weg gegeben: „Eth bottenu hizzil". In diesen drei Worten der Schrift ist in lapidarer Kürze und plastischer Einprägsamkeit die ungeheuere Bedeutung ausgedrückt, d''e in der Stunde unserer Vclkswerdung dem Hause zugefallen war. Zu den Worten des Hohe- Pessadi-Legenden. Mitgeteilt von Bar-Ami. In einer Stadt war einmal ein hochgelehrter Mann aus vornehmem Stamme und sehr reich. Er führte ein frommes Leben, gab reichlich Almosen an die Armen, lernte ständig Thora und übte alle Gebote streng nach den Vorschriften mit allen Kawwanoth. wie nur einer, der in die tiefsten Geheimnisse der Lehre eingedrungen ist. Er mischte sich nicht unter den gemeinen Haufen, sondern schloß sich ab und saß Tag und Nacht in einem mit Büchern angefüllten Zimmer seines schönen Hauses und widmete sich der Lehre und dem Gottesdienst. Einmal an einem Pessach hielt der reiche und gelehrte Mann in dem größten Gemach seines schönen Hauses einen Seder ab. Du kannst dir denken, wie prunkvoll es dabei herging und wie streng alle Vorschriften bis aufs Haar dabei beobachtet wurden. Der Tisch war mit dem herrlichsten Linnen gedeckt und mit kostbaren silbernen und goldenen Geräten geziert. In kristallenen Flaschen und Bechern funkelte der Wein in allen Farben, und der Wein war von den frömmsten Männern von der ersten Minute seines Wachsens auf das sorgsamste behütet. Rings um den Tisch saßen viele Arme und fremde Wanderer, die der Hausherr eingeladen hatte, ganz wie die Vorschrift gebietet: „Jeder, der da hungrig ist. komme. liedes: „Unter dem Apfelbaum erweckte ich dich", bemerkt der Midrasch: Damit ist die Nothütte des Familienglücks der Kinder Israels in Aegypen gemeint. Pharao hatte das israelitische Familienleben vernichten wollen. Er hat die Männer nächtlicherweile aus ihrer Behausung in die Fron gedrängt. Da kamen die1 Frauen, brachten ihnen das karge Mahl, schöpften ihnen das Wasser aus dem Brunnen und berieten mit ihnen in der kargen Ruhepause über die Erziehung der Kinder unter den Aesten des Apfelbaumes. So ward die j ü d i s c Ii e Familie, das jüdische Haus in Aegypten unter dem Apfelbaum zu neuem Leben erweckt und' dadurch das jüdische Volk selbst gerettet. „U n d allen Kindern Israels war Licht in ihren W o h n u n g e n." Dort strahlte die Helle innigen Gottvertrauens und leuchtete das Licht der ererbten Familientugenden, das einst Mutter Sarah in ihrem Zelte angezündet und für dessen Erhaltung inmitten der ägyptischen Finsternis jene „frommen Frauen" Sorge trugen, denen nach Ansicht der alten Lehrer die Erlösung aus der Knechtschaft Mizrajims in erster Reihe zu verdanken ist. Gewiß, die Erhaltung der Einheit und Reinheit des Hauses, die Pflege des Familiensinnes, die Förderung aller jener Tugenden, die dem jüdischen Hause bis auf den heutigen Tag Farbe und Eigenart verleihen, war bereits den Patriarchen Gegenstand angelegentlichster Sorge gewesen. Die Erkenntnis jedoch von der Bedeutung des Hausesfür dieGesamtheit Israels ward unseren Vorfahren erst in jener Frühlings-Mitternachtsstunde zuteil, als in den Straßen Mizrajims das göttliche Strafgericht sich vollzog, die Götter Aegyptens wankten und die Kunststücke der ägyptischen Zauberer sich als Trugbilder erwiesen hatten. Und die Geknechteten und Bedrückten in ihren Häusern zu einer stillen und doch so beredten Gotteshuldigung sich vereinigten, um Gott für die Errettung zu danken, die erst durch den Schutz erfeiere Pessach mit uns." Der Hausherr saß angelehnt auf seinem mit seidenen Kissen gepolsterten Sessel an der Spitze der Tafel, angetan mit einem mit Goldstickerei verbrämten Kittel, umgürtet mit einem silbernen Gürtel und vor ihm stand die goldene Sederschüssel, auf der mit peinlichster Genauigkeit streng nach den Vorschriften Mazzoth, Kräuter und alles andere schön geordnet dalag. Die Haggade wurde schön und laut gesungen und der Hausherr holte aus jedem Worte die verborgensten Geheimnisse heraus und mit jeder Zeremonie verband er den tiefsten Sinn, den die Weisen und Frommen der Vorzeit ihr unterlegt hatten. Er blickte auf die Tafel hin, und als er sah, daß so viele arme Leute und Fremde an seinem Tisch sich gütlich taten und daß er alle Mizwoth so mit strenger Genauigkeit nach ihrem tiefsten Sinn erfüllte, dankte er Gott und freute sich im Herzen und dachte bei sich: wenn der Prophet Eliah heute in unsichtbarer Gestalt in jedes Haus kommt,, wo der Seder abgehalten wird und aus dem für ihn bereitstehenden Pokal trinkt, so wird er gewiß bei mir zuerst eintreten. Gibt es in der ganzen Gegend weit und breit ein zweites Haus, in dem die Gebote Gottes an diesem Abend so streng und genau, mit so viel Weihe und Andacht erfüllt werden sind? — Nach dem Seder entließ er die Gäste, sein Hausgesinde ging zu Bett, nur der Hausherr allein wollte die ganze Nacht wach bleiben, v/ie die Strengfrommen zu tun pflegen, um Schir Haschirim zu singen und?m heiligen Sohar alle die Erzählungen vom Auszug unserer Väter aus Aegypten zu lesen. Auf einmal übermannte ihn die Schläfrigkeit und er nickte ein. Im Traume kam Eliah, der Prophet, zu ihm und sprach: „Du ierst dich, als du meintest, ich hätte heute abends dein Haus zuerst besucht. Bei dir bin ich seit Jahren überhaupt nicht gewesen. Mein erster Besuch aber galt heute abends

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