Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 17-18 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen ^üdis^WcÄmÄwjt ß* VerÖffewtHAtuige« te „Urion deutsdiSster*. Juden* uad 4mm „Amtliche« Verlautbartm£en der braelltiscfae» Kultusgemeinde Wies" iammaMiM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 24. April 1929 Nummer 17/18 Die vier Gaben des Pessachfestes. E ine Betrachtung Von Rabbiner Dr. Mit unserem lieblichen Pessachfeste, dessen Herankommen alle jüdischen Herzen voll ehrfurchtsvoller Freude entgegenschlagen, verhält es sich nicht anders, als mit den übrigen biblischen Festen: In nationaler Gewandung auftretend, ist es in Wirklichkeit ein Fest, ist es das Fest der Religion Israels in ihrer ganzen Reinheit und allumfassenden Sittlichkeit. Auf den ersten Blick gesehen, hat es freilich den Anschein, als gäbe es im biblischen Festkreis kein zweites Fest, das mit solcher Berechtigung als ein typisch nationales angesprochen werden muß. Werden ihm ja im Fünfbuch alle die Attribute zugeschrieben, die mit dem Begriff „national" unzertrennlich verbunden sind: der nationale Hintergrund des Geschehens, die Verbundenheit mit der heimatlichen Scholle, die Ausschließlichkeit der Verpflichtung für die Kinder Israels. Sieht man aber näher zu, erkennt man, daß alle die erhabenen, über den engen Bezirk des Nationalen hinausragenden Ideen und Lehren, für deren Verbreitung die Propheten ihr Leben eingesetzt, gerade bei dem Pessachfeste zu herrlicher Harmonie sich vereinigen — gleichsam als Bestätigung der in letzter Zeit sich immer mehr durchdringenden wissenschaftlichen Erkenntnis, daß das Beste von dem, was die Propheten gelehrt, bereits im Fünfbuch virtuell vorhanden ist. Im besonderen sind es vier R i c h t u ng e n, die hervorstechendsten in der jüdischen Welt, die in dem Gedankenkreis des Pessachfestes zu einer Einheit verschmelzen und ihm jene überragende Bedeutung verleihen, die diesem Feste bis auf den heutigen Tag eigen ist. Es sind gleichsam vier Gaben, die uns Pessach auf den Festtisch legt, damit wir uns an ihnen immer wieder erfreuen. Vielleicht ist das der tiefere Sinn jenes rätselhaft klingenden Midrasch, der besagt: In jener ersten Pessachnacht, in der die Kinder Israels mit der Verzehrung des Pessachopfers beschäftigt waren, gebot Gott dem Moses, die vier Windrichtungen der Erde zu sammeln und sie im Gan- Eden zu vereinigen. I. Die erste und elementarste Wirkung der ungeheueren Geschehnisse jener Erlösungsnacht zum 15. Nissan war, daß durch sie die Erkenntnis des zu Pessach 5689. Armin Abeles. v ~ einig einzigen Gottes, der Glaube an Ihn, das Vertrauen auf Ihn, als den Gott der Väter, den aus Mizrajim Fliehenden in sinnfällige Nähe gerückt, und ihnen und ihren Nachkommen bis auf den heutigen Tag zum unverlierbaren Besitztum gemacht worden war. Sicherlich, der auf der Erkenntnis des einig-einzigen Gottes beruhende Gottesglaube war auch schon früher nicht ganz unbekannt in Israel gewesen. Ist es doch Vater Abraham, dessen Name mit der Verkündigung und Verbreitung dieser Glaubenslehre unlöslich verknüpft ist. Indes, so wahr dies auch ist, so ist es nicht minder wahr, daß die diesbezüglichen Bemühungen Abrahams bei seinen Zeitgenossen nur von geringem Erfolge begleitet waren. Zum mindesten rindet sich in der Schrift nirgendwo eine Spur davon, daß der geläuterte Gottesglaube, den Abraham verkündet hatte, bei den Massen zum Durchbrach gelangt ist. Er scheint vielmehr bloß eine Einzelerscheinung geblieben zu sein. „Und Abraham glaubte an Gott, und dies ward ihm als frommes Verdienst angerechnet" berichtet die Schrift. Ganz anders aber in jener „Wachenacht". Da ward durch das sichtbare Eingreifen Gottes in die Geschicke eines tief gebeugten und geknechteten Volkes eine Tat gesetzt, von so ungeheuerer Wucht und Schlagkraft, daß durch sie unwillkürlich und ungewollt diebreitenMassen emporgerissen wurden, empor zum Aufblick in die Himmelshöhen, um dort jenen zu erkennen, der „über den Wolken thront, doch auch bei den Gedrückten und Kleinmütigen wohnt." Das war keine Einzelerscheinung, sondern eine gewaltige Aeußerung der göttlichen Huld, deren viele Hunderttausende teilhabende Zeugen waren. „Und sie glaubten an Gott und seinen Diener Moses.u Beim Durchschreiten Gottes durch das Meer, sagen die Weisen im Midrasch, haben die Säuglinge ihre Hälse himmelwärts emporgestreckt und ausgerufen: Dies ist mein Gott, Ihn will ich preisen. Ist es nicht ganz natürlich, daß die Erinnerung an jene Ereignisse zum Haupt- und Eckstein wurde im Gebäude des Judentums und die ungeheure Umwälzung, die sie im Gefolge hatten, gleich im ersten