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Die Wahrheit · 1929-04-19 · Heft 16 (19.4.1929) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Ölfc WAHRHEIT uioiununiiffliifl BBWBWMgnwiBiflHi Seite 9 nem Reich gewähren, die den Heiland gekreuzigt, das Christentum lästern und die abscheuliche Giftpflanze Tabak in meinem Lande verbreitet haben?" (Die jüdischen Händler aus Polen haben nämlich in Rußland die Tabakstaude, aus der das Land seither unermeßliche Reichtümer gezogen hat, eingeführt.) Als er 1563 Plozk eroberte, ließ er die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt kurzerhand in der Dwina ertränken. Diese beiden Züge charakterisierten die russische Judenpolitik. Große Massen von Juden bekam Rußland erst mit den Provinzen, die es sich nach der ersten Teilung Polens aneignete. Katharina II. erließ nach ihrer Thronbesteigung am 4. Dezember 1762 ein Edikt: „Angehörige aller fremden Völker sollen in meinem Reiche willkommen sein, mit AusnahmederJude n". Bis zum Umsturz während des Weltkrieges war das ganze von dem allein herrschenden und ausschlaggebenden Stamm der Großrussen bewohnte Gebiet den Juden streng verschlossen. Dieser Stamm wurde also von jeder intimen Berührung mit ihnen aufs peinlichste bewahrt. Die wenigen „Hebräer", die innerhalb dieses Riesengebietes wohnen durften — es sollen ihrer ungefähr 200.000 unter beinahe 90 Millionen Russen gewesen sein —, waren so verstreut und vereinzelt und durch die Gesetzgebung und Rechtsprechung so gekennzeichnet, daß von einem Einfluß ihrerseits auf die Russen gar nicht die Rede sein kann. Wenn nun in den von den Völkischen vertretenen Anschauungen ein Fünkchen Wahrheit wäre, so müßte England in ethischer Beziehung am höchsten stehen. Jede Spur von Materialismus, Kapitalismus und Egoismus müßte aus dem öffentlichen Leben und der Politik Englands ausgeschlossen sein, es müßte ausgeschlossen sein, daß dieses Land einen Krieg führte um das Monopol am Sklavenhandel (Friede von Utrecht), um Absatzmärkte für Industrieartikel, um Handelsverträge mit Meistbegünstigungsklauseln, um Gold-, Petroleum- und Kohlengruben oder Baumwollpflanzungen oder Bankprivilegien und Eisenbahnkonzessionen. In Frankreich müßte die Sittlichkeit, namentlich die sexuelle, in vollkommen makelloser Reinheit dastehen; die Politik müßte nach den höchsten Prinzipien der Ethik geleitet werden, und es müßte absolut unmöglich sein, daß Rachsucht und Eitelkeit und Rentenhunger diese Nation zu einem Bündnis mit Rußland und zu einem mörderischen Krieg getrieben hätte. In Rußland aber müßte eine musterhafte Verwaltung, eine ideale Rechtspflege, eine stramme Ordnung und eine tadellose Disziplin, das Offizierskorps müßte das tapferste und die Armee die begeistertste, hingebungsvollste und — siegreichste gewesen sein. Habgier der Generale und Intendanten, Bestechlichkeit der Beamten, Auspressung der produktiv Arbeitenden und Unterdrückung der Besitzlosen müßten zu den ganz unerhörten Dingen gehören. Der allgemeine Wohlstand und die Volksgesundheit müßten dort blühen, wie nirgends in der Welt. Und in der Presse aller drei Länder müßte Lüge, Heuchelei, Verleumdung nicht das kleinste Plätzchen haben. Indessen weiß wohl auch ein Völkischer, daß die Wirklichkeit von dem hier entworfenen Bild RICHARD HERZOG, Wien I-, Adler gas se 5 Telephon R 23-4-90 II., Kl. Pfarrgasse 28 Telephon A 41-6-24 Jüdisch«, hebrSlsche und original englische Tanz*chlager-Platten zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Sprechmaschlnen zu günstigen Zahlungsbedingungen bis zu 18 Monatsraten. OKKASSiONSYERKAiir neuer Planen! preis 4 s ziemlich weit entfernt war. Vielleicht möchte doch die psychologische Rassenkunde uns dieses Rätsel lösen? Ollessen» Die Zentenarfeier Billroths war der gebotene Anlaß, dem Andenken des großen bahnbrechenden Arztes den Tribut der höchsten Bewunderung zu zollen. Es wäre aber eine Versündigung an der Wahrheit und an dem ausgezeichneten Manne, wenn man schweigend an einer Entgleisung vorüberginge, die bei dieser Gelegenheit, gewiß unbeabsichtigt, einem Wiener Blatte widerfuhr, in welchem zu lesen war, „Billroth war der erste überzeugte Antisemit an der Wiener medizinischen Fakultät". Diese Bemerkung hat ihre Wurzel wohl in der Reminiszenz an eine viel besprochene Aeußerung Billroths aus den ersten Jahren seiner Wirksamkeit in Wien, als er sich einmal etwas geringschätzig über die aus Polen nach Wien gekommenen jüdischen Studenten ausgelassen. Aber diese Reminiszenz bedarf dringend der Ergänzung. Nichts ist nämlich kennzeichnender für den Wahrheitsmut Billroths, als daß er später offen und rückhaltslos sein Bedauern über diese Aeußerung aussprach, und zwar in Worten, die keinen Zweifel darüber ließen, daß er ein Unrecht bekannte und bereute. Das war würdig des großen Arztes, der ja genau wußte, was seine Wissenschaft Juden verdankt, und nicht am wenigsten gerade Juden, die aus den ärmlichsten Verhältnissen sich durch ihr Genie zur Höhe eines Weltruhmes emporgearbeitet hatten. Diese Korrektur war auch nur würdig eines guten Menschen, der sich darüber klar werden mußte, daß, wenn es auch nur einen einzigen Beruf gäbe, dessen Mitglieder es als Schmach empfinden mußten, Unterschiede zwischen Menschen nach Konfession und Rasse zu machen, das der ärztliche Beruf sein sollte. Ein Billroth

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